Filmkritik

Der Sommer mit Mamã / Que Horas Ela Volta?

| Daniela Sannwald |
Class Clash in Saõ Paolo

Berufstätige Mütter, die ihre Kinder weggeben, um ungestört ihrer Arbeit nachgehen zu können, das ist das Grundmotiv dieses Films: Bei der Fernsehmoderatorin Barbara ist es der 17-jährige Sohn Fabinho, den sie zugunsten ihrer Karriere der Hausangestellten Val überlassen hat, mit der er einen vertrauten, zärtlichen Umgang pflegt. Val wiederum stammt aus der Provinz und musste, nachdem ihr Mann sich aus dem Staub gemacht hatte, in die Großstadt ziehen, um für den Unterhalt ihrer bei einer Freundin aufwachsenden Tochter Jessica aufkommen zu können.

Die ersten Szenen dieser sozialkritischen Komödie erzählen von der Selbstverständlichkeit, mit der die Familie die Existenz der Haushälterin hinnimmt: nicht mehr mit dem offen herabwürdigenden Gestus, der vielleicht hundert Jahre früher an der Tagesordnung war, sondern, viel perfider, mit dem Anflug von schlechtem Gewissen, den die gebildete, wohlhabende Mittelschicht dem Personal gegenüber pflegt, und der sich in Anfällen von übertriebener Freundlichkeit und Großzügigkeit Bahn bricht. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Anna Muylaert hat eine Reihe solcher verkrampften Momente mit Dialogwitz und Sinn fürs Detail inszeniert.

Als Jessica sich bei Val anmeldet, weil sie demnächst ein Studium in São Paolo beginnen will, gerät die Hausgemeinschaft, aus dem Gleichgewicht. Die muntere junge Frau ist nicht bereit, sich dem bisher unstrittigen Reglement zu unterwerfen, in dem es vor allem um die Rechte und Pflichten des Personals geht. Zum Entsetzen nicht nur Vals bricht Jessica fortwährend die ungeschriebenen Gesetze. Außerdem muss Val, die Fabinho tröstet, wenn er Liebeskummer hat und ihn in den Schlaf krault, feststellen, dass ihre Tochter ein eher kühles Verhältnis zu ihr hat. Wie aber Val ihrem Unmut Luft macht, wie sie grummelnd ihren Pflichten nachkommt, wie sie die ihr fremd gewordene Tochter hinter deren Rücken nachäfft, wie sie hin- und hergerissen ist zwischen Stolz auf das selbstbewusste Geschöpf und Scham über deren Ansprüche und Attitüden, das veranschaulicht Regina Casé in einer großartigen Performance. Das Multitalent ist in Brasilien seit den 1970ern als Theater-, Film- und Fernsehseriendarstellerin präsent und beherrscht souverän alle Varianten des Komischen – von subtiler Ironie bis zum groben Slapstick. Der Sommer mit Mamã ist vollkommen auf Casé zugeschnitten, trotzdem kann man nicht genug von ihr kriegen, das fand auch das Publikum der letzten Berlinale, das den Film um die resolute, warmherzige, konservative und unglaublich witzige Sechzigerin Val zum Lieblingsfilm in der Sektion Panorama wählte.