Jessica Chastain über ihr Debüt in der „X-Men“-Reihe, über Tilda Swintons Augenbrauen und über die Freiheit, anders zu sein.
Jessica Chastain zählt zu den herausragenden Schauspielerinnen des gegenwärtigen Weltkinos. Ihr außergewöhnliches Talent hat sie mit nuancierten Darstellungen in Filmen wie Take Shelter (Jeff Nichols, 2011), The Tree of Life (Terrence Malick, 2011), Zero Dark Thirty (Kathryn Bigelow, 2012), Interstellar (Christopher Nolan, 2014), A Most Violent Year (J.C. Chandor, 2014) oder The Martian (Ridley Scott, 2015) eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wofür sie auch zahlreiche Auszeichnungen erhielt. In X-Men: Dark Phoenix, dem neuen Film aus der X-Men-Reihe, spielt sie eine geheimnisvolle Außerirdische, die eine besondere Beziehung zur Mutantin Jean Grey, gespielt von Sophie Turner, aufbaut, die zu ihren bestehenden nun neue Superkräfte hinzugewonnen hat. Damit verfügt sie jedoch über Kräfte, die zu einer Bedrohung für die gesamte Erde werden könnten.
Was können Sie über Ihre Figur verraten?
Jessica Chastain: Ich spiele eine Außerirdische, die sich auf die Erde begibt, weil sie von den Superkräften, über die Jean Grey verfügt, fasziniert ist. Sie kann eine enge Verbindung zu Jean herstellen und sie dahingehend beeinflussen, ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten zu schätzen und sich ihrer nicht zu schämen – wobei ich diese Kräfte für meine eigenen, verschlagenen Pläne nützen möchte.
Warum haben Sie sich entschlossen, in „X-Men: Dark Phoenix“ das erste Mal in einem Superhelden-Film mitzuwirken?
Jessica Chastain: Ich habe mit Regisseur Simon Kinberg bereits bei The Martian zusammengearbeitet, wo er ja als Produzent fungierte. Ich fand die Geschichte von Dark Phoenix ziemlich interessant, auch weil das meines Wissens erst der zweite Superhelden-Film ist, bei dem die beiden zentralen Figuren weiblich sind. Zwischen Sophie Turners Figur und meinem Charakter gibt es ein paar wirklich faszinierende Szenen.
Mussten Sie sich in die Comic-Vorlagen intensiv einlesen?
Jessica Chastain: Ich musste nur das Drehbuch studieren, weil meine Figur eine Art Kulminationspunkt aus mehreren Charakteren des X-Men-Universums darstellt, die konnte ich nicht durch das Lesen der Comics recherchieren.
Ist es kompliziert, eine solche Figur zu spielen?
Jessica Chastain: Sie ist für mich etwas mysteriös, aber sie erschien mir nicht kompliziert, weil sie geradlinig ist. Als Simon und ich das erste Mal über diesen Charakter diskutierten, brachte ich die Vorstellung ein, dass sie wie ein Tierarzt sei, der dir erklärt, dass dein Hund eingeschläfert werden müsse. Diese Außerirdische kommt aus einer Welt, aus der sie viel mehr Wissen mitbringt als auf der Erde vorherrscht, das sie analytisch und ohne Emotionen einzusetzen bereit ist. Wenn man also nicht bereit ist, seinen Hund einschläfern zu lassen, handelt man in ihren Augen nicht human. Das war für mich ein wichtiger Anknüpfungspunkt, dass dieses Wesen über eine hohe Intelligenz verfügt und sie mit klinischer Präzision einsetzt, um – ihrer Einschätzung nach – den Menschen zu helfen.
Sie hat also eine bestimmte Absicht und nicht nur finstere Pläne?
Jessica Chastain: Sie sagt selbst „Gut“ und „Böse“ seien nur Etikettierungen … Nehmen wir beispielsweise Jean Grey, die den überwiegenden Teil ihres Lebens das brave Mädchen war, das immer getan hat, was man von ihr erwartet hat – und nun schämt sie sich für ihre dunkle Seite. Seien wir doch ehrlich: So eine Seite tragen wir doch alle in uns. Wo Licht ist, existiert eben auch Finsternis, auch was meine Figur angeht. Sie muss in Dark Phoenix ihre charakterlichen Ambivalenzen nicht verbergen, und genauso habe ich das gespielt.
