Zu jeder Zeit

Filmkritik

Zu jeder Zeit / De chaque instant

| Michael Pekler |
Der französische Humanist Nicolas Philibert beobachtet Pflegeschüler in einem Lernkrankenhaus – lehrreich und empathisch wie immer.

Vieles von dem, was Nicolas Philibert in De chaque instant zeigt, kommt einem bekannt vor. Doch nur solange, bis einem genau diese Tatsache bewusst wird – dass man eben nur meint, die Alltagsarbeit im Krankenhaus, weil oft gesehen oder selbst erlebt, zu kennen.   

Philibert begleitet in seinem jüngsten Film Pflegeschüler im Lernkrankenhaus La Croix Saint-Simon in Montreuil, was man erst im Abspann erfährt und eigentlich keine Rolle spielt. Denn De chaque instant verlässt das Gebäude bis auf wenige Augenblicke kein einziges Mal, ist weder Porträt der Auszubildenden, noch der Institution. De chaque instant ist vielmehr ein Film über das gemeinsame Lernen und der individuellen Aneignung von ebensolchen kollektiven Arbeitsabläufen: Es geht um die Arbeit im Dienst an der Allgemeinheit, die scheinbar überall die gleiche ist – aber eben nicht dieselbe.

Das kann, wie der Film selbst, beim Händewaschen beginnen. Die Regeln dabei sind so streng wie wichtig, und sie sind nur die ersten von unzähligen anderen, die auf die Schülerinnen und Schüler noch warten. Wie immer in seinen Arbeiten beweist Philibert ein ausgeprägtes Gefühl für die Dauer von Sequenzen, hier etwa für jene, in denen die jungen Frauen – und die paar wenigen jungen Männer – ihre Reanimierungsversuche an Dummys üben, an der Puppe die Infiltration im richtigen Winkel probieren und zum ersten Mal am Patienten kleine Nähte entfernen.

Philibert gliedert seinen Film in drei große Blöcke, jeweils eingeleitet mit einem Zitat des 2016 verstorbenen Lyrikers Yves Bonnefoy. Am Beginn steht der Kenntniserwerb, die Aneignung von Theorie und das Experiment im geschützten Rahmen; den Mittelteil bildet die Bewährung unter Aufsicht. „Bin ich das Meerschweinchen?“, will ein Patient, wiewohl Versuchskaninchen, wissen. Es ist die Bewältigung der angenommenen Herausforderung. Den dritten Teil bilden Evaluierungsgespräche zwischen den Mentoren und den Auszubildenden, in denen diese von ihren praktischen Erfahrungen – mit Patienten, Ärzten und Kollegen – berichten. Gerade dieser auf den ersten Blick weniger attraktive Block erweist sich indes als besonders interessant, weil hier das Wort die Tat ablöst: Wie kann man das Gelernte, Angewendete noch einmal buchstäblich zur Sprache bringen?

De chaque instant ist ein bedächtiger, in seinen Beobachtungen von Details, Gesichtern und Gesten sehr präziser Film. Aber auch ein überraschend humorvoller. Und ohne je didaktisch zu wirken, aufgrund Philiberts angenehmer Zurückhaltung, ein überaus lehrreicher.

 

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