Drei grundverschiedene Positionen belegen die Vielfalt des jungen österreichischen Spielfilmschaffens: Marvin Krens Horrorfilm „Blutgletscher“, die Selbstermächtigungsparabel „Soldate Jeannette“ von Daniel Hoesl und Katharina Mücksteins nuancierte Adoleszenz-Studie „Talea“
„Ein Steckling ist der Teil einer Pflanze, der in ein Kultursubstrat gesteckt wird, damit er eigene Wurzeln schlägt und sich dann zu einer neuen, selbständigen Pflanze entwickelt […] Vor allem privat finden Kopfstecklinge Anwendung nicht nur zur Vermehrung im eigentlichen Sinn, sondern auch als Ersatz für unansehnliche oder zu groß gewordene Pflanzen.“ (Wikipedia)
Katharina Mückstein, aufgewachsen in Bad Vöslau, hat an der Filmakademie Wien bei Michael Haneke studiert. Das Handwerk, vor allem aber Disziplin und Genauigkeit, habe sie von ihm gelernt. Vor drei Jahren brach sie das Studium ab, um sich von Haneke zu emanzipieren, der inzwischen als eine Art Übervaterfigur für eine ganze Generation junger Filmstudierenden zum Maß aller Dinge geworden ist. Mückstein, mit Talea beim renommierten Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken erfolgreich, im Gespräch mit „ray“: „Ich musste mich auf den Weg machen, um mich selbst wiederzufinden. Und ich fühlte mich reif dafür, unabhängig meinen ersten eigenen Langspielfilm zu machen.“
Daniel Hoesl, wie Mückstein Jahrgang 1982, bewies mit dem Kurzfilm The Madness of the Day Gespür für filmische Atmosphäre. Seinen späteren Kameramann bei Soldate Jeannette, Gerald Kerkletz, fand er bei den Dreharbeiten zu Ulrich Seidls Import Export. Zum Einfluss Seidls auf sein Langfilmdebüt sagte Hoesl in einem Interview mit der AFC: „Man könnte behaupten, dass Ulrich Seidls Arbeitsweise im Leute-Finden und Zusammen-Fügen von Geschichten recht ähnlich ist. Er hat allerdings eine grundsätzliche Vorstellung von der Handlung, wir bewusst nicht. Wir konnten es uns nicht leisten, uns auf die Suche nach etwas zu begeben, was wir finden wollten. Unsere Suche war das Finden, im Picasso’schen Sinn.“
Marvin Kren studierte zunächst Wirtschaft, absolvierte dann aber ein zweijähriges Aufbaustudium an der Hamburg Media School, wo er auch den Drehbuchautor Benjamin Hessler kennenlernte. Mit diesem realisierte er seine Abschlussarbeit Schautag, später den Aufsehen erregenden Zombie-Film Rammbock. Kren, 1980 in Wien geboren, bezeichnet sich als „ray“-Leser der ersten Stunde. Im Gespräch über seinen ersten abendfüllenden Horrorfilm Blutgletscher sagt er: „Ich möchte aus Dingen, die eigentlich nicht zusammenpassen, etwas Neues machen. Ich versuche, kindliche Phantasie und erwachsene Themen zu verbinden und daraus eine eigene Dynamik zu entwickeln.“
Die drei jungen Filmemacher mögen in ihrer Vorstellung vom Kino und in ihrer Herangehens- und Arbeitsweise nicht viel gemein haben. Doch allen drei eignet die Hartnäckigkeit, eigensinnige Visionen durchzusetzen, dabei teamfähig zu bleiben und mit einem (gegenüber jeweils vergleichbaren Produktionen) limitierten Budgetrahmen zu sehenswerten Ergebnissen zu kommen: Soldate Jeannette kam mit dem Bettel von 65.000 Euro aus, Talea hat nur rund 100.000 Euro gekostet, und Blutgletscher ist mit 2,3 Millionen Euro für einen aufwändigen, effektvollen Genrefilm nicht unbedingt überdotiert. Bei aller inhaltlich-formalen Gegensätzlichkeit sind die drei Filme verwandt im Bestreben, mittels der Psychologie ihrer Hauptfiguren so etwas wie die Möglichkeit einer gesellschaftspolitischen Verweigerungshaltung sichtbar zu machen. Und: In allen drei Filmen finden sich starke Frauenfiguren.
