Arrival | Interview

Kino von morgen

| Pamela Jahn |
Nachdem er sich in den vergangenen Jahren mit einer Reihe von brillanten, hochintelligenten Dramen einen Namen gemacht hat, ist Denis Villeneuve mit „Arrival“ nun auch sicher im Science-Fiction-Genre angekommen. Ein Gespräch über Außerirdische, „Blade Runner 2“ und sein Leben in der Zukunft.

Sci-Fi war schon immer sein Ding, sagt Denis Villeneuve, sichtlich erschöpft von seiner derzeitigen Doppelrolle als Regisseur des Alien-Dramas Arrival und Ridley Scotts Nachfolger in Sachen Blade Runner 2049, von dessen Dreharbeiten sich der gefragte Frankokanadier ausnahmsweise einen Tag frei genommen hat, um über Außerirdische, die Kraft der Sprache und Amy Adams beachtliche schauspielerische Leistung in seinem ersten Science-Fiction-Film überhaupt zu sprechen. Ähnlich überzeugend wie Emily Blunts idealistische FBI-Agentin in Villeneuves packendem Drogen-Thriller Sicario (2015), spielt Adams darin die engagierte Sprachwissenschaftlerin Louise Banks, die vom US-Militär beauftragt wird, mit einer Gruppe von Aliens zu kommunizieren, nachdem diese ohne Vorwarnung an zwölf verschiedenen Orten auf der Welt gelandet sind und mit ihrem unerwarteten Besuch die Politiker und Geheimdienste der betroffenen Staaten in Atem halten. Aalglatt, schwarz und schalenförmig, gleichen ihre Raumschiffe allerdings eher neumodischen Kunstobjekten als vermeintlichen Kriegsschiffen aus der Zukunft, und auch sonst deutet nichts darauf hin, dass die fremden Wesen auf Konfrontation oder gar Invasion aus sind. Im Gegenteil – so behutsam wie die Vehikel knapp über dem Erdboden schweben, scheint es vielmehr, als trauten sich die Besucher noch nicht ganz, tatsächlich mit den Menschen in Kontakt zu treten.

Entsprechend vorsichtig beginnt auch Louise ihre Mission der Verständigung unter strengster Aufsicht des ranghöchsten US-Militär, General Colonel Weber (Forest Whitaker), und unterstützt von dem theoretischen Physiker Dr. Ian Connelly (Jeremy Renner), mit dessen Hilfe es ihr schließlich gelingt, sich Schritt für Schritt den Aliens anzunähern und somit den Grund für ihren Aufenthalt zu erfahren, der wiederum unweigerlich an Louises eigene Geschichte geknüpft ist. Mit einer gesunden Mischung aus Neugier, Eifer und Verletzlichkeit spielt Adams diese ehrgeizige Linguistin mit unerwartetem Weitblick, die unermüdlich versucht, jene höchst komplexen, kreisförmigen Schriftzeichen zu entziffern, mit denen die Außerirdischen hinter einer dicken Glasscheibe geschützt und in dichten Nebel gehüllt auf ihre Kommunikationsversuche reagieren. So ist sie eine der vielen Suchenden in Villeneuves Filmen, der sich in Arrival gerade nicht darum bemüht, wie es in Hollywood sonst zumeist üblich ist, den Kontakt zwischen Gegenwart und Zukunft als reines Action-Spektakel auszuleuchten. Villeneuves erster Ausflug ins Sci-Fi-Kino ist vielmehr ein Film der Kontemplation, des Nachdenkens, und der Poesie. Von den eleganten, siebenbeinigen Kreaturen, die wie in der dem Film zugrunde liegenden Kurzgeschichte „Story of Your Life“ von Ted Chiangs als „Heptapods“ bezeichnet werden, bis hin zu den ausgetüftelten Sprachformen, mit denen sie kommunizieren, die Genre- und Detailverliebtheit des Regisseurs manifestiert sich beinahe in jeder Einstellung und macht noch die scheinbar unbedeutendsten Szenen zu einem kleinen Ereignis. Zwar läuft, wer mit dem Aufeinandertreffen derart komplexer Kommunikations- und Denksysteme hantiert, unweigerlich Gefahr, sich mitunter in einer allzu fraktalen Erzählstruktur zu verheddern. Doch gehört es vielleicht gerade zu den Feinheiten des Films, wie gekonnt sich Villeneuve immer wieder aus den eigens gelegten Schlingen zu befreien versteht, um am Ende dort anzukommen, wo er immer hinwollte: in der Zukunft. Anders als einige seiner bisherigen Arbeiten wie Prisoners (2013) oder unlängst Sicario, ist Arrival kein ungestümer Genrefilm, sondern vielmehr eine auf weite Strecken gelungene Versuchsanordnung über die Erfahrung der Fremdheit, in der Villeneuve auf bemerkenswerte, einfühlsame Weise das Bewusstsein einer höheren Spezies mit der Lebensgeschichte einer vom Schicksal geprüften Frau vereint.

