The Dead Don’t Die

Cannes Blog 2

Bitte mehr Biss!

| Pamela Jahn |
Der Cannes Wettbewerb startet todsicher ins Rennen um die Goldene Palme.

Eigentlich hätte Jim Jarmusch vor drei Jahren eine Goldene Palme verdient. Damals präsentierte er im Wettbewerb von Cannes seinen wunderschönen Film Paterson über einen Busfahrer mit poetischen Ambitionen, so liebevoll verstockt gespielt von Adam Driver, dass man ihm endlos hätte zusehen können, wie er gemeinsam mit seiner Frau und ihrem Hund sanft durch Leben gleitet. Es war ein kleiner Film mit großer Wirkung, doch Jarmusch ging am Ende trotzdem leer aus. Es war das Jahr, in dem auch Maren Ade mit Toni Erdmann gegen Ken Loch verlor und keiner mehr die Welt verstand, schon gar nicht im Hinblick auf Juryentscheidungen.

Heuer läuft Jarmuschs neuer Film erneut im Wettbewerb und dummerweise ist auch Ken Loach nach seinem Erfolg mit I, Daniel Blake nicht wie geplant untätig gewesen, sondern kommt mit einem neuen Sozialdrama an die Croisette. Dabei hätte es Sorry We Missed You gar nicht mehr geben dürfen, denn im Grunde hatte der britische Autorenfilmer bereits vor Jimmy’s Hall (2014) angekündigt, dass das Historiendrama sein letzter Film sein würde. Loach hatte genug von dem Stress und den Anstrengungen, die es heutzutage kostet, Filme zu machen. Und doch kann er scheinbar die Finger nicht davon lassen. Für Jarmusch, der Loach in diesem Jahr zumindest voraus hat, dass er mit seiner Zombie-Komödie am Dienstagabend das Festival offiziell eröffnen durfte, bedeutet das ziemlich sicher, dass er wohl auch in diesem Jahr mit leeren Händen nach Hause geht. Denn obwohl The Dead Don’t Die während des Schauens ein großer Spaß ist, bleibt der Film in der Nachwirkung hinter den Erwartungen zurück. Zwar hatte bereits vor der Ankündigung von Festivaldirektor Thierry Frémaux, dass es sich bei Jarmuschs neuestem Werk um einen „Anti-Trump“-Film handele, keiner daran gezweifelt, dass der versierte Regisseur der derzeitigen politischen Situation in seinem Land äußerst skeptisch gegenübersteht. Doch ist ihm bei der Umsetzung streckenweise die enorme Wut im Bauch nur bedingt anzumerken. Stattdessen verliert sich der Film in seinen zahlreichen bisweilen genial konzipierten Figuren, die allesamt nur ein Ziel verfolgen, nämlich im amerikanisch-hinterwäldlerischen Zombieland zu überleben.

Mit von der Partie und gewillt, den Untoten den Kampf anzusagen, sind alte und neue Gesichter im altbewährten Jarmusch-Ensemble: Bill Murray und Adam Driver als routiniert gelassenes Polizistenduo, Tilda Swinton als Samuraischwert-schwingende Leichenbestatterin, Steve Buscemi im Trump-Fieber, Selena Gomez als Hipster, Caleb Landry-Jones als der lokale Nerd und Danny Glover als Quoten-Schwarzer. Sie alle sind vereint und verdammt im verschlafenen Städtchen Centerville, in dem von einem Tag auf den anderen nichts mehr ist, wie es einmal war – und es mit Sicherheit auch nie wieder gut wird. Denn nachdem sich die ersten Zombies (darunter ein herrlich untoter Iggy Pop) über die Bedienung im lokalen Diner hergemacht haben, gibt es kein Halten mehr. Nicht für die bluthungrigen, schlaftrunkenen Zurückgekehrten und schon gar nicht für Jarmusch und sein Personal, die mit gekonnt platzierten Selbst- und Fremdreferenzen um sich werfen, als könnten sie damit das Unglück vertreiben. Doch Drivers Officer Ronnie Peterson weiß längst, dass die Sache böse enden wird. Denn er hat, im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten Cliff Robertson (Murray), bereits das ganze Drehbuch gelesen. Und so steuern – fast – alle unwiderruflich auf die große Katastrophe zu, die auch Jarmusch in dem Wunsch, der aktuellen misslichen Lage unserer Welt etwas entgegenzusetzen, nicht zu verhindern vermag. Am Ende fehlt seinem Film genau das, was den Zombies, die in ihm umherwandeln und nach WiFi und Kaffee schreien, so unsterblich macht: der nötige Biss.