In einer insgesamt annehmbaren Konkurrenz geht Gold überraschend an „Black Coal, Thin Ice“, einen chinesischen Provinzkrimi im Noir-Gewand. Auf den Plätzen: Wes Andersons Kinderei „The Grand Budapest Hotel“ und Richard Linklaters grandiose Langzeitstudie „Boyhood“. ray verleiht zusätzliche Bärenmedaillen.
Es war ein Wettbewerb des „Bodycount“ und der Minderjährigen. Selten standen so viele Kinder und Teenager im Zentrum der Filme, selten starben so viele Figuren auf der Leinwand wie heuer. In Yannis Economides‘ Stratos wird gleich zu Beginn einem Mann ins bebrillte Auge geschossen. Das mag ein etwas drastischer Hinweis darauf sein, vor welchen Kalamitäten die Menschen hier die Augen verschließen, aber was folgt, ist eine lupenreine Metapher in Genre-Form: Leichen pflastern den Weg des Titelhelden durch eine krisengebeutelte griechische Gesellschaft, in der Lug, Betrug und Mord als einzig probate Mittel erscheinen, die eigene Existenz zu sichern. Stratos ist ein Auftragskiller mit vorgeblichen Pensionsplänen, doch die nimmt ihm ohnehin niemand ab – die ausgedehnten nervigen Überredungsversuche der assoziierten Gangster, die unser Held wortlos über sich ergehen lässt, müsste man Tarantino zeigen. Als eine Angehörige beschließt, ihre kleine Tochter einem machoiden Gangsterboss als Sexspielzeug auszuliefern, um Schulden bei ihm abzubezahlen, vermeint man eine nuancierte Veränderung in der bis dahin undurchdringlichen, faszinierenden Gesichtslandschaft des Hauptdarstellers Vangelis Mourikis festzustellen. Das Mädchen wird zum exklusiven Sinn von Stratos’ Existenz, der letzte Rest von Moralempfinden bleibt ihm, dem Killer, vorbehalten. Stratos wurde von vielen als in seinen Redundanzen lähmend empfunden oder schlicht missverstanden, ist aber eine respektable, schonungslose Studie der Dehumanisierung in Zeiten des Mangelkapitalismus. Wir vergeben die Bärenmedaille für den konsequentesten Film.
Reihenweise gestorben wurde im Wettbewerb auch in Form der Komödie (Hans Petter Molands eisige Schneebaggerfahrer-Rachephantasie mit dem sprechenden deutschen Titel Kraftidioten widmet zum Gaudium des Publikums jedem einzelnen Toten eine Gedenktexttafel), des IRA-Thrillers (packend: ‘71 von Yann Demange), des „Asia-Italo-Western“ (No Man‘s Land, siehe hier) oder einer chinesischen Variante des Film Noir: Black Coal, Thin Ice (Bai Ri Yan Huo). Regisseur Diao Yinan breitet die Geschichte eines gescheiterten Provinzpolizisten, der sich in die Aufklärung eines ungewöhnlichen Mordfalls verbeißt und dabei in eine Femme fatale verliebt, aus und lässt sie so köstlich wie buchstäblich mit einem Knalleffekt enden. Der Goldene Bär für diesen Film (neben einem Silbernen Schauspiel-Bären für Liao Fan) zertrümmerte eine der Prämissen des bislang erstaunlich treffsicheren Bärenprognose-Algorithmus der „Berliner Zeitung“: Angeblich zum ersten Mal gewann ein am Nachmittag vorgestellter Film den Hauptpreis. Ob die Jury heuer aus Fairnessgründen regelmäßig auf ein einschläferndes Mittagsmahl verzichtet hat, ist nicht überliefert. Warum Das finstere Tal von Andreas Prochaska nicht auch in den Wettbewerb eingeladen wurde, um den Genre-Anteil mit Bodycount weiter in die Höhe zu treiben, übrigens auch nicht.
Mit den Kids auf Augenhöhe
Im Zentrum etlicher Filme des Wettbewerbs standen Kinder und Jugendliche bzw. deren verzwickte Beziehungen zu ihren Eltern. In Kreuzweg ist es ein 14-jähriges Mädchen (toll gespielt von Lea van Acken), das in seiner tiefen Liebe zu Jesus bis zum Äußersten geht. In der schwierigen Rolle der ultrastrengen Mutter, einer Anhängerin der fundamentalistischen Pius-Bruderschaft, überzeugt Franziska Weisz. Die kritische Haltung des Films zeigt sich plastisch; das Bemerkenswerte daran ist, dass seine spröde Form (an die 14 Kreuzweg-Stationen Christi angelehnte Tableaux) die emotionsunterdrückenden Passionen der beiden weiblichen Protagonisten erzähllogisch kongenial umklammert. Der Rahmen ist gewissermaßen zu fest angeschraubt, um aus ihm herausfallen zu können. Das Geschwisterpaar Dietrich und Anna Brüggemann erhielt für Kreuzweg den Drehbuch-Bären und – oh Wunder! – auch den Preis der Ökumenischen Jury. Dazu verleihen wir, ex aequo mit Stratos, eine weitere Bärenmedaille für den konsequentesten Film.