 

Interview mit Denis Villeneuve

Herr Villeneuve, eine Frage ist unvermeidlich: Glauben Sie an Außerirdische?
Denis Villeneuve:
Ja, es wäre doch schrecklich langweilig, wenn wir tatsächlich alleine wären im Universum. Zumal die Menschheit an sich im Moment ja auch nicht besonders gut dasteht. Das heißt, ich hoffe schon, dass es da noch andere, intelligentere Wesen gibt.

Ihr Film basiert auf einer Erzählung von Ted Chiang. Wie sind Sie auf die Geschichte gestoßen und haben Sie darin auf Anhieb das Potenzial für einen Spielfilm gesehen?
Gute Frage. Nach dem Erfolg mit Incendies wurde ich nach Hollywood eingeladen und dort hat man mich gefragt, was ich gerne als Nächstes machen würde. Mir war klar, dass es was sein sollte, was ich zu Hause in Kanada nicht machen konnte – Science Fiction! Kurz darauf kamen zwei junge Produzenten mit der Kurzgeschichte auf mich zu, aber das Problem war, dass die literarische Vorlage in erster Linie einen wissenschaftlichen Prozess beschreibt und keine wirkliche dramatische Struktur besitzt, die man entsprechend auf der Leinwand umsetzen könnte, und obwohl ich das Projekt unheimlich interessant fand, wusste ich damals nicht recht, wie man am besten mit dem Stoff umgehen sollte. Es dauerte dann eine ganze Weile, bis irgendwann Eric Heisserer dazu kam, der eine Idee hatte, wie man Struktur in die Geschichte bringen könnte. Daraufhin habe ich auch zugesagt und wir haben angefangen, gemeinsam an dem Drehbuch zu arbeiten. Es war noch einmal ein sehr langer Prozess, bis wir das Gefühl hatten, in etwa das richtige Gleichgewicht zwischen Drama und Wissenschaft gefunden haben, ein Prozess, der sich vom Schreiben übers Drehen und Schneiden des Film entwickelt hat.

Sie haben auch die Sprachzeichen der Außerirdischen komplett selbst entwickelt, stimmt das?
Ja, wir haben sehr viel Zeit damit verbracht, die richtige Sprache zu finden. Wir wussten am Anfang nur, dass sie kreisförmig sein musste, aber das war’s. Es sollte eine Sprache sein, die niemand zuvor gesehen hatte und die der Komplexität des Ganzen gerecht werden würde. Für mich war es außerdem wichtig, dass die Zeichen etwas Unheimliches hatten. Wir haben viel ausprobiert, bis eine Künstlerin aus Montreal irgendwann auf die Idee mit den Tintenspritzern kam, die mein Produktionsdesigner Patrice Vermette dann weiterentwickelte. Am Ende hatten wir ein ganzes Wörterbuch zusammengestellt, viel mehr als wir für den Film eigentlich brauchten. Aber es war trotzdem wichtig, weil darin die Bedeutung, die Strukturen, die Sensibilität der Sprache zum Ausdruck kommt.

Auf den ersten Blick erinnern die Zeichen mitunter an japanische Zen-Kreis Kalligrafie.
Das stimmt. Wir haben uns, was die Sprache angeht, übrigens ziemlich streng an die Vorlage gehalten. In der Erzählung ist es auch so, dass die Tonsprache der Aliens für die Menschen nicht übersetzbar ist. Mit der geschriebenen Sprache ist das anders, weil sich darin eine eindeutige Struktur abzeichnet, die sich entschlüsseln lässt. Für mich persönlich habe ich das so verstanden, dass die Außerirdischen über die Töne ihre Emotionen zum Ausdruck bringen und ihr Intellekt im geschriebenen Wort liegt.

