Andreas Prochaska, Regisseur von Das finstere Tal, über das Experiment Alpenwestern, die künstlerische Narrenfreiheit in Österreich, seinen Emmy-Gewinn und die Bedeutung von Genrekino in Österreich.
Andreas Prochaska, Jahrgang 1964, ist nicht der „typische“ österreichische Autorenfilmer. Anstatt sein Publizistik- und Theaterwissenschafts-Studium abzuschließen, beschloss er recht bald, sich lieber in die Filmpraxis zu stürzen und arbeitete u.a. bei Wolfram Paulus und Michael Haneke. Für Letzteren war er Schnittassistent bei Benny’s Video und später Cutter von Funny Games, Das Schloss und Code Inconnu. Ungewöhnlich auch, dass er sein Kino-Regiedebüt 1998 mit Die drei Posträuber in einer in Österreich bedauerlich unterrepräsentierten filmischen Gattung, dem Kinderfilm, gab. In der Folge arbeitete er viel für das Fernsehen, drehte mehrere TV-Filme und zahlreiche Serien-Episoden und fand – im Unterschied zu einigen seiner Kollegen – nichts Ehrenrühriges daran. Mit dem Horrorfilm-Doppel In drei Tagen bist du tot 1 und 2 (2006 bzw. 2008) gelang ihm ein veritabler Publikumserfolg – ebenso wie mit der Komödie Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott (2010). Für Das Wunder von Kärnten, seinen TV-Film aus dem Jahre 2011, wurde er 2013 sensationell mit dem International Emmy Award ausgezeichnet. Dass er bei der kürzlich zu Ende gegangenen Berlinale mit Das finstere Tal für großes Aufsehen sorgte und dass allein am ersten Wochenende 25.000 Österreicher und –innen in den Film strömten, ist der gerechte Lohn für einen rundum gelungenen Film, der allen internationalen Maßstäben standhält. Abseits des Berlinale-Interviewrummels führte „ray“ ein ausführliches und gründliches Gespräch mit dem Filmemacher, dessen nächste Arbeit die Fernseh-Prestigeproduktion Sarajevo über die Wurzeln des Ersten Weltkriegs sein wird.
Mehrere deutsche Produzenten haben sich um die Filmrechte von Das finstere Tal bemüht, Autor Thomas Willmann hat schließlich Ihnen die Zusage gegeben. Ging es da um Vertrauen?
Andreas Prochaska: Ich war laut Autor der Erste, der bei ihm angefragt hat. Es folgten dann noch viele deutsche Produzenten, und Thomas wollte abwarten, wem er sein Baby anvertraut. Ich habe ihm später den zweiten Teil von In 3 Tagen bist du tot geschickt, weil der im Schnee spielt und atmosphärisch Parallelen zum „Finsteren Tal“ hat. Nach einem Jahr gab er mir den Zuschlag. Eine Frage war für ihn auch, wie sehr er selbst in das Filmprojekt involviert sein wollte. Ich erklärte ihm, das sei keine gute Idee. Insgesamt gaben wohl Ehrlichkeit, meine Filme und meine Hartnäckigkeit den Ausschlag.
Glauben Sie, dass bei dieser Entscheidung auch die österreichische Produktionslandschaft mit weniger kommerziellem Druck eine Rolle gespielt hat?
Andreas Prochaska: Das glaube ich nicht. Wichtig war aber schon, dass ich in Abstimmung mit den Produzenten den Film nach meinen Vorstellungen machen konnte. Man hört ja von manchen deutschen Verleihern, die von der Besetzung bis zum Look die Kontrolle haben wollen. Dieser Hölle bin ich entkommen. Vor Einflüssen, dass der Film amerikanischer sein soll als die der Amerikaner, bin ich verschont geblieben. Die Arbeitsumstände waren für mich nahe am Autorenfilm. Zudem glaube ich schon, dass man in Österreich etwas mehr Narrenfreiheit hat als in Deutschland. Diese Freiheit führt immer wieder zu großer Originalität und Erfolgen.
Haben Sie sich um Werktreue bemüht?
