Wie der Vater, so der Sohn / Soshite chichi ni naru

Wie der Vater, so der Sohn

Zeit ist dicker als Wasser

| Alexandra Seitz |
„Wie der Vater, so der Sohn“ von Kore-eda Hirokazu geht dem Wesen einer Eltern-Kind-Bindung nach.

Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum! Solcherart variierte meine Mutter gerne die alte Spruchweisheit von der familialen Ähnlichkeit. Worauf wir alle freundlich lachten und uns gut aufgehoben fühlten, gemeinsam und vereint unter dem Apfelbaum, von dem wir abstammten.

Tatsächlich als Apfel unter den Birnbaum gefallen aber ist Nonomiya Keita. Sechs Jahre ist der Bub alt, als sich herausstellt, dass er nicht der Sohn von Midori und Ryota ist. Es habe seinerzeit eine Verwechslung gegeben, teilt das damalige Geburtskrankenhaus eines nicht so schönen Tages mit, Söhne seien vertauscht worden. Es täte ihnen schrecklich leid. Und natürlich ist das alles furchtbar peinlich. Eigentlich also ist Keita der Sohn von Saiki Yukari und Yudai, die wiederum in den vergangenen sechs Jahren Ryusei großgezogen haben, den Sohn der Nonomiyas. Was ist nun zu tun? Soll man die Kinder wieder zurücktauschen? Und wie wäre das zu bewerkstelligen?

Die Ausgangssituation von Kore-eda Hirokazus (Interview) Wie der Vater, so der Sohn ist zwar geradezu markerschütternd in ihrer Grausamkeit, sie führt aber weniger zu hysterischen Gefühlsausbrüchen als vielmehr zu rationalen Überlegungen. Dass die nicht unbedingt schlau sein müssen, steht auf einem anderen Blatt. Die Idee zu seinem Film kam Kore-eda, als er selbst Vater einer Tochter wurde. „Während meine Frau wie von selbst sich unseres Kindes annahm, musste ich mich zuerst an die Vaterrolle gewöhnen“, erzählt der Filmemacher, und überlegt weiter: „Entwickelt man sich durch die Erkenntnis, dass man sein Blut weitergegeben hat, von einem Mann zu einem Vater? Oder spielt die Zeit eine Rolle, die Vater und Kind miteinander verbringen? Ist dies der Grund, warum ich mich nicht als richtiger Vater sehe? Weil ich nicht genug Zeit mit meinem Kind verbracht habe? Ist es das Blut oder die Zeit?“

Was stellt die stärkere Verbindung zwischen zwei Menschen her, Blut oder Zeit? Die Frage ist zentral. Sie wird zum Herzen des Films. Verkörpert ist sie in der Figur des Nonomiya Ryota, eines wohlhabenden Architekten aus guter Familie, der vollkommen in seiner Arbeit aufgeht, so gut wie nie zuhause ist und die Kindererziehung seiner Frau Midori überlässt, die brav am Herd steht und seine Hemden bügelt. Zu Beginn erscheint Ryota wenig mehr zu sein als die effektive Kombination von machistischem Karrieristen und stocksteifem Kontrollfreak, Kore-eda aber hat Großes mit dieser Figur vor und Fukuyama Masharu, der sie spielt, lässt ihn nicht im Stich.

Wie eine soziologische Versuchsanordnung stellt sich das Gerüst der Erzählung dar: Der in einem Tokyoter Hochhaus lebenden Einkind-Familie Nonomiya stehen die Saikis gegenüber. Die fünfköpfige Sippe lebt in einer Kleinstadt auf dem Lande in einem Häuschen mit Garten und Vater Yudai hat in seinem klassisch-charmant vollgerümpelten Krämerladen immer genug Zeit, die kaputtgegangenen Spielzeuge seiner Kinder zu reparieren. Ryota zückt in einem solchen Fall den Geldbeutel und will ein neues kaufen, und vom Drachensteigenlassen hat er auch keine Ahnung.

