Hans Weingartner im Gespräch über Filmkritik, die Feigheit der Bildungselite und über die Chance der Utopie.
Free Rainer hatte kürzlich Premiere beim Filmfestival in Toronto. Wie war es, neben Stars wie Woody Allen, Sean Penn und David Cronenberg zu stehen?
Hans Weingartner: Mit den Stars hat man nur sehr wenig zu tun. Ich habe sie immer nur an der Hotelbar des Hyatt getroffen, und auf dem Festival selbst gibt es einfach zu viele Filme. Wir haben uns zwar sehr angestrengt und waren auch sehr präsent, aber letztendlich hatten wir gegen die ganzen Hollywood-Arthouse-Filme keine Chance. Wir haben auch keinen amerikanischen Verleih gefunden. Das Problem ist, dass jedes Studio mittlerweile seinen eigenen Independent Branch hat und damit in den europäischen Arthouse-Film-Bereich eindringt. Die Stars machen bei diesen Filmen für wenig Gage mit, um sich zu profilieren und einen Oscar zu bekommen, und die Verleiher ziehen diese Produktionen den anderen vor, weil sie mit prominenten Namen in jedem Fall einen Fernsehverkauf bekommen. Beim Publikum ist Free Rainer aber sehr gut angekommen, die Zuschauer haben richtig viel gelacht, und es gab sogar Szenenapplaus.
Die Kritiker in San Sebastián hingegen waren alles andere als euphorisch.
Hans Weingartner: Das stimmt nicht, das war eine Falschmeldung der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Im Durchschnitt der Kritiken waren wir einer der besten Filme. Die APA hat so getan, als ob die spanische Presse den Film unisono verrissen hätte. Die APA hat aus dem Veriss in El Mundo zitiert und dies anderen zugeschrieben. Ganz schlechter Journalismus. Aber es stimmt, dass es schlechte Kritiken gab und geben wird. Das liegt daran, dass viele Kritiker mit einer bestimmten Erwartung in den Film gehen. Sie erwarten von mir einen Film, der so ist wie meine ersten beiden Filme, und wenn ich das nicht liefere, dann sind sie enttäuscht. Das finde ich kindisch, aber menschlich verständlich. Viele Kritiker haben keinen Zugang zum Humor in Free Rainer und können diese naiv-utopische, träumerische Art nicht leiden. Die Kritiken an sich verletzen mich nicht, was mich aber verletzt, ist, wenn die Kritiker persönlich werden. Manche sind unglaublich emotional und beschimpfen mich, als ob ich ein Politiker wäre, der Steuern hinterzogen hat. Aber daran gewöhne ich mich auch noch. Das Problem ist, dass viele Intellektuelle in ihrer Jugend politisch aktiv waren, mit 30 aber dann ihre radikalen Forderungen aufgegeben haben, um sich als vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft zu integrieren. Die wollen die Botschaft, die Free Rainer transportiert, nämlich dass die Welt veränderbar ist, nicht mehr hören, weil sie ihre eigene Lebenslüge rechtfertigen wollen. Und wenn dann jemand wie ich kommt und laut sagt, die Welt sei veränderbar und der Mensch gut, beschimpfen sie mich als naiven Träumer.
In Free Rainer geht es um einen zynischen Fernsehproduzenten, der sich in der Folge gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber wendet und, geläutert durch ein Attentat, die Fernsehwelt qualitativ verbessern will.
Hans Weingartner: In Wahrheit geht es nur vordergründig um das Thema Fernsehen, es steht in dem Film als ein Beispiel für die allgemeine Verflachung unserer Kultur und unsere nachlassenden geistigen Fähigkeiten. Diese Verflachung findet man ja auch in anderen Bereichen, aber das Fernsehen ist heutzutage nun mal das Leitmedium. Die Bildungselite und die Kunst haben dieses Thema lange vernachlässigt, weil dem Fernsehen etwas Billiges und Schmuddeliges anhaftet, an dem man sich nicht die Finger dreckig machen will, weil man sich zu fein dafür ist. Ich finde das falsch und feige. Das Fernsehen ist das dominante Medium. Es bestimmt, welche Bücher gelesen werden, worüber auf dem Schulhof und in der Kantine gesprochen wird und welche Filme populär sind. Diese Dominanz ist ein Thema, auf das man immer wieder kommt, wenn man zusammensitzt und über Politik diskutiert. Irgendwann habe ich dann angefangen, die Quotentabellen in der Zeitung zu lesen und konnte es nicht fassen, dass so etwas wie die Daily Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten sechs Millionen Zuschauer in Deutschland hat. Ich habe mich gefragt, ob das mit der Quote stimmt und wer die überprüft. Und als ich dann erfahren habe, dass die Quote mit diesen GfK-Meter-Boxen gemessen wird, schoss mir die Idee zu dieser Story durch den Kopf. Meine Drehbuchautorin Katharina Held war sofort begeistert.
