Free Rainer – Dein Fernseher lügt

Free Rainer

Es rettet uns kein höh'res Wesen

| Alexandra Seitz |

Der Kampf geht weiter: In „Free Rainer – Dein Fernseher lügt“ widmet sich Hans Weingartner der Macht der Medien und lässt Moritz Bleibtreu an eine bessere Fernsehzukunft glauben.

Dummheit ist gefährlich. Dummheit ermöglicht eine totalitäre Gesellschaft.“ Sagt Hans Weingartner in einem Interview zu seinem neuen Film Free Rainer. Und weil das so ist, muss, wem die Forderung nach einer gerechteren Welt nicht bloßes Wortgeklingel ist, das zu allererst das eigene Image aufwerten soll, selbstverständlich danach trachten, die Dummheit auf ihrem Vormarsch aufzuhalten. Wo immer sie anzutreffen ist und mit allen jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln.

Hans Weingartners Mittel ist das Filmemachen, und er nutzt es mit erstaunlicher Unbekümmertheit zu agitatorischen Zwecken. Und erzielt beeindruckende Ergebnisse. Er hält sich nicht auf mit Schönheitskosmetik – ein wenig Gekrittel hier, ein wenig Genörgel dort, im Großen und Ganzen aber doch den Status Quo erhaltend. Weingartner findet das System Scheiße und macht daraus auch kein Hehl. Er packt das Übel an der Wurzel, mit Grundsatzargumenten, und erzählt Geschichten über den gegenwärtigen Zustand des Ungleichgewichts unserer wohlstandsfetten Gesellschaft, in denen tatsächlich so etwas wie eine, horribile dictu, revolutionäre Perspektive entwickelt wird. Diesen Geschichten dient der Boden der FDGO (= „freiheitlich-demokratische Grundordnung“, was immer das derzeit noch bedeuten mag), den zu verlassen bekanntlich gefährlich ist, lediglich als Sprungbrett. Erst in der gedanklichen Befreiung liegt die Möglichkeit alternativen Handelns. Daher richtet sich Weingartner mit seinen Geschichten an alle und erzählt sie auf eine allen verständliche Weise. Das macht ihn natürlich angreifbar.

Sein letzter Film, Die fetten Jahre sind vorbei, führte zum Beispiel eindrücklich vor Augen, wie die unabsichtliche Beschädigung eines dicken Autos nachhaltig das eigene Leben beschädigen kann, wie umfassend also sich die immer tiefer werdende Kluft zwischen Arm und Reich unter den gegebenen Umständen auswirkt. Doch geistige Fallhöhen spalten eine Gesellschaft mit ebenso schwerwiegenden Folgen wie materielle. Dass Schwachsinn als cool gilt, ist nicht Teil eines absurden, neuen, retro-schicken Modetrends, sondern Teil des Sieges der herrschenden Klasse. Weingartner weiß das so gut wie jeder andere und nimmt sich daher diesmal den unterhaltungsindustriellen Komplex der medialen Volksverdummung vor. Wissen ist Macht, daran hat sich auch in Zeiten des Internet mit seinen scheinbar frei zugänglichen, scheinbar unermesslichen, scheinbar pluralistischen Wissensspeichern nichts geändert. Wissen ist Macht, und Macht ist im kapitalistischen Kontext die Macht über die Begriffe: Definitionsmacht, Herrschaft über das Wort und den Wortschatz, Verfügungsgewalt über Denkverbote und Wahrnehmungsregeln. Deswegen hat das Proletariat auch einen schönen, neuen Namen: „Prekariat“ – das sind die auf der Kippe, die, die über die Klinge springen, wenn sie auf ihrem prekär schmalen Grat nicht still halten und dann das Gleichgewicht verlieren. Mit der Arbeit hat die Arbeiterklasse auch das Klassenbewusstsein verloren; dass sie sich widerstandslos den Namen nehmen lässt, ist dafür der schmerzliche Beweis.

„Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“ (Karl Marx)

Am Ende von Die fetten Jahre sind vorbei machte sich ein widerständiges Trio daran, eine TV-Sendestation zu sabotieren. Free Rainer nimmt diesen Faden – Macht hat, wer Kontrolle über die Medien hat – auf und denkt ihn weiter. Diesmal ohne sich mit Diskussionen aufzuhalten, in denen befriedete Alt-68er Länge mal Breite ihren Verrat rechtfertigen dürfen. Vielmehr gilt es, den Blick nach vorn zu richten, und das geschieht in Free Rainer mit einer geradezu todesmutigen Naivität, die möglicherweise subversiv ist, jedenfalls aber entwaffnend. Keinen geringen Anteil am Gelingen des insgesamt durchaus riskanten Unternehmens hat Moritz Bleibtreu, der sich wild entschlossen und gewohnt furchtlos in seine Rolle wirft und der Titelfigur Glaubwürdigkeit und Dimension verleiht.