Das Statusgefälle zwischen den Nonomiyas und den Saikis ist beträchtlich, doch Über- respektive Unterlegenheitsgefühle sehen sich sofort relativiert durch den Umstand, dass sich aufgrund der Söhne-Verwechslung die eine Familie in die andere quasi eingeschrieben hat, man also auf eine verquere Art miteinander verwandt ist. Bei Ryota führt die Konfrontation mit den gänzlich anders strukturierten – in seinen Augen: chaotischen – Saikis viel stärker noch als bei Yudai zu einem Prozess der Selbstreflexion und schließlich, am Ende eines naturgemäß schmerzhaften Prozesses, auch zur Selbsterkenntnis. Es besteht sogar die Hoffnung, dass Ryota aus der ganzen unerquicklichen Affäre etwas lernt, das sich für sein eigenes Leben ebenso wie für das Zusammensein mit seinen Lieben als wertvoll erweisen wird.

Da jedoch Kore-eda Hirokazu kein Regisseur des Plakativen ist, drückt er seinem Publikum auch keine „Moral von der Geschicht‘“ aufs Auge, ja, man hat noch nicht einmal den Eindruck, er würde dessen Aufmerksamkeit und Engagement steuern, so behutsam und unmerklich geht er bei der Inszenierung der emotional wie intellektuell fordernden Geschichte vor. Diese Zurückhaltung, die sich mit einem sicheren Gespür für Details und Nuancen verbindet, wurzelt in seinen Anfängen als Dokumentarfilmer.

Geboren 1962 in Tokyo, wächst Kore-eda in einer typischen Mittelstandsfamilie auf, absolviert ein Literaturstudium an der Waseda-Universität und beginnt danach für die 1970 gegründete und auf Dokumentationen spezialisierte, unabhängige Fernsehproduktionsfirma TV Man Union zu arbeiten. Die in den folgenden Jahren entstehenden dokumentarischen Arbeiten etablieren Themen, die Eingang finden werden in Kore-edas fiktionales Werk. Dieses setzt ein mit Maboroshi, der 1995 beim Filmfestival in Venedig uraufgeführt und mit dem Osella d’Oro ausgezeichnet wird. Wie zuvor, dokumentarisch, However … (1991) und danach, fiktional, Distance (2001) beschäftigt sich Maboroshi mit der Trauer, mit dem Verlust eines geliebten Menschen und den Versuchen der im Leben Zurückgebliebenen, wieder Fuß zu fassen in einer veränderten Welt. Eng mit diesem Thema verknüpft sich das der Erinnerung, ihrer identitätsstiftenden Kraft, ihres interpretierenden, fälschenden, tröstenden, verletzenden Vermögens. Oder auch einfach nur der Rolle der Erinnerung als Daseinskleister, soll heißen: Vergangenheit und Gegenwart zur Wirklichkeit eines Lebens transformierenden Stoffes. Wie bedeutsam Erinnerung ist, erkennt man, wenn sie fehlt; wie im Falle Sekine Hiroshis, den Kore-eda in Without Memory (1996) porträtiert und der aufgrund eines medizinischen Kunstfehlers keine langfristigen Erinnerungen mehr bilden kann. Täglich aufs Neue fremd erscheinen Sekine seine Kinder, deren ans Heranwachsen geknüpfte Veränderung er nicht „speichern“ kann. Was macht ein solcher Bezugs-Verlust mit einer Familie? Mit einer sozialen Einheit, die auf der Verlässlichkeit von Beziehungen basiert?

Aber was sind das überhaupt für Beziehungen? Immer wieder greift Kore-eda in seinem Œuvre das Thema der familiären Bindung auf, analysiert die komplexen Mechanismen von Anziehung und Abstoßung, Freiheit und Determination, die innerhalb dieser Keimzelle des Gesellschaftlichen wirken. Dabei vermeidet er Psychologisierung, wahrt vielmehr die auf den ersten Blick eher distanzierte Perspektive eines dokumentarischen Realismus – nur um aus der heraus dann umso genauer hinzusehen und umso näher an die Psychodynamiken heranzukommen, die zwischenmenschlich am Werke sind.

Kore-eda ist ein Meister des Unmerklichen. Der unmerklichen Aufhebung der Grenze zwischen Filmendem und Gefilmten, der unmerklichen Verwischung der Trennung von Gut und Böse, der unmerklichen Verknüpfung von formaler Strenge und Improvisation. Indem er einfachen Erklärungsversuchen widersteht und stattdessen ein differenziertes Bild zeichnet, entstehen Filme, deren emotionale Reichhaltigkeit und intellektuelle Dichte es mit den besten Werken der großen japanischen Meister aufnehmen können. Wie der Vater, so der Sohn ist ein weiteres Beispiel dafür.