Late Bloomers / Hope Springs – Nichts für Feiglinge

Nichts für Feiglinge

| Daniela Sannwald |

„Late Bloomers“ und „Hope Springs“: zwei unterschiedliche Spielfilme über die so genannten Best Agers.

Es gab Zeiten, da hatten Schauspielerinnen spätestens ab 45 kaum Rollenangebote, abgesehen einmal von den Standards – bärbeißige alte Jungfer, betuliche Tante, schrullige oder gütige Lehrerin oder, vielleicht am allerschlimmsten: Mutter eines in der Realität fast gleichaltrigen Mannes. Bekamen sie doch einmal eine andere Rolle, sah man ihnen die Anstrengung, die der Kampf ums jugendliche Erscheinungsbild kostet, an. Kein Wunder, dass viele von ihnen sich ins Privatleben zurückzogen oder bestenfalls auf die Produzentinnenseite wechselten.

Vernünftige Schuhe

Seit ein paar Jahren ist das anders. Auch Schauspielerinnen, die das 40., 50. oder gar 60. Lebensjahr überschritten haben, dürfen nun wieder im Kino erscheinen und anspruchsvolle Rollen spielen, ohne sich allzu verkrampft ums Jungsein bemühen zu müssen. Mollige Figuren und Gesichtsfalten, Sehhilfen und vernünftige Schuhe sowie ein insgesamt behäbiger Habitus sind auf der Leinwand genauso selbstverständlich wie davor, wo das zahlungskräftige Publikum 50+ sitzt. Und siehe da, plötzlich finden sich Geschichten für ältere Darstellerinnen – und übrigens auch ihre grau und dicklich gewordenen männlichen Kollegen, die nicht mehr nur immer tolle Hechte sein müssen –, und sie sind nicht weniger komisch, traurig, ironisch, ernsthaft, spannend und unterhaltend oder alles zusammen als Filme mit jungen Helden auch. Nicht nur The Best Exotic Marigold Hotel, das munter-bunte Indien-Abenteuer einer Gruppe britischer Pensionäre, zeugte heuer davon, sondern auch die französische Seitensprung-Komödie Mon pire cauchemar oder gar der Action-Film Expendables 2, in dem eine Generation alter Haudegen, von Bruce Willis über Sylvester Stallone bis zu Arnold Schwarzenegger es noch einmal ordentlich und buchstäblich krachen lässt.

Ebenfalls sehr beliebt sind Beziehungsfilme, wie zwei von ihnen dieser Tage in den Kinos laufen, beide mit Starbesetzung und ähnlichem Grundthema: Meryl Streep und Tommy Lee Jones spielen in Wie beim ersten Mal (Hope Springs, USA 2012) ein gemeinsam gealtertes und ein wenig ehemüdes Paar in der Krise, das Gleiche tun Isabella Rossellini und William Hurt in Late Bloomers (Trois fois 20 ans, Frankreich/Belgien/Großbritannien 2011). Die beiden Inszenierungen zeigen, wie unterschiedlich man mit diesem Thema umgehen kann.

Auf der Couch

Hope Springs wurde von David Frankel inszeniert, der 2006 mit The Devil Wears Prada einen Hit landete, aber ansonsten als Veteran des Beziehungsfilms gelten kann, denn die in den neunziger Jahren in den USA von ihm geschriebene, inszenierte und produzierte TV-Serie Grapevine widmet sich dem Thema ebenso wie natürlich Sex in the City (USA 2001–2003), wo er bei einigen Folgen Regie führte. David Frankel, 1959 geboren, wird also mit seinen Helden älter oder umgekehrt.

In Hope Springs begeben sich Kay und Arnold, beide um die 60 und seit 30 Jahren verheiratet, in ein Kaff an die nordöstliche Küste der Vereinigten Staaten, um sich eine Woche einer Intensiv-Ehetherapie zu unterziehen – auf Wunsch von Kay, natürlich. Meryl Streep mit schlechter Frisur, billigem Schmuck und groß gemusterten Blusen spielt die überfürsorglich-übergriffige Kay, die nebenbei in einem Klamottenladen für Frauen, die genauso aussehen wie sie, arbeitet und unter einer diffusen Unzufriedenheit leidet. Es gibt eine rührende Szene gleich zu Beginn des Films, wenn sie im Nachthemd im Schlafzimmer ihres Mannes auftaucht, der sie vollkommen perplex fragt, was sie denn wolle. Und Tommy Lee Jones kann nicht nur diese Mischung aus Ignoranz, ehrlicher Verblüffung und einer Prise Verachtung sehr gut vermitteln, sondern überhaupt die ganze Attitüde eines altgedienten Ehemannes, der sich im üblichen Maß gehen lässt, sich dabei ein paar hassenswerte Eigenschaften zugelegt hat, aber trotzdem geliebt wird – und der ganz ernsthaft denkt, dass er seine Frau zurückliebt.