Sprossen und Sprösslinge
Sieht man die austriakische Filmkultur als ausgewachsene Pflanze, könnte man diese neuen Positionen als eine Art Stecklinge betrachten. Katharina Mückstein hat die botanische Metapher jedenfalls zum Titel ihres Regiedebüts erhoben: Talea ist das italienische Wort für Steckling. Die Titelfigur ist die 14-jährige Jasmin, die ihr Leben in der Pflegefamilie satt hat und hartnäckig versucht, sich ihrer leiblichen Mutter Eva anzunähern, die einst wegen eines ungenannt bleibenden Delikts ins Gefängnis musste. Der begabten Hauptdarstellerin Sophie Stockinger, gecastet aus hundert Mädchen und bereits bühnenerfahren, sieht man ihre bürgerliche Döblinger Herkunft in keiner Sekunde an. Für die Rolle der Eva konnte Nina Proll verpflichtet werden, unter der Bedingung, dass die zweite Hälfte des Films in Litschau im Waldviertel spielen würde, wo Proll ihre Kinder während der Dreharbeiten bei einer Tante unterbringen und ans Set mitnehmen konnte. Die Disco-Szene in Talea sei „eine filmgeschichtliche Referenz“, scherzt Mückstein in Anspielung auf die Arbeit von Proll mit Barbara Albert und deren Affinität zu Tanz-Szenen. „Als ich damals Barbaras Nordrand gesehen habe, war das eine Augen öffnende Erfahrung für mich“, sagt Mückstein, die vor der Filmakademie auch ein Jahr bei Ruth Mader (Struggle, What Is Love) gelernt hat.
Die Regisseurin und ihr Kameramann Michael Schindegger bringen ein ausgeprägtes Sensorium für die Kadrage des Wechselspiels von Nähe und Distanz mit. Dass Mückstein sich unter anderem von den Filmen Christian Petzolds beeinflusst sieht, ist auch an den großzügigen Reflexionsräumen zu bemerken, die sie ihrem Publikum aufmacht. Den stellenweisen Einsatz von Musik hat sie sich als Verstärker innerer Monologe zugestanden, doch insgesamt steht Talea im Zeichen der Reduktion – auch, als plötzlich ein Mann (Philipp Hochmair) die aufkeimende Nähe zwischen Jasmin und Eva empfindlich stört. In der von Selina Gnos erdachten Geschichte geht es um eine brüchige Mutter-Tochter-Beziehung, es geht aber auch und vor allem um Identitätsfindung in einer Zeit, in der Rollenbilder bröckeln, soziale Kategorien zunehmend an Bedeutung verlieren und Identität trotz oder wegen der großen oder scheinbaren Freiheit des Individuums schwer zu finden ist.
Die heilige Johanna der Bioschlachthöfe
In Mücksteins mit Produzent Flavio Marchetti, Cutterin Natalie Schwager und Michael Schindegger betriebener Produktions-firma La Banda Film wurde auch Daniel Hoesls Soldate Jeannette montiert. Wie Talea beschäftigt Hoesls Film sich mit Identitätsfragen und erzählt eine Ausbruchsgeschichte. Doch hier kommt die weibliche Selbstermächtigung in ganz anderem Kleid daher, wird verspielt experimentell und trocken humoristisch die Befreiung aus dem patriarchalisch-kapitalistischen Mustopf zum Programm erhoben: Einer Mittvierzigerin, die Schönbrunner Deutsch spricht und ein luxuriöses Oberschicht-Leben führt, wird langweilig. Irgendwann verbrennt sie ihr Geld, klaut einen Jaguar, lässt diesen stehen und geht in den Wald. Später auf einem Bauernhof trifft sie eine unter der Knute eines Klischeebauern stehende Seelenverwandte und regt diese ebenfalls zum Ausbruch an. Ohne fertiges Drehbuch, um biografische Elemente aus dem Leben der Hauptdarstellerinnen Johanna Orsini-Rosenberg und Christina Reichsthaler herum improvisiert und u.a. mit La Passion de Jeanne d’Arc-Inspirationen angereichert, pocht der hochartifiziell fotografierte Film (laut Eigendefinition eine „Punkparabel“) auf eine geradezu anarchische Freiheit und ruft das Publikum dazu auf, sich wie seine Hauptfiguren die Chuzpe zu erlauben, aus der bisherigen Subsistenz herauszutreten und nach der Devise „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ sämtliche Hintertüren zufallen zu lassen.