Hat das Studio nicht drauf bestanden, dass Sie mehr Explosionen und Action Szenen in die Handlung einbauen, die sonst in einem Science-Fiction-Film aus Hollywood eigentlich nicht fehlen dürfen?
Na ja, wie soll ich das sagen … im Nachhinein sind alle sehr zufrieden mit dem Film, aber am Anfang hat keiner so richtig etwas damit anzufangen gewusst. Auch weil die Geschichte so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was man beispielsweise von einem Michael-Bay-Film erwarten würde, und das hat das Studio zunächst schon verunsichert. Aber jeder Film hat seine Helden und in dem Fall sind das für mich eindeutig Amy Adams und Joe Walker, der Editor des Films. Wir haben unheimlich lang und hart vor allem am Schnitt gearbeitet, um die zwei Welten und obendrein auch die verschiedenen Zeitebenen miteinander zu verbinden.

Ist es Zufall, dass Sie mit „Blade Runner 2“ nun gleich zwei Science-Fiction-Filme hintereinander drehen?
Ja und nein. Wie gesagt, ich habe schon lange davon geträumt, einen Science-Fiction-Film zu machen. Ich war schon als Kind ein riesiger Fan. Bücher, Comicromane, Filme – ich habe damals alles verschlungen, was irgendwie Sci-Fi war. Es war meine Art, mit der Realität klar zu kommen. Ich war als Junge super schlecht im Sport, vor allem Hockey, und dann kann man in Kanada gleich einpacken. Sci-Fi war wie eine Droge für mich, die mich vom Alltag befreite. Das heißt, Freunde, die mich schon sehr lange kennen, haben sich bisher immer gefragt, warum ich ein düsteres Drama nach dem anderen gedreht habe, weil das gar nicht zu dem Bild passt, dass sie von mir hatten. Und ich selbst habe auch immer gehofft, dass ich früher oder später auf Sci-Fi umschwenken würde. Warum es so lange gedauert hat, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen habe ich lange nach einer guten Geschichte gesucht, von der ich das Gefühl hatte, dass ich sie erzählen könnte. Zum anderen war es jetzt das erste Mal so, dass ich das entsprechende Budget hatte, um einen Sci-Fi-Film zu drehen. In Kanada hat man als Filmemacher viele Freiheiten, aber meistens fehlt das Geld. Und Science-Fiction ist nun einmal oft sehr teuer. Es gibt nur wenige tolle Filme wie beispielsweise Under the Skin,  die nicht sagenhaft viel kosten, aber es ist auch eine andere Art von Film, und das hätte mit einer Geschichte, wie wir sie in Arrival erzählen, nicht funktioniert.

Natürlich sind jetzt auch alle sehr gespannt, was Sie mit „Blade Runner“ anstellen werden. Wie gehen Sie mit dem Druck um, der diesbezüglich auf Ihren Schultern lastet?
Zunächst einmal muss man sich darüber im Klaren sein, dass es unmöglich ist, mit einer Fortsetzung dem Original auch nur annähernd das Wasser reichen zu können. Blade Runner ist ein Meisterstück, einer, wenn nicht der beste Science-Fiction-Film überhaupt, und Ridley Scott ist sein Meister. Und das ist es, was mich am meisten einschüchtert, die Tatsache, dass nicht Ridley sondern ich derjenige bin, der diesmal die Zügel in der Hand hält, und dass ich versuchen muss, meinen eigenen Weg zu finden, auch wenn das Universum, in dem wir uns bewegen, noch immer das gleiche ist.

Das heißt, Sie werden auch am Design nicht allzu viel verändern?
Wie gesagt, es ist in etwa der gleiche Traum, aber eben mein Traum. Und ich habe keine Ahnung, wie das Publikum darauf reagieren wird. Das Einzige, was ich im Moment dazu sagen kann, ist, dass Ryan Gosling unverschämt gut ist. Ich bin wirklich schwer beeindruckt von ihm als Schauspieler. Mir ist bisher noch niemand untergekommen, der so engagiert, präzise und effizient bei der Sache ist, wie Ryan. Außerdem habe ich bei ihm das Gefühl, dass er mich versteht und wir den Weg durchs endlose Dunkel gemeinsam gehen – obwohl man dazu sagen muss, dass wir gleichzeitig auch jede Menge Spaß an der Sache haben.

Und wie ist es, mit Harrison Ford zusammen zu arbeiten?
Die Dreharbeiten dauern bei einem Film wie diesem unheimlich lang. Wie haben uns bisher nur während der Vorbereitungen getroffen, der eigentliche Dreh mit ihm steht derzeit noch aus. Aber Harrison Ford war immer einer meiner größten Helden als Kind, und ihn jetzt persönlich zu treffen, vor allem einen Mann zu treffen, der so offen, herzlich und bescheiden ist wie er, das war schon was. Ich bin schrecklich gespannt darauf, die Dreharbeiten mit ihm zu beginnen.