Haben Sie für Ihre Figur großen Aufwand betreiben müssen, was das Make-up angeht?
Jessica Chastain: Gar nicht, die Farbe meiner Wimpern und Augenbrauen ist eigentlich so. Die ist jener von Tilda Swinton sehr ähnlich, von ihr habe ich mich auch ein wenig inspirieren lassen, als ich Simon erzählte, dass ich schon in einigen meiner Filme kein Make-up verwendet habe. Männern wird das vermutlich nicht auffallen, aber Frauen – und speziell bei Filmauftritten – färben sich ihre Wimpern dunkler. Man trägt noch kein Make-up, aber es lässt die Augen dunkler erscheinen. Ich habe Simon also gesagt, dass ohne diese Prozedur mein Farbton bei den Augenbrauen eben dem von Tilda Swinton gleicht. Unterstützt durch eine Perücke könnte man daraus etwas machen. Ich wollte eine Figur generieren, die dem Zuschauer gleich ins Auge sticht, das ging ohne Make-up am besten.
Sie waren die Neueinsteigerin im „X-Men“-Ensemble, wie wurden Sie aufgenommen?
Jessica Chastain: Sehr freundlich und herzlich, ich hatte aber leider nicht viele Szenen mit dem gesamten Cast. Die meisten meiner Szenen habe ich mit Sophie Turner gedreht und mit James McAvoy, mit dem ich ja schon drei Filme gemacht habe und gut befreundet bin.
„Dark Phoenix“ ist das Regiedebüt von Simon Kinberg. Wie hat sich die Zusammenarbeit gestaltet?
Jessica Chastain: Simon ist ein wunderbarer Regisseur, weil er den Schauspielern Freiraum lässt. Als ich die Idee mit dem analytisch agierenden Tierarzt bezüglich meiner Figur vorbrachte, hat Simon unmittelbar darauf das Skript umgearbeitet, ich glaube, dass einer meiner Monologe im Film das Resultat davon ist. Manche Autoren entwickeln einen Film in ihrem Kopf, während sie am Drehbuch arbeiten, und haben Schwierigkeiten, eine andere Perspektive als ihre eigene zu betrachten. Simon war hingegen sehr aufgeschlossen für neue Ideen.
Wie tief müssen Sie in einen Charakter eintauchen? War das bei Ihrer Rolle in „Dark Phoenix“ schwierig?
Jessica Chastain: Das musste ich in diesem Fall nicht so intensiv, denn meine Figur kommt ja, wie gesagt, aus einer Welt, wo Logik vorherrscht. Ihre Entscheidungen und Handlungen sind also nicht durch Emotionen bestimmt. Es war mir dabei wichtig, eine bestimmte Geradlinigkeit zu etablieren.
Was ist Ihrer Ansicht nach das bestimmende Thema von „Dark Phoenix“?
Jessica Chastain: Der Film handelt vor allem von der Freiheit, zu dem zu stehen, wer und was man ist, von Gegensätzen wie Fröhlichkeit und Traurigkeit, Licht und Finsternis, Gegensätze, ohne die man einfach nicht existieren kann. Eine bestimmte Seite zu unterdrücken, die aber auch ausmacht, wer wir sind, richtet nur noch größeren Schaden an. Man muss die Dinge einfach offen ansprechen, wenn man versucht, vermeintliche Schwächen durch Ignorieren zu verbergen, entsteht meistens nur Chaos.
Bei Dark Phoenix fühlen sich viele der Charaktere durch Jean Greys neue Kräfte, die ihre eigenen übertreffen, bedroht. Wenn jemand so eine Transformation durchmacht, wie verändert das den Charakter, verliert man vielleicht den Zugang zu jemandem, den man schon lange kennt? Da spielen Verlustängste eine Rolle. In dem Sinn spiegeln sich in dem Film also auch Probleme wider, die jede Familie kennt.
Haben Sie sich die bisherigen Filme aus der „X-Men“-Reihe angesehen?
Jessica Chastain: Ich hatte die alle bereits gesehen, hatte aber vor Beginn der Dreharbeiten nicht das Gefühl, darauf speziell zurückgreifen zu müssen, weil Dark Phoenix ein ganz anderer Film sein würde. Ich wusste, dass Simon als Regisseur seine ganz eigene Vision umsetzen würde.