Andreas Prochaska: Literaturverfilmungen sind so eine Sache. Je näher Filme versuchen, an Büchern dran zu sein, desto schlechter gelingen sie zumeist. Ich habe versucht, die Atmosphäre des Romans zu treffen. Teilweise haben wir uns dafür weit vom Buch wegbewegt. Entscheidend war, den Schlüssel zu finden, um den Roman zu knacken. Darin gibt es verschiedene Zeitebenen und eine fast hundertseitige atmosphärisch dichte Exposition. Das ist zwar tolle Literatur, aber für Film schwierig umzusetzen. Die Frage war, wie man das Buch verarbeitet, um mit 90 Seiten Drehbuch auszukommen. Wir haben zum Beispiel eine Erzählerin eingeführt, die uns erlaubt, über die visuelle Ebene und ihren Kommentar 40 Romanseiten in zwei Minuten Film zu erzählen. Im Buch ist der Protagonist Greider auch Maler und nicht Fotograf. Malerei ist im Film problematisch, weil der Stil der Malerei auch die Figur definiert. Mein Drehbuch-Koautor Martin Ambrosch hatte die Idee des Fotografen. Dessen Zauberkasten weckt im Film die Neugier der Dorfbewohner und ist auch näher am Western dran.
Auf den Einsatz der Gesichter werden Sie sicherlich oft angesprochen, die wirken wie aus Wurzelholz herausgehackt.
Andreas Prochaska: Sergio Leone hat gesagt, man muss Gesichter wie Landschaften einsetzen. Ich denke, man braucht innerhalb des Genres eine Glaubwürdigkeit. Wenn ich Schauspieler in Kostüme stecke, in einen Wald samt Schneesturm stelle, wo sie dann Baumstämme durch die Gegend schleifen müssen, dann muss ich ihnen das in jedem Moment glauben. Das war eine Riesenherausforderung, Brüder zu finden, von denen jeder für sich archetypisch ist. Und die auch in eine bestimmte Zeit passen – in einer Erzählung, in der sehr wenig gesprochen wird.
Tobias Moretti bringt eine starke Ambivalenz ein. Ein offenkundiger Sadismus, eine Schläue. Seine Brüder haben eher etwas von gemeingefährlichen Hinterwäldlern jener Sorte, wie sie in dem Film von John Boorman auftauchen und drei Rafting-Touristen bedrohen.
Andreas Prochaska: Sie meinen Deliverance. Also ich sehe die Brüder nicht als zurückgebliebene Typen an. Moretti ist ganz klar der Anführer. Dann gibt es den Bruder mit der Augenklappe, der im ganzen Film zwei Worte spricht, aber sehr ruhig im Hintergrund immer präsent ist. Es gibt den etwas Dickeren, der gerne dem Alkohol zuspricht, für mich aber der Dämonischste ist, weil er unheimlich finstere Energien mitbringt. Und dann gibt es die Figur von Clemens Schick, die im Kostüm eine gewisse Eitelkeit mitbringt und Florian Brückner, der mit seinem Lachen eine Verneigung vor dem Genre ist. Das war aufgelegt. Mir war wichtig, die Brüder, die im Roman nicht einmal Namen haben, als Antagonisten unterscheidbar zu machen, natürlich auch durch ihre Bärte und ihre Statur.
Die Dialogebene wurde extrem reduziert. Besteht da nicht das Risiko, bestimmte Zwischentöne zu verlieren?
Andreas Prochaska: Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie es 1875 auf einem Bergbauernhof zugegangen ist. Ich glaube nicht, dass sie am Abend lustig geplaudert haben. Wenn die Leute sich unterhalten haben, war es, um in der Arbeit voranzukommen. Das Wort war nicht das Medium, das waren andere Dinge. Für mich war das spannend, mit wenigen Worten eine komplexe Geschichte zu erzählen. Wenn es bei Romanverfilmungen darum geht, das Innenleben von Figuren nach Außen zu bringen, finde ich den Dialog das langweiligste Mittel. Und für Zusammenhänge gibt es das Voice Over. Ich glaube, bei Spiel mir das Lied vom Tod fällt in den ersten 15 Minuten überhaupt kein Wort. Ich denke: Je weniger Dialog, desto filmischer.
Befreien Sie sich bei Ihren Kinoarbeiten auch von den Konventionen des Fernsehens?
Andreas Prochaska: Wenn Sie an Spuren des Bösen denken, dann ist das Wort im Mittelpunkt. Aber nicht, weil es eine Konvention ist, sondern weil es das Mittel der Hauptfigur, eines Kriminalpsychologen, ist. Wir hatten im ersten Film eine 15-minütige Dialogszene, aufgelöst über Schnitt/Gegenschnitt. Das ist im Fernsehfilm auch weit weg von der Konvention. Der Inhalt bestimmt die Form, egal ob im Kino oder im Fernsehen.
Neben Leone und Italo-Western fallen einem auch Sam Peckinpah und seine Zeitlupenästhetik und Gewalteruptionen ein. Wie geht man mit solchen Vorbildern um?
