Osmosis

Serie | Osmosis

Ihr Seelenverwandter erwartet Sie!

| Marietta Steinhart |
Wenn eine neue Technologie wahre Liebe garantieren könnte, würden Sie zugreifen? Das revolutionäre Dating-Konzept der Zukunft heißt „Osmosis“ und kommt aus Frankreich.

Wie jeder, der schon einmal Tinder benutzt hat, sicherlich weiß, ist es einfach die Hölle. Verzweifelt wischt man nach links oder rechts, in der kümmerlichen Hoffnung, dass man eines Tages „den Richtigen“ oder „die Richtige“ finden wird. Aber wäre es nicht schön, wenn es einen Service gäbe, der uns all die Enttäuschungen, all die Demütigungen und all die seichten Gespräche mit temperamentlosen Fremden ersparen und uns direkt zu unserem Seelenverwandten führen würde? Das ist die Idee von Osmosis, einer achtteiligen französischen Netflix-Serie, die eine interessante Frage stellt: Können wir uns nur auf Technologie verlassen, um wahre Liebe zu finden?

Paul (Hugo Becker) und Esther (Agathe Bonitzer) Vanhove sind das Pariser Bruder-Schwester-Gespann hinter einer neuen Schöpfung namens „Osmosis“, die für all diejenigen da ist, die genug haben von aussichtslosen App-Beziehungen, die nach wenigen Wochen wieder zerbrechen. Das Osmosis-Implantat hat die Form einer Pille. Einmal geschluckt, setzt sie einen Schwarm von Nano-Robotern im Gehirn frei, die Signale aus dem Unbewussten empfangen. Diese Roboter lesen Gedanken und Gefühle, verknüpfen sie mit sozialen Medien und anderen Informationen und finden den perfekten Seelenpartner eines Menschen. Voilà!

 

Aber dieser revolutionäre Durchbruch spaltet letztendlich die öffentliche Meinung. Die Gegner von Osmosis, die sich „Humanisten“ nennen, halten den neuen Service für ein emotionales Gefängnis, denn dadurch sei man dazu verdammt, sein Leben mit nur einer Person zu verbringen. Können wir nicht einfach akzeptieren, dass die Dinge nicht immer perfekt sind? Was ist mit Datenschutz?

Paul, der sich um den geschäftlichen Teil des jungen Unternehmens kümmert, denkt, dass Osmosis die Menschheit unwiderruflich zum Besseren verändern wird. Sein Vertrauen in die Osmose beruht auf seinem persönlichen Erfolg. Alles, was er tun muss, ist, die leuchtende Tätowierung auf der Innenseite seines Handgelenks zu berühren, um in einen virtuellen, schwerelosen, schwarzen Raum transportiert zu werden, in dem er und seine Frau Josephine (Philypa Phoenix) nackt in künstlerischen Posen schweben. Ein ewiger Zustand der Ekstase. Esther, das Genie hinter der Erfindung, ist an Romantik völlig uninteressiert. Wenn sie Sex will, springt sie in eine Virtual-Reality-Simulation der Konkurrenzfirma mit dem Titel „Perfect Match“. Sie ist mehr daran interessiert, die neue Gehirn-Matching-Technologie zu verwenden, um ihre komatöse Mutter (Aurélia Petit) wiederzubeleben, was erfordert, dass die körperlose Künstliche Intelligenz, die sie erschaffen hat, das Sicherheitsprotokoll übertreten muss.

Inzwischen bereiten sich zwölf liebeshungrige Probanden auf ihren Testlauf vor, bevor der Service der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Eine der Testpersonen, Ana (Luna Silva), sucht, wie soll es anders sein, schmerzlich nach Liebe. „Ich bin die Dicke, mit der man aus Mitleid schläft und es am nächsten Tag leugnet“, denkt sie bei sich. Niels (Manoel Dupont), ein Teenager, leidet an Sexsucht und hofft, dass die wahre Liebe ihn heilen wird. Lucas (Stephane Pitti) denkt, dass ihm die Technologie helfen wird, sich zwischen zwei Männern zu entscheiden. Aber was tun, wenn der Seelenverwandte zufälligerweise jemand ist, der chronisch fremdgeht? Blöd gelaufen.

