Sicario
Kate Macer (Emily Blunt)

Sicario

"This is the land of wolves now"

| Alexandra Seitz |
Erst spielt sie alle Männer an die Wand, dann wird sie vom Wolf gefressen: Emily Blunt als FBI-Agentin Kate Macer in Denis Villeneuves hervorragendem Thriller Sicario.

Fallen wir passenderweise gleich mal mit der Tür ins Haus: Welche Funktion kommt der Figur der FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) in Sicario zu? Abgesehen davon, dass sie auf der Ebene der Rezeption das Identifikationsangebot darstellt und die Augen des Publikums vertritt.

Kate Macer arbeitet in dem, was man früher einen Männerberuf genannt hätte und sie hat es darin vergleichsweise weit nach oben geschafft. In Phoenix, Arizona, leitet sie ein auf Entführungsfälle spezialisiertes Einsatzteam und der ziemlich atemberaubende Beginn von Villeneuves Films zeigt sie voll in Aktion, hochkonzentriert, umsichtig, hellwach. Sie ist diejenige, die das Sagen hat und diejenige, die ihren Vorgesetzten selbst dann noch vergleichsweise gelassen Bericht erstattet, als es ihre männlichen Kollegen bereits reihenweise zum Kotzen vor die Türe des soeben aufgebrachten und mit Leichen vollgestopften Hauses treibt.

Kate Macer ist ein Vollprofi mit moralisch fundierten Wertvorstellungen innerhalb eines, wie sie glaubt, funktionierenden Systems aus Recht und Ordnung. In der Folge werden wir Zeugen ihrer Demontage. Und das System geht dabei gleich mit in die Brüche.

Das obige Haus gehört einem Mitglied des mexikanischen Sonora-Kartells, dem man selbstverständlich keine Verbindung zu irgendwelchem kriminellen Treiben nachweisen kann. Die 42 Toten in den Zwischenwänden sind die Opfer dieser ungeheuer gewalttätigen Strukturen – den zahllosen mexikanischen Kartellen, die das vom kolumbianischen Medellín-Kartell hinterlassene Machtvakuum gefüllt haben und sich seither blutig um die Vorherrschaft streiten –, die aus nichtigsten Anlässen zu den grausamsten Mitteln greifen und so brutal wie gnadenlos wie massenhaft töten.

Freilich ist Kate entsetzt und freilich will sie etwas dagegen unternehmen, das über reine Symptombekämpfung hinausgeht – und so bricht sie auf ins Land der Wölfe. Ohne Zögern sagt sie zu, als sie, vorgeblich ihrer Kompetenz wegen, einer verdeckt operierenden Sondereinheit, vermutlich des CIA, zugeteilt werden soll. Es wird sich herausstellen, dass das mit der Kompetenz so nicht ganz stimmt und dass Kate im Rahmen des Unterfangens weniger eine beratende denn eine Alibi-Funktion zugedacht ist. Ein Unterfangen, das von dessen Leiter Matt Graver (Josh Brolin) wiederum etwas schwammig beschrieben wird: Um des mexikanischen Hintermanns habhaft zu werden, gelte es, dessen US-amerikanischen Gewährsmann unter Druck zu setzen, und dazu sei es nunmehr notwendig, „to dramatically overreact“, dramatisch überzureagieren also, man könnte auch sagen, „hysterisch“ zu werden, mithin sich eines weiblichen Reaktionsmusters zu bedienen. Nichts wiederum läge Kate ferner als Hysterie – auch die berühmt-berüchtigten Waffen einer Frau weiß sie, wie ihr Freund und Kollege halb tadelnd bemerkt, nicht richtig zu führen – und doch wird gerade sie, die einzige Frau unter all den hysterisch überreagierenden Männern, bitter bestraft.

Alejandro (Benicio Del Toro) wird seine Pistole auf ihren Kopf richten und ihr einen Kugelschreiber hinhalten. Und Kate Macer wird mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass alles „mit rechten Dingen zugegangen ist“, dass der Einsatz im Rahmen und unter Beachtung der Vorschriften durchgeführt worden ist, dass die Regeln befolgt wurden und die Gesetze respektiert. Sie unterschreibt nicht freiwillig, aber sie unterschreibt und sie macht sich damit zur Komplizin. Denn nichts davon entspricht den Tatsachen, nichts davon ist wahr. Was sich vielmehr in Wirklichkeit zugetragen hat, spricht jeglichem Rechtssystem Hohn und spottet im Grunde jeder Beschreibung.

Sowohl auf eigenem Territorium (USA) als auch auf dem des Nachbarstaates (Mexiko) wurden zahlreiche Straftaten bis hin zum Mord begangen – und zwar im Rahmen eines Plans, der nicht die Beendigung des Verbrechens selbst zum Ziel hat, sondern lediglich die Herstellung einer klareren, handhabbareren Struktur: die Wieder-Etablierung des Marktmonopols des kolumbianischen Drogenkartells soll dem in die USA überschwappenden Kleinkrieg der mexikanischen Drogenkartelle endlich Einhalt gebieten. Souveränität und Verfassung der beteiligten Staaten sind dabei vernachlässigbar, um nicht zu sagen irrelevant. Mittel zum Zweck ist eben jener Alejandro, ein Söldner, der seine von Rachsucht motivierten, brutalen Fähigkeiten in die Dienste jener stellt, die ihn in die „richtige“ Richtung von der Leine lassen. Auch er ein Korrumpierter, ein ehemaliger Justizbeamter, der seine Familie an den Drogenkrieg verlor und seine moralischen Maßstäbe und Wertvorstellungen gleich mit. Jetzt bohrt er potenziellen Informanten die Finger in die Ohren und unterbreitet Angebote, die man nicht ablehnen kann.