Nun gibt es ja qualitativ hochwertige Fernsehsender wie Arte und 3sat. Ihre Quoten allerdings sind wenig berauschend.
Hans Weingartner: Dieses Argument wird einem immer von Verantwortlichen der Öffentlich-Rechtlichen serviert. Aber Arte und 3sat sind Programme für die Bildungsbürger, das ist schon viel zu spezifisch, für diese Programme muss man schon sehr gebildet sein, um die Inhalte zu verstehen. Ich bin aber davon überzeugt, dass das Publikum gar nicht so dumm ist wie das Programm der anderen Sender. Das zeigt schon eine Serie wie Dr. House, die sehr erfolgreich ist, obwohl hier mit medizinischen Fachbegriffen um sich geworfen wird und der Hauptdarsteller weder gut aussieht noch ein Gott in Weiß ist. Der Einfluss des Trash-Fernsehens funktioniert genauso wie Fast Food: Wenn du immer nur Burger und Pommes Frites isst, sind die Geschmacksnerven so abgestumpft, dass dir nichts anderes mehr schmeckt.
Aldous Huxley befürchtete in Brave New World sogar, dass die Menschen anfangen, „ihre Unterdrückung zu lieben und die Technologien anzubeten, die ihre Denkfähigkeit zunichte machen“ und dass „die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergeht“. Eine Aussage, die auch Free Rainer macht.
Hans Weingartner: Ja, Huxley war ein Prophet. Free Rainer ist in dieser Beziehung ein optimistischer Film, der Mut machen soll zur Veränderung, privat sehe ich das eher pessimistisch. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es nichts bringt, wenn man einen pessimistischen Film zu diesem Thema macht. Davon gibt es schon genug.
Der Medientheoretiker Vilém Flusser hingegen hat das Fernsehen als Chance begriffen, einen demokratischen Kanal zu gestalten, durch den alle miteinander kommunizieren können. Ist das Internet die Realisation dieser Vision?
Hans Weingartner: Ich denke, Huxleys These trifft auch auf das Internet zu, das eine hervorragende Alternative sein könnte, um sich zu informieren, aber durch den Wust an Informationen nur für diejenigen eine Alternative ist, die entsprechende Kenntnisse haben. Der Fernsehkonsum hat ja trotz Internet in den letzten zehn Jahren zugenommen. Ich glaube auch nicht, dass das Internet künftig in dieser demokratischen Form genutzt wird, selbst wenn es solche Projekte wie YouTube gibt, die ich sehr interessant finde. Aber, bei diesem ganzen YouTube-Hype darf man auch eines nicht vergessen: Man muss nicht nur die Zeit dafür haben, sondern auch die technischen Möglichkeiten, um an diesem Dialog teilzuhaben. Und die hat nur eine Minderheit.
Glauben Sie eigentlich, dass eine Fernsehrevolution, wie sie in Ihrem Film geschieht, möglich wäre?
Hans Weingartner: Möglich ist alles. Aber es ist keine realistische Vorstellung, sondern ein Traum. Die Geschichte soll dem Zuschauer eigentlich vor allem den Kopf durchrütteln, damit er ein bisschen freier wird und sich die Frage stellt, was möglich ist. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen glücklicher wären, wenn sie wieder aktiv ihr Gehirn benutzten.
Das zweite Thema Ihres Films ist Glück.
Hans Weingartner: In meinen Filmen geht es immer um Glück. Ich glaube, dass Fernsehen depressiv macht. Ich habe das selber festgestellt, als ich mich auf das Thema vorbereitet und vier Monate vor der Kiste gesessen habe. Die passive Berieselung fährt das Gehirn einfach so runter, dass es nicht mehr ordentlich durchblutet ist, und das führt zu Depressionen, ich weiß das als Gehirnforscher. Rainer und seine virtuelle Medienwelt stehen für den modernen Menschen, der immer mehr in diesem Kasten lebt und so selber zum Teil des Apparates wird, zum abstrakten, entmenschlichten Wesen. Rainer wird im Film wieder zum Menschen aus Fleisch und Blut und entdeckt die echte Welt. Ich wünsche mir, dass der Film dazu beitragen kann, dass wir Kultur und den Geist wieder als etwas Wertvolles betrachten.Dass der Zuschauer seinen Medienkonsum hinterfragt und natürlich auch, dass er sich im Kino gut unterhält.