Hoesl, studierter Multimediakünstler und Regieassistent bei Ulrich Seidls Paradies-Trilogie, produzierte Soldate Jeannette mit den Kollaborateuren Kerkletz und Katharina Posch an den großen Förderstellen vorbei, brachte ihn sensationell in Sundance unter und gewann in Rotterdam den renommierten Tiger Award. Die Pose des Agent Provocateur nahm Hoesl schon durch die Gründung des Vereins European Film Conspiracy ein, der den Film verantwortet und sich selbst so beschreibt: „It is a vehicle, a phantom, a momentum, an engine of war that captures all those that make films without clinging to conventional framework conditions.“ Beeinflusst sieht der Deleuze-geeichte Hoesl sich von französischen Regiegrößen wie Bresson und Resnais, der Impuls zum Film seien die Musikstücke „Soldier Jane“ von Beck und Schuberts „Die Täuschung“ gewesen. Nach eigenen Angaben führt er den Kampf weiter, den Godard mit Vivre sa vie und Chantal Ackermann mit Jeanne Dielman geführt hat. Ein Augenzwinkern dazu ist nicht überliefert. Daniel Hoesl: „Ich bleibe bei meiner künstlerischen Starrköpfigkeit. Hätte niemand diesen Film gesehen, hätte es auf mich keinen Einfluss. Nicht, weil ich mich nicht für die Öffentlichkeit interessiere, aber weil ich weiß, dass ich, wenn ich mich verbiege, zerbreche. Wenn der nächste Film nichts wird, dann ist es so.“
Wo ein Berg, da ein Abgrund
Alien trifft in den Alpen auf The Thing. Klingt gut, doch wäre es unpassend, Blutgletscher auf diese Formel zu kürzen, denn der Film ist mehr als eine Billigkopie erfolgreicher Genre-Gesetze mit Österreich-Bezug. Allegro-Boss Helmut Grasser, der ja schon Andreas Prochaskas Austro-Horrorthriller In 3 Tagen bist du tot samt Fortsetzung produziert hatte, setzt diesmal auf ein Creature Feature im Breitwandformat. Gedreht in der „Südtiroler Nowhereness“ (Regisseur Marvin Kren), kreuzt der Film gelernte Genre-Regeln gekonnt mit Lebensnähe und nimmt sein Sujet bei allem Humor nicht unernst. Die regelmäßig von den Medien gezeichneten apokalyptischen Szenarien des Klimawandels spitzt Blutgletscher zu, indem er die Natur zurückschlagen lässt. Keine Invasion aus dem All, kein krankes Innenleben einer Figur: Der Horror ist auf unserem Planeten hausgemacht. Als drastisches Bild dafür färbt sich der schmelzende Gletscher nahe einer von ein paar Wissenschaftern und einem kauzigen Assistenten besetzten Klimaforschungsstation blutrot. Eine Höhle am Gletscher wird zur Brutstätte aggressiver Kreaturen, deren Schauwerte sich – aus Budgetgründen, aber auch mit ausgeprägtem Retro-Bewusstsein – nicht aus Nullen und Einsen, sondern aus der Haptik eines old school Puppet Designs speisen. Zu sehen sind sie jeweils nur für wenige, dafür umso prägnantere und lautere Sekunden.
Mindestens so wichtig wie die Schockeffekte ist Marvin Kren die Prüfung der Sozialkompetenz seiner Figuren in einer Extremsituation. Natur- und genregemäß wird diese von wenigen bestanden, die Hauptfigur Janek (Gerhard Liebmann) ist da als Außenseiter und grantiger Grenzgänger sui generis quasi schon bevorzugt. Dass nicht jede der ins Genre-Korsett gezwängten Figuren restlos überzeugt, ist locker nachsehbar. Eine Liebesgeschichte musste auch hinein (Love Interest: Edita
Malovcic), wen diese nervt, der sei auf die Schlusspointe vertröstet. Blutgletscher nimmt das Phantastische so ernst wie David Cronenberg, generiert Spannung wie John Carpenter oder Ridley Scott, macht Spaß wie Filme von John Landis und hat seine Portion Gesellschaftskritik von Joe Dante – naja, nicht ganz, aber das sind die Leute, denen Kren seine Filmsozialisierung verdankt und vor denen er sich bis heute verneigt. „ray“ wünscht sich von seinem Stammleser Marvin Kren einen Haunted-House-Film, denn Autor Benjamin Hessler (Kren: „Er ist für das Hirn zuständig, ich für das Herz“) ist ein erwiesener Kenner der Geisterhausliteratur des 19. Jahrhunderts.