Andreas Prochaska: Der Film hat sicherlich viele Geister, die da schützend darüber schweben. Von Andrew Dominiks Jesse James bis zu Leone, Peckinpah, Don Siegel, Clint Eastwood. Die haben da alle irgendwie hineingespuckt. Was ich aber vermeiden wollte: Einen Film voller Zitate zu drehen, das hätte mich nicht interessiert.
Dafür gibt es Tarantino …
Andreas Prochaska: … der das super macht. Ich wollte aber nicht verglichen werden. Es gibt Das finstere Tal nicht, weil Django Unchained davor entstanden ist.
Wie sind Sie auf Sam Riley gekommen? Vom fragilen Joy Division-Frontman in Control bis zum stoischen Rächer Greider ist es ein weiter Weg.
Andreas Prochaska: Greider ist jemand, der die weite Welt in dieses versteckte Tal hineinbringt. Er ist zugleich eine junge, interessante Hauptfigur. Es gibt wenige Westernhelden, die man mit dieser Figur vergleichen kann. Ich habe sehr, sehr lange Agenturen durchgescannt, bis ich auf Sam Riley gekommen bin. Als Vorbild hatte ich Alain Delon in Der eiskalte Engel vor Augen. Riley hat etwas von dieser Ausstrahlung, eine Mischung aus Attraktivität und Tiefe. Es geht bei der Figur ja um jemand, der nicht einfach ein paar Leute umnietet, sondern sehr viel Geschichte mitnimmt. Bei Riley wusste ich: das ist er. Erst dann ist mir auch Control eingefallen, wo er mir sehr gut gefallen hat. Fast wäre das Engagement aber gescheitert, die Agentur hatte schon abgelehnt: „Sam is not interested.“ Vielleicht war der Agentur die Provision eines kleinen europäischen Films zu gering. Erst über andere Kanäle, Tom Tykwer übergab Riley das Buch, kamen wir in Kontakt. Nach einer Woche hatten wir die Zusage.
Die Hauptfigur ist ungewöhnlich reduziert, wirkt fast wie ein Schatten. Man weiß als Zuseher kaum, mit wem man es zu tun hat. Ist das nicht ein Risiko?
Andreas Prochaska: Diese Figur hat der Roman mit sich gebracht. In der klassischen Dramaturgie führt die Reise des Helden irgendwo hin, bei Greider ist es so, dass er einen inneren Zwang hat, das auszuführen, was ihm seine Mutter oder sonst jemand aufgetragen hat. Für mich war entscheidend, dass hier jemand mit einem Plan wohin geht, und realisiert, dass er Teil dieses Tals und Teil dessen ist, was er töten muss. Ohne den Film interpretieren zu wollen: Das hat viel mit Identitätssuche zu tun.
Die Erzählung wird unmerklich von zwei Sätzen eingerahmt: Der Dorf-Tyrann wird einmal als Patriarch beschrieben, der zwar grausam ist, sich aber auch um die Leute kümmert. Und gegen Ende heißt es, die Freiheit sei ein Geschenk, das nicht jeder annehmen kann. Hatten Sie überlegt, die Frage persönlicher Freiheit noch expliziter zu machen?
Andreas Prochaska: Dieses dörfliche System, das von einem Patriarchen geführt wird, war auch für die Schauspieler beim Dreh ein Thema: Warum bleiben diese Leute dort? Warum opfern sie ihre Freiheit? Im Roman reagieren die Leute nach der vollendeten Rache mit Betroffenheit, das war für mich ein entscheidender Moment. Im Film haben wir versucht, das beizubehalten. Die Bereitschaft von Menschen, den Preis der Unfreiheit für andere Vorzüge zu zahlen, hat vielleicht damit zu tun, dass sie in einem scheinbar funktionierenden System leben. Man denke nur an Diktaturen. Wenn nun jemand kommt und den Kopf abschlägt, sehen sich die Schäfchen plötzlich orientierungslos. Meine Hoffnung ist, dass sich der Blick des Zusehers auf dieses Dorf durch dieses Moment noch verändern kann.
Das finstere Tal wird als Alpenwestern beworben, können Sie mit diesem Label etwas anfangen?
Andreas Prochaska: Ja, durchaus. Das finstere Tal hat sicherlich etwas von einem Heimatfilm, aber mehr noch von einem Western. Für mich war der Unterschied letztlich marginal. In verschworenen Gemeinschaften ist man als Neuer schnell eine Bedrohung. Denkt man an die Geschichte entlegener Alpentäler, dann liegt der Western vor der Haustür.