Rainer also hat die Nase voll. Zunächst einmal voll mit Koks. Dann aber auch von seiner Arbeit und von seinem Leben. Wenn er ehrlich ist, dann hat er eigentlich überhaupt die Nase voll von dieser ganzen vergnügungssüchtigen, oberflächlichen, denkfaulen Welt. Rainer arbeitet als Gameshow-Produzent fürs Fernsehen und ist mit dafür verantwortlich, dass via Mattscheibe täglich tonnenweise Müll in die Wohnstuben der Endverbraucher gestrahlt wird. Als er eines Morgens von einem Opfer seiner sensationsjournalistischen Tätigkeit beinahe ins Jenseits befördert wird, ist das ein veritables Erweckungserlebnis. Eines von jener Art, die man aus Heiligenlegenden kennt, oder aus Hollywoodfilmen. Rainer beschließt, nicht länger Teil des Problems zu sein, sondern Teil der Lösung zu werden. Doch auch der Revolutionär ist ein Mensch mit Fehlern und Schwächen und sieht zwar den Splitter im Auge des anderen, nicht aber das Brett vor dem eigenen Kopf. Dazu braucht es Pegah, die junge Frau, die den Machertypen im eigentlichen Wortsinn aus der Bahn geworfen hat. Tatsächlich ist Pegah der Engel der Bewegung. Sie liefert die entscheidenden Denkanstöße, sie spricht die wahrhaft wichtigen Sätze – „Das Geld war schon immer der Anfang vom Ende jeder Revolution“ –, sie tut das Richtige zur rechten Zeit. Pegah macht Rainer klar, dass die randständigen Gestalten, die bereit sind, bei seiner schlau erdachten Weltverbesserungsmaßnahme mitzumachen, nicht umsonst als ebensolche gelten; dass die Besonderheit, die sie durch den Raster fallen lässt, gleichzeitig ihre Qualität ist. Der vom Saulus zum Paulus geläuterte Rainer, Erweckungsengel Pegah, Verschwörungstheoretiker Philipp und die erwähnten fünf absturzgefährdeten, vor einer Arbeitsagentur zusammengeklaubten Schattenexistenzen bilden eine Revolutionäre Zelle und rücken der TV-Quote zu Leibe. Denn die Quote bestimmt, was die Leute im Fernsehen zu sehen bekommen, und wie Rainer so richtig bemerkt: „Die Leute können einfach nicht so dumm sein!“

Was folgt, ist ein dramatischer, romantischer Film über eine geistig-moralische Wende der anderen Art, die von unten angestoßen wird. Denn ob das Sein das Bewusstsein bestimmt, oder das Bewusstsein das Sein, ist eine müßige Frage, solange sowohl das Eine als auch das Andere zu wünschen übrig lässt. Gemeinsam mit seiner Hauptfigur führt der Regisseur den Beweis, dass der Stein erst einmal ins Rollen gebracht werden muss, bevor die Verhältnisse zu tanzen beginnen können. Umso erfreulicher, dass Weingartner die abgeklärt resignative Haltung seiner Zeitgenossen fremd ist – „Ihre Waffe ist der Zynismus, mein Schild die Naivität“ – und er darauf verzichtet, den Lernprozess seiner Protagonisten, respektive deren aufrührerisches Tun zu bestrafen. Stattdessen gönnt er ihnen und der „Fernseh-Gemeinde“ ein Happy End. Und erfindet nebenher noch die allerschönste Bildungs-Propaganda-Montage, in der Nostalgie und Kampfgeist gemeinsam stark sind. Gleich ob man Free Rainer nun als medienkritische Science-Fiction, kitschige Revolutionsutopie oder einfach nur beglückend unangepassten Film sehen will, eins ist sicher: Auf jeder Fernbedienung gibt es einen Knopf zum Ausschalten, und er wird viel zu selten gedrückt.

Was tun?

Die Diktatur der Berufsrevolutionäre ist Hans Weingartners Sache nicht. Statt auf die Avantgarde setzt er aufs viel beschworene, tief verachtete Volk und hat, wie Rainer, die Hoffnung auf dessen Bildungsfähigkeit nicht aufgegeben. So viel Vertrauen in die Veränderbarkeit der Verhältnisse verblüfft und zieht unausweichlich den Vorwurf der Simplifizierung nach sich. Denn es liegt im Interesse der Herrschenden, die Welt komplex erscheinen zu lassen: global umspannt von Synergien, Kooperationen, Netzwerken und bestimmt von Abhängigkeiten und Sachzwängen; also viel zu kompliziert für „einfache Leute“, denen man im Zweifelsfall mit dem Verlust des Arbeitsplatzes oder neuerdings einem Terroranschlag drohen kann. Dass einer diesen gordischen Knoten einfach durchschlägt und behauptet, man könne zur Abwechslung ja auch mal in eine andere Richtung gehen, ist nicht vorgesehen. Aufrührerisch zudem. Hans Weingartner wird es nicht wundern, wenn auf seinen bitter nötigen Film eingeprügelt wird – es ist ein Zeichen dafür, dass er ins Schwarze getroffen hat.