Über die Poesie der kleinen Dinge
Ein junger Busfahrer und seine Heimatstadt haben eines gemeinsam: den Namen Paterson. Jene Stadt im US-Bundesstaat New Jersey hat etwa 150.000 Einwohner, ist Geburtsstadt von Allen Ginsberg und Lou Costello und Namensgeber für den fünfbändigen Gedichtzyklus des Autors William Carlos Williams. Dieser Gedichtband spielt in Busfahrer Patersons Leben eine wichtige Rolle, ebenso wie Literatur an sich. Während seine geliebte Frau Laura das gemeinsame Heim mit ihrem Faible für schwarzweiße Muster verschönert und sich stets neue Möglichkeiten überlegt, mit ihrer Kreativität Geld zu verdienen, schreibt Paterson Gedichte, zeigt jedoch kein Interesse daran, seine Werke einer breiten Öffentlichkeit zukommen zu lassen. Er schreibt sie in ein kleines Notizbuch, das er entweder bei sich trägt oder in seinem Schreibtisch im Keller einschließt. Paterson begleitet den titelgebenden Protagonisten eine Woche lang durch sein Leben. Jeden Tag steht er um dieselbe Zeit auf, küsst seine Frau, die noch schläft, isst sein Müsli, geht zur Arbeit, fährt seine Busroute ab, schreibt zwischendurch in sein Notizbuch und kommt abends zu einem mit Liebe gekochten Abendessen und seiner Frau heim, die ihm ihr kreatives Schaffen des Tages präsentiert, geht mit dem Hund raus und macht einen Zwischenstopp in seiner Stammkneipe.
Was auf den ersten Blick nach einer unspektakulären Geschichte klingt, ist eine Ode an die Magie des Lebens. Paterson, wunderbar zurückhaltend und liebenswert gespielt von Adam Driver, ist ein unkomplizierter, stiller und kluger Charakter, ein Mensch, der ohne Smartphone und Social Media auskommt und in einer Welt der Selbstdarstellung so gar keine Lust darauf hat. Er hat eine ganz besondere Fähigkeit: er sieht die Magie im Alltäglichen. Paterson lauscht den Gesprächen und Erzählungen der Menschen, die in seinen Bus einsteigen, er drückt die Liebe zu seiner Frau in kleinen Momenten und Beobachtungen aus, er läuft nicht blind durch die Welt, sondern betrachtet sie so aufmerksam wie ein Kind, um seine Erkenntnisse dann in poetische Worte zu fassen. Jim Jarmusch gelingt das unaufgeregte Porträt einer außergewöhnlichen Figur, ein ruhiger Blick auf all die verborgenen Kleinigkeiten, die kuriosen Begegnungen und Episoden, die meist an uns vorbeiziehen, wiewohl sie unsere Aufmerksamkeit verdienen würden. Der Film ist aber auch ein Loblied auf die Kraft der Poesie und zeigt ganz nebenbei eine Version der perfekten Liebesbeziehung: zwei in vielen Belangen ganz unterschiedliche Menschen, die einander respektieren und nicht den Wunsch hegen, den anderen und seine Eigenheiten zu ändern.