Werden Sie demnächst auch wieder mit Jake Gyllenhaal drehen?
Es gibt ein Projekt, an dem wir basteln. Jake ist ein guter Freund. Wir haben bisher zwei Filme zusammen gemacht und würden das gerne fortsetzen.

Was macht ihn so besonders für Sie?
Jake ist verrückt, im positiven Sinn. Er hat diesen unermüdlichen Willen, Grenzen zu überschreiten und Risiken einzugehen, und das liebe ich sehr. Es hat mit Enemy angefangen. Bei dem Film haben wir viel ausprobiert, bestimmte Szenen immer wieder anders vor der Kamera durchgespielt, um verschiedene Emotionen in ihm auszuloten. Wir haben damals gedacht: Super, keiner wird den Film jemals sehen, aber wir hatten zumindest einen Mordsspaß dabei. Weil wir frei waren und wie in einem Labor herumexperimentieren konnten. Daraus hat sich am Ende schließlich eine enge Freundschaft entwickelt.

Denken Sie, dass Sie mit Ryan Gosling Ähnliches verbindet?
Jetzt wird‘s gefährlich, Jake wird mich umbringen … Aber ganz im Ernst, Ryan ist auch jemand ganz Besonderes.

Ein Kanadier.
Genau! Es ist schon komisch, wir sitzen oft zusammen und schmunzeln darüber, dass die Kanadier in Hollywood das Ruder übernommen haben.

Sie sagen, dass Jake Gyllenhaal jemand ist, der bereit ist, Grenzen zu überschreiten. Das lässt sich auch auf Ihre persönliche Arbeitsweise übertragen, vor allem im Hinblick auf Ihren Umgang mit Genre.
Ich versuche immer, meinen eigenen Ansatz zu finden, um meine Arbeit lebendig zu halten, mit all den Fehlern und Mängeln, die dabei unvermeidlich sind. Das ist heutzutage nicht einfach, wo es so viele verschiedene Stimmen ringsherum gibt, die einem sagen wie man es besser macht, und wo der Druck immer größer wird. Man darf da nicht selbstverliebt werden, auch wenn man an sein eigenes Talent glauben muss, um einem kreativen Impuls konsequent folgen zu können. Auch hier kommt es wie so oft auf das richtige Gleichgewicht an, und darauf, dass man offen bleibt für die Ideen anderer, weil sie vielleicht tatsächlich besser und kluger sind als die eigenen. Diese Balance zu finden ist manchmal nicht einfach für mich.

Können Sie am Ende mit einem Film wie „Arrival“ zufrieden sein?
Um ganz ehrlich zu sein, ich habe den Film quasi im Sprint fertig gestellt, weil man bei Blade Runner schon auf mich wartete. Das heißt, zum Teil habe ich Arrival während der Vorbereitungen zu Blade Runner abgeschlossen. Aber ich habe mir die Zeit genommen, die ich brauchte. Trotzdem ist es jetzt ein bisschen so, als hätte ich ein Kind auf die Welt gebracht, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte, dass ich nicht anfassen, nicht riechen konnte. Mit anderen Worten: Ich hatte bisher noch keine Zeit, mir eine eigene Meinung darüber zu bilden, ob ich persönlich den Film für gelungen halte oder nicht. Ich sitze im Grunde gerade wie nackt vor Ihnen, weil ich selbst noch nicht weiß, was ich davon halten soll. Ich glaube, das wird ganz schön merkwürdig werden, wenn ich den Film irgendwann mal wieder anschaue, ohne das ganze Drumherum im Moment, aber derzeit fehlt mir einfach der nötige Abstand dazu. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich gerade vielmehr in der Zukunft als in der Gegenwart, weil mein Leben komplett von Blade Runner bestimmt ist.

Wie sieht so ein Tag in der Zukunft aus?
Ich wache um sechs Uhr morgens auf und gehe nicht vor Mitternacht ins Bett. Und das sieben Tage die Woche. Meistens träume ich noch davon. Ganz oft wache ich nachts auf und dann weiß ich, das war’s. Danach kann ich nicht mehr einschlafen, weil ich mir zu viele Gedanken mache und mir all die Dinge im Kopf herumschwirren, die es noch zu erledigen gibt. Wenn Sie mich fragen, was ich nach Blade Runner vorhabe, dann heißt die Antwort nur: Schlafen!