Formal auf der anderen Seite des Spektrums angesiedelt ist die großteils mit Wackelkamera wie aus der Hüfte geschossene Vernachlässigungsgeschichte Jack von Edward Berger. Die Mutter des Titelhelden hat auch nach der Geburt ihrer Söhne ihren flockigen Lebensstil zwischen Clubhöhle, Gelegenheitsjobs und flüchtigen Männerbekanntschaften nicht aufgegeben. Nach einem Haushaltsunfall muss Jack ins Heim, büxt aber schon bald aus, um seine Mutter zu suchen. Am Ende einer nervös aus seiner Augenhöhe gefilmten, berührenden Odyssee durch Berlin steht die Entscheidung Jacks (beeindruckend der elfjährige Ivo Pietzcker) zwischen Mutterliebe und Verantwortungsgefühl für den kleinen Bruder – sie verdient ex aequo mit Kreuzweg eine weitere Bärenmedaille für den konsequentesten Film. Und eine letzte solche verleihen wir dem österreichischen Beitrag zum Wettbewerb, dem gelungenen Spielfilmdebüt Macondo von Sudabeh Mortezai: Denn so viel Blödsinn kann der elfjährige Ramasan gar nicht anstellen, dass seine tschetschenisch-muslimische Mutter oder gar die Regisseurin ihm die Zuneigung verwehren würden. Macondo, gedreht in der titelgebenden Simmeringer Flüchtlingssiedlung (die die meisten Wiener wahrscheinlich nur vom Hörensagen kennen), besticht durch das authentische, im Kern dokumentarische Setting, eine unaufdringliche und dennoch klare Haltung zu Migrationsfragen, vor allem aber durch den einfühlsamen Blick auf einen Ersatzvater-Konflikt. Ein offizieller Bär ging sich dafür nicht aus, aber für Mortezai galt nach der ohnehin überraschenden Einladung in den Wettbewerb das olympische Motto „Dabei sein ist alles“. Stattdessen holten österreichische Dokumentarfilme in Nebenreihen Preise: Hubert Sauper erhielt für We Come as Friends den Friedensfilmpreis, Johannes Holzhausen für Das große Museum (ein Porträt des KHM Wien, das die Diagonale eröffnen wird) den Caligari-Filmpreis.
Der Bär der Herzen
Gemessen an La teta asustada, für den die Peruanerin Claudia Llosa 2009 den Goldbären erhielt, ist ihr diesjähriger Beitrag um eine belastete Mutter-Sohn-Beziehung enttäuschend. Die kanadisch-spanisch-französische Koproduktion Aloft versucht durch fließende Kamerabewegungen, viel Gegenlicht und ätherische Musik Atmosphäre zu erzeugen, erstickt aber an substanzloser Symbolüberfrachtung (ein Falke bewirkt Schicksalhaftes, auf dünnem Eis wird obligatorisch eingebrochen) und mehrwertloser chronologischer Verschachtelung. Menschen mögen sich mitunter rätselhaft verhalten, Llosas Figuren (u.a. immerhin von Jennifer Connelly, Cillian Murphy und Mélanie Laurent dargestellt) sind ihre Rätsel jedoch allzu esoterisch eingeschrieben. Zu langatmig wiederum ist die altbekannte Emanzipation eines Teenagers vom Macho-Vater im argentinischen Beitrag La tercera orilla (The Third Side of the River) von Celina Murga inszeniert.
Über zwei Preis-Entscheidungen in einer im Vergleich zu etlichen Vorjahren recht ansehnlichen Konkurrenz, mit wenigen Ausreißern nach oben wie nach unten, lässt sich schmunzeln: Großmeister Alain Resnais, immerhin schon 91 Jahre alt, bekam für sein Lustspiel Aimer, boirer et chanter den Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven. Und die bislang vorherrschende Logik, dass man Blindheit mit filmischen Mitteln nicht adäquat darstellen kann, hebelte die Jury mit einem Kamera-Bären für Zeng Jian (Blind Massage) aus. Ein genereller Aufsatz zur Praxis von Filmjury-Besetzungen findet sich übrigens in der Februar-Printausgabe von ray.
Um beim olympischen Vergleich zu bleiben: Einer gewissen Seltsamkeit entbehrt auch die Besetzung des Siegertreppchens nicht. Neben der bereits erwähnten, doch eher überraschenden Goldmedaille für China staubte mit Wes Anderson ein Meister der skurrilen Komödie Silber ab (Großer Preis der Jury für The Grand Budapest Hotel), wohingegen sich für US-Landsmann Richard Linklater (über den suboptimal gewählten Umweg Regie-Preis) gerade einmal Bronze ausging. Sein Boyhood nämlich, man kann es getrost so sagen, ist der „Bär der Herzen“. Im Mittelpunkt dieser faszinierend unaufgeregten Langzeitstudie, mit der Linklater die eigene nach verwandtem Prinzip angelegte Before-Trilogie deutlich übertrifft, steht ein anfangs sechsjähriger Knabe und letztlich achtzehnjähriger College-Student (Ellar Coltrane). Dazwischen durchleben seine ältere Schwester (Linklater-Tochter Lorelei) und er selbst diverse Umzüge, Adoleszenz- und Beziehungswirren, wechselt seine Mutter (Patricia Arquette) den Beruf und bringt ein paar Ehen hinter sich, tauscht sein leiblicher Vater (Ethan Hawke) ein spaßerfülltes Lotterleben gegen eine Spießer-Existenz. Ohne viel Drama, wie im richtigen Leben und in den entscheidenden Momenten doch ein wenig „bigger than life“ – der Glücksfall eines Erinnerungsfilms, der lange in Erinnerung bleibt. ray wird diesen spätestens zum Kinostart im kollektiven Gedächtnis zu verankern suchen.
