Amour Fou

Filmkritik

Amour Fou

| Alexandra Seitz |
Literaturgeschichte liefert Psychodrama liefert Kunstfilm für Fühlende

Sie mit ihren romantischen Ideen!“ Das sagt Cousine Marie zu Heinrich, als der einmal wieder mit dem Vorschlag daher kommt, gemeinsam aus dem schnöden Leben zu scheiden. Cousine Marie will lieber heiraten, wenngleich nicht Heinrich, der ist ihr mit seinen Weltschmerzgedanken und seiner Leidensmiene einfach zu morbide. Dann schiebt man sich noch einen Keks in den Mund, und mal wieder bellt irgendwo ein Hund oder läuft durchs Bild und mit dem Film davon. Die Hunde sind mit das Lebendigste in Jessica Hausners Amour Fou, und das ist keine Kritik, sondern eine Feststellung zur gesellschaftlichen Verfasstheit, von der dieser Film erzählt und die Kameramann Martin Gschlacht in Bilder äußerster formaler Strenge fasst. In diesen Bildern, Hausner nennt sie Tableaux vivants, stehen nun also die Figuren, und man kann spüren, wie sie im Korsett der Regeln und Normen förmlich zerquetscht werden. Und man spürt diesen enormen Druck eben nicht zuletzt deswegen, weil die Hunde ihn weniger spüren und sich ihm zum Teil nur fügen, weil sie, ungenügend gebändigt, bellen und durchs Bild rennen und nach der Wurst auf dem Teller schielen, wo die Menschen immer und unter allen Umständen Contenance zu wahren gezwungen sind.

Inspiriert vom Doppelselbstmord Heinrich von Kleists und Henriette Vogels am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee zu Berlin – der deutsche Dichter schoss zuerst der Vogel ins Herz und dann sich selbst ins Hirn, da war er gerade mal 34 Jahre alt – gelingt Hausner die Erfassung eines Zeitgeist-Momentes und die Sektion einer mentalitätsgeschichtlichen Umbruchphase.

Erste Ideen von den Krankheiten der Seele und möglichen Wechselwirkungen mit den Krankheiten des Körpers stahlen sich via Mesmerismus und Magnetismus in die Vorstellungen, die die gebildeten Stände sich vom Inneren des Menschen machten. Noch entzog sich, was da genau zu beschreiben war, der Kenntnis, doch manch einer arbeitete bereits an einer adäquaten Sprache. Die Vogel und Kleist fielen einem Paradigmenwechsel weniger zum Opfer, als dass er sich in ihrer Tat konkretisierte: das Unbehagen der Frau im Patriarchat und der von seiner Zeit nicht verstandene Künstler; Erfahrungen von Deplatziertheit, die Existenz und Lebenszuversicht untergraben. Begriffen hat man das damals sehr wahrscheinlich nicht, uns Heutigen aber vermitteln es die in Amour Fou wunderbar präzise arbeitenden Theaterschauspieler mit Wucht. Als wohlüberlegter Schuss ins Herz.