Nenétte

Filmkritik

Nenétte

| Roman Scheiber |

Nicolas Philiberts Porträt einer Orang-Utan-Dame im Zoo ist ein großartiger kleiner Film über Affe, Mensch und Kino.

In diesem Heft (07-08/2011) ist eine schöne Geschichte über die Planet der Affen-Reihe zu lesen, die sich mit Weltordnung und Hierarchie in utopischer Hinsicht beschäftigt. Der Sprung zu einem kleinen Dokumentarstück des großen französischen Filmemachers Nicolas Philibert zeigt die kaum ermessliche Bandbreite des Kinos in der Verhandlung verwandter Themen – wobei in beiden Fällen über den vordergründigen Gegenstand des Films weit hinausgewiesen wird. Bei Philibert (hierzulande am ehesten bekannt durch sein kluges Landschulporträt Être et avoir, das 2002 die Viennale eröffnete) handelt es sich um eine betagte Orang-Utan-Dame, die in der Pariser Ménagerie du Jardin des Plantes eingesperrt ist. Im Alter von drei Jahren wurde sie gefangen genommen und auf den Namen Nénette getauft, die restlichen 39 Jahre ihrer bisherigen Existenz hat sie in Haft verbracht, als Studienobjekt. Auf der Bildebene des Films geht es, sieht man von einem ihrer Kinder ab und ein paar Artgenossen, nur um sie: um die auch im Close-up nicht ergründbaren Blicke aus ihren grünen Augen, um ihre flapsig trägen Gesten und Handlungen, um ihr Nichtstun. Auf der Tonebene aber hört man die Besucher des Zoos, die sich vor der Glastrennwand ihres Geheges über sie unterhalten, während sie sie anstarren: Kinder, Erwachsene, Tierpfleger, ein Philosoph, ein Psychotherapeut. Philibert hat während der zweiwöchigen Dreharbeiten (ausschließlich am Schauplatz) natürlich einige dieser Menschen extra dahin gestellt, damit sie genau das tun, insofern hat Nénette inszenatorische Aspekte wie fast jeder gute Dokumentarfilm.

Genau diese Anordnung ist es dann auch, die den Film sehenswert macht: Die Affendame schaut, und der Mensch ist geneigt, ihren Blick zu deuten, ihr Verhalten zu verstehen, ihre Gefühle zu interpretieren. Doch die Versuche prallen buchstäblich an der geräuschdichten Schutzglaswand ab. Die Gäste des Schauspiels wollen sich in ihrer nahen Verwandten gespiegelt sehen, doch sie kriegen nur das eigene, schwach im Glas gespiegelte Bild zurückgeworfen. Sogar die plausible Annahme, das Tier könnte gelangweilt sein vom ewigen Besucherstrom, ist eine Mutmaßung. Der Mensch mag rund 95 Prozent seiner Erbsubstanz mit dem Affen gemeinsam haben, dieser bleibt für ihn doch ein fremdes Wesen. Wer nun im Kino Zeuge all dieser Projektionen und Reflexionen wird – und das ist der genial schlichte Clou des Films – sieht seine eigenen Projektions- und Reflexionsversuche gewissermaßen gedoppelt. Philibert versteht es, das im Zoo wie im Kino gleichzeitig vermittelnde und trennende Element einander gegenüber zu stellen und doch in eins fallen zu lassen. Nénette, die Glaswand und die Leinwand: Man sollte selbst einmal zum Publikum dieses Films gehören.