„I can’t sign this“, flüstert also Kate und in Emily Blunts klarem, nüchternem Gesicht spiegelt sich keine Todesangst. Was sich vielmehr darin spiegelt, ist die Bankrotterklärung der Demokratie in Form von tiefer Ratlosigkeit und Verzweiflung. Verzweiflung über die Zumutung, die ein offenbar schwer beschädigtes, politisches System an sie richtet, ebenso wie Verzweiflung über das eigene moralische Versagen, weil sie dieser Zumutung nachgibt. Denn schließlich ist einem das Hemd näher als der Rock, und soll man wirklich für eine Politik sterben, die einen verraten hat? Zumal, wenn „man“ eine Frau ist?

Als handlungstragende Figur, die noch dazu nicht als fantastisch aufgemotzte Superheldin daher kommt, sondern schlicht als durchtrainierte, gut ausgebildete Kämpferin scheint Kate Macer die lang schon erhobene emanzipatorische Forderung nach anspruchsvolleren, komplexeren, die weibliche Lebensrealität spiegelnden Frauenrollen im Mainstreamkino zunächst zu erfüllen – um sich am Ende in einer unbequemen Position zwischen den Stühlen wiederzufinden, an der für die (erlangte und/oder ausgeübte) Macht ein hoher Preis fällig wird. Ob man in diesem Zusammenhang von subtil angewandten Entmachtungsstrategien sprechen will oder von einem System in der Krise, in dem die Frau die Funktion des Katalysators innehat, hängt wohl von der eigenen Begeisterungsfähigkeit für Verschwörungstheorien ab.

In jedem Fall signalisiert der Moment, in dem die Frau an den Sandkasten der Männer herantritt und gleiches Recht an den Spielsachen einfordert, den Männern, dass es an der Zeit ist, andernorts einen anderen Sandkasten zu eröffnen, für den die etablierten Zugangsrestriktionen weiterhin gelten können. Während Kate also innerhalb eines demokratisch legitimierten staatlichen Systems Karriere macht, brechen ihre männlichen Vorgesetzten in einen rechtsfreien Raum auf wie die Pioniere seinerzeit in den Wilden Westen – und wie im Wilden Westen geht es dort dann auch zu; der Frau bleibt nichts anderes übrig, als sich erneut dreinzufinden in die aus dem Western sattsam bekannte Rolle der händeringenden Zeugin eines barbarischen Blutvergießens im Namen der Zivilisation – an dessen Ende sie dann ins Schulhaus einziehen und an nachfolgenden Generationen Kultivierungsarbeit leisten darf.

Was sich in Sicario abspielt, ist also ein Systemwechsel, ist eine erneute Verschiebung der „frontier“ – die nun eben nicht nur der Emanzipation der Frau gefährlich wird, sondern die auch zivilisatorische Errungenschaften wie demokratische Verfassungen, staatliche Souveränität, den Wert der Gewaltlosigkeit und ganz allgemein die Menschenrechte bedroht. Villeneuve zeigt das, indem er sich der Augen einer idealistischen Frau bedient, die eine schwierige Aufgabe aus den richtigen Gründen übernimmt, die dann aber feststellen muss, dass sie getäuscht und betrogen wird und es gerade ihr Idealismus ist, der sie zur Erfüllungsgehilfin eben jener verbrecherischen Struktur macht, die zu bekämpfen sie ursprünglich einmal angetreten war. Es ist eine perfide Struktur, sie heißt: „der Zweck heiligt die Mittel“, und sie bedeutet, dass man sich gemein macht mit dem Gegner. Da gibt es kein Herumtun und daran lässt Villeneuve auch keinen Zweifel. Das Beunruhigendste an der ganzen Sache aber ist, dass Sicario leider nicht ins Reich der Dystopie verwiesen werden kann, sondern als gegenwärtiges Abbild einer historischen Situation gesehen werden muss.

Führt man sich die diffus graue Zone der US-amerikanisch-mexikanischen Grenzregion vor Augen, in der es von Schleppern, Schmugglern und Angehörigen paramilitärischer Bürgerwehren nur so wimmelt, wird einem angst und bange. Auch nicht zur Beruhigung bei trägt der Umstand, dass innerhalb Mexikos bis an die Zähne bewaffnete Milizen ihr Unwesen treiben, die von den unterschiedlichsten Interessensgruppen korrumpiert, manipuliert und funktionalisiert werden. Beiderseits der Grenze – und eben nicht nur dieser Grenze – bleibt die Rechtstaatlichkeit auf der Strecke.

„This ist the land of wolves now“, sagt Alejandro am Ende zu Kate und gibt ihr den Rat zu gehen, weil sie für dieses Land nicht geschaffen sei. Er sagt nichts anderes als: Demokratie hat ausgedient. Und Villeneuve via Kate Mercer via Emily Blunts hervorragend genauem Spiel, gibt die Frage an uns weiter: Wollen wir im Land der Wölfe leben? Und wenn nicht, wie sieht unser Widerstand aus?