Mit viel Getöse endet die höchst erfolgreiche Superhelden-Filmreihe leider wenig ruhmreich.
Sie gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Comic-Sagen in der Geschichte der bunten Bilderheftchen: Die Tragödie rund um X-Man Jean Grey, die rothaarige Schönheit mit den telekinetischen und telepathischen Kräften, die im Zuge einer missglückten Weltraum-Mission von einer mysteriösen, kosmischen Kraft vereinnahmt wird und daraufhin als „Dark Phoenix“ sowohl ihre Fähigkeiten als auch die eigenen Dämonen immer weniger unter Kontrolle hat, ist eine punktgenaue Parabel über Selbstfindung, die Zerrissenheit zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, Verrat, Vertrauen und Identitätsverlust. Dazu der berüchtigte, aber doch nach all den Jahren immer noch faszinierende moralische Konflikt auf höchster Ebene, der entsteht, wenn der allmächtige Feind aus den eigenen Reihen kommt … Passt also! Verständlich also die Entscheidung der Macher der erfolgreichen X-Men-Filmreihe, eben diese mit der Dark-Phoenix-Saga zu beenden. Zum Abschluss der emotionale Höhepunkt, sozusagen. Da kann also nichts mehr schiefgehen … oder?
Leider schöpft Neo-Regisseur (und Drehbuchautor) Simon Kinberg zwar aus dem ergiebigen Potenzial-Kessel, den die starke Comic-Vorlage liefert, aber nicht aus dem Vollen. Fast scheint es, als habe er aus seinen eigenen Fehlern nicht gelernt, hat er als Autor die Dark-Phoenix-Story doch schon bei X-Men: The Last Stand (2006) als Nebenplot verunstaltet. Diesmal steht Jean Grey zwar im dramaturgischen Fokus – und ja, im Vergleich zum ersten Versuch gibt’s diesmal durchaus mehr emotionale Tiefe und Spannung. Trotzdem verflacht ab der Hälfte – trotz vielversprechendem Beginn – der Film zum flachen Actionkracher, der mehr um Bombast, Effekte und Krawall besorgt ist als um das Schicksal und das Innenleben seiner Figuren. Visuell überzeugt X-Men: Dark Phoenix auf ganzer Länge, jedoch bleibt er bei den stillen, eigentlich gefühlsbetonten Charaktermomenten ärgerlich oberflächlich: Sophie Turner als Jean Grey darf zwar im Regen weinen und ein paarmal böse in der Gegend herumschauen, aber die innere Zerrissenheit der Figur darf nur erahnt werden. Vielversprechende Subplots wie der Konflikt zwischen Charles und Raven, die Wandlung Nightcrawlers, die gesellschaftliche Stellung der X-Men oder die Trauer Magnetos werden zugunsten verwirrender All-Völker-Kriegen und Kämpfen, in denen alles so schnell geht, dass man ohnehin den Überblick verliert, wer mit oder gegen wen oder überhaupt, in die Ecke gedrängt. Da helfen nicht mal der wie immer überzeugende Michael Fassbender oder die hervorragende Jessica Chastain, die als eiskalter Alien für ein paar Gänsehautmomente sorgt – oder aber der schwere, pathosreiche und (zu) dominierende Score von Hans Zimmer, der dort Gefühle vermittelt (oder es zumindest versucht), wo das Drehbuch hapert.
Dass es diesmal keine Post-Credit-Szene gibt, verdeutlicht, wie ungewiss die kinematografische Zukunft der X-Men ist. Fazit: ein Schwanengesang mit viel Bombast, aber wenig Bodenhaftung. Schade!
Einen Streifzug durch die X-Men-Geschichten „Kinder der Gegenkultur“ und ein Interview mit Jessica Chastain lesen Sie in unserer Printausgabe 06/2019
