Feinsinnige Neuinterpretation eines Genres: Der französische Serienhit „Les Revenants“ reanimiert die Toten ab heute auch im deutschen TV.
Der Zombie erlebt seit geraumer Zeit eine sanfte Wiedergeburt in Form eines beseelten Helden. Vorüber sind die trostlosen Tage gefühlloser, misanthroper, missverstandener Wiedergänger. Der Zombie du jour sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit. Ja, man könnte eine affektive Revolte dieser Untoten darin sehen, die sich aufbäumen gegen eine Filmhistorie, die sie lange Zeit in die Trash- und Exploitation-Ecke verbannte. Der US-Regisseur Jonathan Levine erzählte mit Warm Bodies (2013) eine sympathische Romanze aus Sicht des Zombies R, der von Blumenwiesen, Menschenmädchen und gesellschaftlicher Reintegration träumte. Die Resozialisierung von Zombies ist seit über einem Jahr auch Thema der reizvollen BBC-Miniserie In The Flesh. Mit Les Revenants schließt sich Frankreich diesem Trend an und unterläuft auf unbehagliche und gleichzeitig unheimlich schöne Weise die konventionellen Tropen des Zombiegenres. Eineinhalb Jahre nach Erstausstrahlung auf Canal+ feiert die Mysteryserie – wenn auch vorerst nur kostenpflichtig – unter ihrem internationalen Titel The Returned ihre deutsche TV-Premiere bei RTL Crime. C‘est magnifique.
In einem namenlosen, französischen Bergdorf tauchen eines Tages bereits verstorbene Bewohner wieder auf. Jeder von ihnen hat eine eigene Geschichte und nicht jeder von ihnen hat die besten Absichten. Sie wissen zunächst nicht, dass sie tot sind. Abgesehen von einer leichten Verwirrtheit, Schlaflosigkeit und einem außergewöhnlichen Appetit auf gewöhnliche Nahrung, verhalten sie sich (vorerst) relativ normal, sind äußerlich unverändert und scheinen unversehrt. Doch sie müssen feststellen, dass Jahre – in manchen Fällen Jahrzehnte – vergangen sind und ihre Rückkehr sowohl emotionale Probleme als auch existenzielle Fragen für ihre Liebsten birgt. Wenn der Tod keine Gewalt mehr über den Menschen hat, welche Bedeutung hat dann noch das Leben?
Die Reaktionen sind unterschiedlich. Die einen sehen in der Rückkehr einen Segen, die anderen Entsetzen. Die bei einem Busunglück ums Leben gekommene 15-jährige Camille (Yara Pilartz) sieht sich konfrontiert mit ihrer vier Jahre älteren Zwillingsschwester (Jenna Thiam) und inzwischen getrennten Eltern (Anne Consigny und Frédéric Pierrot). Es wächst die Anspannung aber auch der Groll jener Eltern, deren Kinder nicht zurückgekehrt sind, und es schwillt die Eifersucht in jenem Mann, der sich mit der Rückkehr des Verlobten (Pierre Perrier) seiner zukünftigen Ehefrau (Clotilde Hesme) auseinandersetzen muss. Während die Rückkehrer versuchen an ihr altes Leben anzuknüpfen, beginnt der Wasserstand des nahe gelegenen Stausees unerklärbar und kontinuierlich zu sinken. Jede der acht Episoden widmet sich einer der Hauptfiguren und insbesondere den fünf Zurückgekehrten. Mehr sollte man an dieser Stelle nicht über den Inhalt wissen, denn der Reiz der Serie liegt auch in ihrem ungewöhnlichen Verlauf.
Quality-TV auf Französisch
Les Revenants ist nicht die französische Antwort auf The Walking Dead. Im Gegenteil. Die Serie weiß wenig anzufangen mit den Ausschweifungen des Horror-Subgenres und deutet den Zombie zur verlorenen, liebenswürdigen Seele um. Zugegeben, „Zombie“ ist (zunächst) nicht das richtige Wort. Es handelt sich vielmehr um „Wiedergänger“, die oberflächlich betrachtet keinerlei Übereinstimmung mit ihren kannibalischen Artverwandten aufweisen. Ein erfrischend neuer Zugang: In vielerlei Hinsicht geht es viel weniger um die Untoten an sich als um die Trauerarbeit der Lebenden und die beunruhigende Wirkung auf die Unterbrechung derselben. Die Rückkehrer finden sich in einem Gefühlswirrwarr wieder und fungieren gleichzeitig als Projektionsfläche für die Emotionen ihrer Mitmenschen. Der domestizierte Zombie könnte ein neues Sub-Genre werden, das George A. Romero mit dem dritten Teil seiner Living Dead-Saga Day of The Dead bereits 1985 mit der Figur des „Bub“ andeutete.
Die internationale Kritik fiel regelrecht euphorisch aus. Die Serie steht den üppig gerühmten amerikanischen Qualitätsserien um nichts nach. Sie sei „very French“, so die Amerikaner, womit rauchende Teenager und ein freizügiger Umgang mit nackter Haut gemeint sind. „Very French“ bedeutet aber auch – und das im allerbesten Sinne – bedeutungsschwanger, atmosphärisch und melancholisch.
Die Serie basiert lose auf dem gleichnamigen Spielfilm (in den USA als They Came Back und in Großbritannien als The Returned bekannt) aus dem Jahre 2004 von Regisseur Robin Campillo. Les Revenants ist weder zu verwechseln mit dem Film The Returned (2013) von Manuel Carballo noch der US-Serie Resurrection, die auf Jason Motts Roman „The Returned“ basiert. Und weil Remakes der letzte Schrei sind und die Verwirrung noch nicht groß genug ist, arbeiten Carlton Cuse (Lost-Alumni) und Raelle Tucker (Produzent von True Blood) an einer Adaption der französischen Serie für den US-Sender A&E, ebenfalls The Returned genannt.
Raum für Unerklärtes
Les Revenants lebt von einer simmernden Spannung, einem stillen Unbehagen und einer atemraubenden Atmosphäre. Die Kamera von Patrick Blossier späht in dunkle Ecken, fährt über schneebedeckte Gebirgsgipfel und kriecht unter die Haut. Klangfarbe und Bildsprache erinnern an Jane Campions Serie Top of The Lake. Das optisch wohl eindringlichste Element ist ein stiller Stausee, der die Spitze eines Kirchturms freilegt. Es überrascht nicht, dass der Schöpfer der Serie, Fabrice Gobert, sich von David Lynchs Twin Peaks inspirieren ließ, mit Bewunderung über Tomas Alfredsons Låt den rätte komma in (So finster die Nacht) spricht und die Bibel gelesen hat. Der wabernde Soundtrack der schottischen Band Mogwai komplettiert den psychologischen, prä-apokalyptischen Horror.
Les Revenants folgt, ähnlich einem Traum, nicht immer einer inneren Logik, was nicht ganz unproblematisch, aber auch nicht ungewöhnlich für eine realistisch anmutende Mysteryserie ist. Die Autoren nehmen sich Zeit und schrecken nicht davor zurück – ähnlich Lost – Raum für Unerklärtes zu lassen, weshalb viele (so auch die Autorin dieser Kritik) mit exorbitanter Erwartung auf die zweite Staffel blicken. Im Freudschen Sinne bildet die Idee des Unheimlichen, das Vertraute und gleichermaßen Unvertraute, das Fundament dieser Serienmythologie. Freud war es auch, der sagte: „Der Satz: alle Menschen müssen sterben, paradiert zwar in den Lehrbüchern der Logik als Vorbild einer allgemeinen Behauptung, aber keinem Menschen leuchtet er ein“