Das ist die Grundkonstellation in diesem Film, und es liegt nicht an den beiden großartigen Darstellern, dass er nicht so amüsant,
warmherzig, ironisch und vielleicht sogar sozialkritisch ist, wie er sein könnte. Denn kaum sind ein paar der für alte Paare typischen Alltagssituationen durchgespielt, schickt der Regisseur bzw. die Drehbuchautorin (Vanessa Taylor) Kay und Arnold in Therapie. Und mit dem Auftritt des Therapeuten Dr. Feld (Steve Carell) beginnt die Langeweile. Denn Therapiesitzungen sind ja gerade durch ihr immer gleiches Setting charakterisiert, und das ist nun einmal nicht besonders filmaffin. Veränderungen des Lichtes und des Kamerastandpunktes, bei zwei Patienten auch deren Sitzordnung, mehr Varianten hat man kaum. In der Regel beginnt die Rückblende, sobald der Patient auf der Couch liegt, aber nicht in Hope Springs. Kay und Arnold rücken auf dem Therapeutensofa zusammen und wieder auseinander, zupfen an den Fingern, lehnen sich vor und zurück, und die Darsteller bemühen sich nach Kräften, das Seelenleben ihrer Figuren mimisch nachzuvollziehen. Da die Gesprächsthemen, die der Therapeut vorgibt, längst in jedem Frauen- und inzwischen auch Männermagazin verhandelt werden, ist man als Zuschauer weit weniger geschockt als die Protagonisten, wenn es ans Eingemachte geht. Und das sind nicht etwa seine altersbedingten Potenzschwierigkeiten oder ihre Wechseljahrsdepression – die werden ganz vorsichtig, eigentlich kaum merklich, angedeutet – sondern Dinge wie der letzte Sex vor fünf Jahren, die heimlichen Phantasien, Masturbation. Huch. Erwartungsgemäß hat das Ganze dann einen sentimentalen, märchenhaften Ausgang, alles wird natürlich gut, und wie! Na, super!

Generationen

Dass es so einfach vielleicht doch nicht ist, zeigt Late Bloomers, der witzig-elegante zweite Film der Französin Julie Gavras – Tochter des berühmten Costa-Gavras –, die genau hingeschaut hat bei der Generation der 1968er, um die es in ihrem Film geht. Auch Late Bloomers ist ein Film über eine jahrzehntelange, durchaus glückliche Ehe und das gemeinsame Älterwerden, aber er geht ohne jede Sentimentalität mit beiden Phänomenen um. Trotzdem ist man zutiefst gerührt und amüsiert, was der unangestrengten Inszenierung zu verdanken ist und den mühelos agierenden Hauptdarstellern William Hurt und Isabella Rossellini: er als Adam, ein Architekt, der soeben für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden ist, und sie als dessen zwischen Enkeln, Mutter und Ehrenamt sich aufreibende Ehefrau. „Wir haben eine Grenze überschritten, ohne es zu merken“, stellt Mary eines Tages fest, „wir sind alt geworden.“ Adam reagiert wie wahrscheinlich die meisten seiner Geschlechtsgenossen in einer ähnlichen Situation: Er steckt den Kopf in den Sand und den Leib in ein Kapuzen-Sweatshirt.

Regisseurin und Hauptdarsteller müssen sich mit den Unbilden des Älterwerdens eingehend befasst haben – letztere aus schierer Notwendigkeit –, so treffsicher gelingt ihnen die Bestandsaufnahme der Situationen, die den Prozess sichtbar und auch noch für den Zuschauer im Kino fühlbar werden lassen: Da versucht Mary tapfer, aber gequält, mit den im bellenden Stakkato gegebenen Kommandos eines Aquafitness-Trainers Schritt zu halten und ist wiederum peinlich berührt, als ihr im Bus ein Sitzplatz angeboten wird. Da wirft Adam Mary vor, dass sie ihn älter zu machen versuche, fällt aber vor Anstrengung fast in Ohnmacht, wenn er sich mit seinen jungen Kollegen die Nächte um die Ohren schlägt.

Im Hintergrund agieren noch drei Generationen: die vielbeschäftigten und besserwisserischen Kinder von Adam und Mary, ihre Enkel und schließlich, erfrischend abgeklärt, Marys Mutter Nora, die, jenseits von Gut und Böse, mit beißendem Sarkasmus die Umtriebe sämtlicher Familienmitglieder kommentiert. „Ich weiß nicht, was ich mehr hasse“, stellt sie, konfrontiert mit ihren krakeelenden Urenkeln, angewidert fest, „zukünftige Trottel oder zukünftige Zicken.“

Ein wenig atemlos ist die Inszenierung durch häufig eingestreute Montagesequenzen und den treibenden Disco-Soundtrack manchmal geraten, als ob sich die Regisseurin aus Lust an den eigenen Einfällen nicht für ein stringenteres Konzept hätte entscheiden wollen. Aber das macht nichts. Late Bloomers ist ein Film, der seine Zuschauer ganz bestimmt heiterer aus dem Kino entlässt als sie hineingegangen sind, und zwar nicht nur die älteren.