Jessica Hausners „Little Joe“ wurde für Wettbewerb von Cannes ausgewählt. Eine Wissenschafterin gerät darin unter den unheimlichen Einfluss einer Pflanze, die sie selbst erschaffen hat.
Man kennt die Diskussionen über die Risiken und Möglichkeiten der Gentechnik, vor der Ökologen warnen, während Konzerne neue Wirtschaftsmodelle wittern. Wiewohl der Einfluss auf den menschlichen Organismus bislang wenig erforscht ist, gehen die Emotionen dabei hoch. Für Jessica Hausner war Gentechnik ein Ausgangspunkt für ihr neues Projekt Little Joe, in dem eine Pflanze eine unheimliche Macht auf ihre Umgebung auszuüben scheint. Alice ist eine Wissenschafterin und Pflanzenzüchterin, die für ihre Karriere viel riskiert und lieber etwas ausprobiert, als auf Nummer Sicher zu gehen. Das fällt ihr später auf den Kopf. Hin- und hergerissen zwischen ihrer Arbeit, die sie liebt, und ihrem Sohn Joe, den sie auch liebt, will sich die Alleinerzieherin mehr um ihr Kind kümmern, gerät dabei aber immer wieder in Konflikt mit ihren Interessen.
„Das ist eine Situation, die mich auch persönlich motiviert hat, diese Geschichte zu schreiben. Ich kenne das Problem, dass man zwischen Beruflichem und Familien-leben etwas aufgerieben wird“, sagt Jessica Hausner. Als Alice eine Entfremdung zu ihrem heranwachsenden Sohn feststellt, gerät schließlich die Pflanze in den kuriosen Verdacht, in der Beziehung der beiden Menschen zu intervenieren. Das Unheimliche, Übersinnliche und die Frage, ob man der eigenen Wahrnehmung trauen kann, sind Themen, die Hausner schon in ihren Filmen Hotel und Lourdes aufgegriffen hat. Little Joe entwickelt sich in der Folge wie ein Genrefilm nach dem Muster von Body-Snatcher-Filmen, in dem die Präsenz der Pflanze zunehmend stärker in den Mittelpunkt rückt. Hausner: „Die Pflanze funktioniert nicht so, wie man sich das vorgestellt hat und ruft in ihrer Umgebung unheimliche Effekte hervor. Da spielt auch die psychische Verfasstheit von Alice mit ihrem persönlichen Konflikt hinein. Doch ihre Wahrnehmung über die Ereignisse ist nicht eindeutig, es wäre natürlich auch möglich, dass sie unter Ängsten leidet. Oder dass sie einfach ein schlechtes Gewissen plagt und sie sich vieles nur einbildet. So entwickelt sich eine Art Vexierspiel zwischen der Wirklichkeits- und der Wahrnehmungsebene. Auf dieser Ebene mäandert der Film dahin und wird in der Folge zu einem Body-Snatcher-Film.“
Die Herausforderung beim Schreiben war es, so Jessica Hausner, die Szenen in jede Richtung hin offen zu halten. Gemeinsam mit ihrer Ko-Autorin Geraldine Bajard, mit der sie schon Amour fou und Lourdes geschrieben hat, wurde eine ganz klassische Genrestruktur gewählt, die dann aber durch die Ambivalenz der Szenen, was die Deutung betrifft, gebrochen wird. Die Filmemacherin hat sich gerade am ersten Drittel von klassischen Body-Snatcher-Filmen orientiert, in denen es oft einen Freund oder Verwandten gibt, der plötzlich verändert wirkt, während die anderen Menschen ihn ganz normal finden. Erst später kommt dann heraus, was vor sich geht. Hausner: „Ich fand immer das erste Drittel dieser Filme spannend, wo es um die Zweifel und die Frage geht, ob dieser Mensch noch er selbst ist. Ich meine: Wer kann das schon beurteilen, wann jemand noch er selbst ist?“
Gedreht wurde Little Joe in England mit einem prominenten britischen Cast. Emily Beecham (Daphne) hat die Rolle der Pflanzenforscherin Alice übernommen, in weiteren Rollen sind Ben Whishaw (The Lobster), und Kerry Fox (An Angel at My Table) aktiv. Dass die Handlung nicht in Österreich angesiedelt wurde, begründet Hausner damit, dass mit einer internationalen Produktion ein größeres Publikum erreicht werden könne. Gerade auch, wenn es um das Subgenre Body Snatcher geht, läge es nahe, auf Englisch zu drehen. „Ich wollte aber auch versuchen, mit Schauspielern zu arbeiten, die ich toll finde und die ich aus anderen Filmen kenne. Eigentlich war Hotel war mein letzter Film, den ich mit österreichischen Schauspielern gedreht habe. Ich sehne mich grundsätzlich danach, Filme zu machen, die eine gewisse Allgemeingültigkeit haben. Ich schreibe meine Geschichten auf diese Weise, entwickle die Bilder auf diese Weise, da ist es fast hilfreich, mit Schauspielern zu arbeiten, die eine andere Sprache sprechen, weil ich dann gar nicht in Versuchung gerate, ein Lokalkolorit reinzubringen. Sondern auf einer Ebene zu arbeiten, die jeder versteht.“
Den Dreh in England empfand Hausner als durchweg positiv. „Mein Eindruck: England ist ein angenehmes Land, um Filme zu drehen. Es lief sehr gut. Wir hatten eine Koproduktionsfirma, die alles super organisiert hat. Interessant auch die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Vorgaben, etwa dass es in England strenge Diversity-Regeln gibt. Ich musste beim Cast Non-Whites dabeihaben, die auch Text haben, da gibt es eine ganze Liste mit Punkten, die man berücksichtigen muss, um die Förderkriterien zu erfüllen. Auffällig war auch der Kontakt mit BBC und unserer Koproduktionsfirma The Bureau. Da hatte ich immer auch mit vielen Frauen zu tun, auch in leitenden Funktionen, das fand ich gut.“ Für einen Film, der seine Fühler in das Gruselgenre ausstreckt, war es wohl auch wichtig, einen Requisiteur zu finden, der die geheime Hauptfigur des Films, „Little Joe“, mit der gehörigen Präsenz auf das Set und in das Geschehen einbringt. Das genmanipulierte Gewächs, wie es im Film vorkommt, gibt es in der Natur natürlich nicht. In England fand man einen Prop-Maker, der die Pflanze aus tausenden Stücken eigens für den Film gebaut hat. Es wurden andere Pflanzen, Teile aus Papier und Plastik verwendet, auch ein 3D-Drucker kam zum Einsatz. Die echte Pflanze, die als Vorbild diente, heißt mit lateinischem Namen Haemanthus scadoxus, im Handel u.a. unter der Bezeichnung „Blutblume“ bekannt. Ein klassischer Körperfresserfilm ist Little Joe natürlich nicht, Hausner achtete darauf, dass die Geschichte nicht zu explizit wird. Auf das Publikum wartet vor allem die Ambivalenz der eigenen Wahrnehmung, und die Herausforderung, einfachen Antworten und dem Genreplot blindlings zu folgen.