Der Dreh fand im Winter, im Schnee, in den Alpen statt. Wie darf man sich das vorstellen?
Andreas Prochaska: Beim Dreh war fast alles schwierig. Wir hatten zwar kein geringes Budget, unsere Spielräume waren dennoch gering. Wenn man 30 Tage außen dreht und den Elementen ausgeliefert ist, ist der Adrenalinspiegel ständig am Anschlag. Die Holzriese, die man im Film sieht, wurde wie vor hundert Jahren gebaut, wir haben da echte Baumstämme hinuntergeschickt. Das war nicht ohne. Mit unserem engen Zeitplan war auch die Vorbereitung für die Schauspieler sehr knapp, etwa reiten zu üben. Die Infrastruktur für Pferde und Pferdetrainer, die vergleichbare internationale Produktionen haben, hatten wir nicht. Das Team hat mit 150-prozentigem Einsatz diese Mängel ausgeglichen.
Ist es bei solchen Projekten besonders wichtig, samt Storyboard exakt vorbereitet zu sein?
Andreas Prochaska: Wir hatten schon Storyboards, die habe ich aber recht bald zur Seite gelegt. Die Aufschlüsselung vorab ist wichtig, aber im Moment, wo es darauf ankommt, muss man das auch hinter sich lassen können. Pferde machen nicht immer, was man will, auch der Wind oder der Nebel nicht. Dann muss man flexibel bleiben.
Sie wechseln zwischen Kino und TV, Ende November haben Sie für „Das Wunder von Kärnten“ in New York einen Emmy, also den Auslands-Oscar im Fernsehbereich, bekommen. Was bedeutet so eine Auszeichnung für die Arbeit?
Andreas Prochaska: Ich war sehr überrascht, ich wußte nicht einmal, dass der Film im Rennen war. Das Wunder von Kärnten war für mich persönlich ein sehr wichtiger Film, offenbar hat die Geschichte etwas Universelles, das die Menschen berührt. Der Emmy ist eine schöne Anerkennung meiner Arbeit. Was er für meine Arbeitsmöglichkeiten bedeutet… keine Ahnung, das kann ich erst in ein, zwei Jahren beantworten. Natürlich würde ich gerne einmal einen Film in Amerika drehen. Ich schätze aber auch meine künstlerische Freiheit hierzulande.
Wie sich an Ihren Kinofilmen In 3 Tagen bist du tot, Teil 1 und 2, sowie an Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott zeigt, sind Sie in Österreich einer der wenigen Regisseure, die den Begriff Genrekino ernst nehmen. Was sind die Vorzüge von Genreproduktionen?
Andreas Prochaska: Ich möchte für das Kino nur Filme machen, die ich mir selbst auch gerne anschauen würde. Mit dem Genre bekomme ich als Zuschauer Orientierung, ich habe eine Ahnung, auf was ich mich einlasse. Das ermöglicht mir als Regisseur, den Zuschauer auf eine Reise mitzunehmen. Gleichzeitig versuche ich die Grenzen zwischen den Genres fließen zu lassen. Das heißt, wenn beim Finsteren Tal der Zuschauer mit dem Kauf der Kinokarte eine Reise in den Western bucht, dann bekommt er auch eine Portion Heimatfilm, Drama und Thriller mitgeliefert. Ich versuche, dem Zuschauer einen Mehrwert zu liefern und ihn zugleich zu überraschen, indem ich die Regeln breche.
In Österreich scheint es einen skeptischen Zugang zu Genre zu geben. Womit hat das zu tun? Fehlt hier eine Referenzgröße wie Michael Haneke für den Autorenfilm, für den Sie selbst mehrere Filme geschnitten haben?
Andreas Prochaska: Darauf kann ich keine wirkliche Antwort geben, ich habe mich das selbst immer wieder gefragt. Traut man es sich nicht zu, mit den vorhandenen Mitteln vernünftige Genrefilme zu machen, oder ist es den Kolleginnen und Kollegen zu banal? Keine Ahnung. In den letzten Jahren hat sich aber etwas getan, wie man an Filmen wie Blutgletscher z.B. sieht. Der ist zwar in Österreich nicht so super gelaufen, verkauft sich aber international sehr gut. Von Seiten des Publikums gibt es gegenüber deutschsprachigen Genrefilmen sicherlich ein Misstrauen. Ich bin aber guter Hoffnung, dass sich in dieser Hinsicht etwas bewegt. Ich persönlich wünsche mir jedenfalls mehr Vielfalt und einen lustvolleren Zugang zum Kino.