Natürlich sind die Dinge unheimlicher als sie zunächst scheinen, und die Auswirkungen nehmen nicht immer eine willkommene Gestalt an. Paul kommt eines Tages nach Hause, um herauszufinden, dass seine Frau ihn womöglich verlassen hat, was seine ganze Seelenverwandtschaftstheorie über den Haufen werfen würde. Die Investoren ziehen den Stecker. Die Konkurrenz versucht, sich in sein System zu hacken, und die Ethikkommission mischt sich ein. Der großen Liebe stehen so viele Dinge im Weg – nicht zuletzt die Probanden selbst.

Es hat zwangsläufig bereits Vergleiche mit Charlie Brookers Science-Fiction-Serie Black Mirror und insbesondere mit deren hervorragender Folge Hang The DJ gegeben, aber Osmosis hat ein Niveau an Nuance, Tiefe und Stil, das sich grundlegend davon unterscheidet. Die französische Serie hat einen dunkleren Reiz mit einer melancholischen Stimmung, die jede Folge durchdringt. Während in Charlie Brookers Welt – bis auf wenige Ausnahmen – Technologie die Bevölkerung korrumpiert, konzentriert sich Osmosis nicht auf moralische Panikschlagzeilen, sondern auf die Menschen, die sich ihr Glück auch ganz allein vermasseln.

Fest in der Realitiät verankert
In Maniac, einer anderen Science-Fiction-Serie von Netflix, rekrutiert ein Konzern ebenfalls Probanden; in jenem Fall für eine Arzneimittelstudie, die Emma Stone und Jonah Hill auf eine Reise in ihr eigenes Unbewusstes schickt. Das Experiment verspricht in diesem Fall die Heilung von psychischen Problemen, zeigt uns aber eine neue Dystopie: Was, wenn traumatisierte Menschen sich in ihre Phantasiewelten flüchten?

Die Technologie in Osmosis schafft weder eine Dystopie noch eine Utopie an sich. Sie ist nur ein Werkzeug, das verschiedene Menschen unterschiedlich benutzen, und so springt die Serie zwischen den einzelnen Figuren hin und her. Im Gegensatz dazu verbringen die Charaktere in Hang the DJ die gesamte Episode buchstäblich in einer computergenerierten Simulation. Die ganze Welt besteht fast nur aus einem Mann und einer Frau (Joe Cole und Georgina Campbell), die in einer kontrollierten Umgebung nach ihrem „ultimativen kompatiblen Anderen“ suchen und dabei von Beziehung zu Beziehung geschoben werden. Und obwohl sie bis zum Schluss völlig der Gnade ihrer Technologie ausgesetzt sind, gibt es ein glückliches Ende.

Osmosis (nach Marseille und Plan de Coeur die dritte französische Eigenproduktion von Netflix) lässt sich, unter der Regie von Pierre Aknine, Mona Achache, Thomas Vincent und Julius Berg, genug Zeit für nachdenkliche Momente und stellt die richtigen Fragen, welche sowohl das Zwischenmenschliche wie auch unsere Liebesbeziehung zur Technik verhandeln.

Die (noch) relativ unbekannte Besetzung ist formidabel. Die französische Schauspielerin Agathe Bonitzer ist unheimlich einnehmend als verschlossene Neurowissenschafterin, der man so viel Skrupellosigkeit auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde. Yuming Hey – selbst „genderfluid“ – spielt Billie, eine androgyne, faszinierende Figur, die sich um die Probanden kümmert. Es ist nicht ganz klar, ob Billie eine Frau, ein Mann, eine Transgender-Frau oder ein Transgender-Mann ist, aber das spielt keine Rolle, es ist eben auch Teil dieser Welt.

Stilistisch hält Osmosis an ihrer nahen Zukunftsästhetik fest: mit mehreren neonbeleuchteten Schauplätzen und subtilen, futuristischen Akzenten für Paris. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie Cyber-Sex in Untergrundclubs angeboten wird; dass wir uns den Schwangerschaftstest beim mobilen Labor im Automaten abholen oder unseren Partner digital ermitteln – wir tun es ja jetzt schon. Das ist das Gute an dieser Serie: Sie ist fest in der Realität verankert.

Serienerfinderin Audrey Fouché, die mehrere Episoden der zärtlichen Zombie-Serie Les Revenants schrieb, lädt uns ein, dieses sehr plausible Szenario auf unsere eigenen Träume und Ängste zu übertragen. Und ja, Liebe kann auch weh tun, und es gibt wahrscheinlich keine App der Welt, die uns davor bewahren wird können.