Parasite

Parasite

Der Geruch der Armut

| Michael Pekler |
Das Filmschaffen von Bong Joon-ho ist kommerziell ebenso erfolgreich wie künstlerisch, in seiner Heimat Südkorea ebenso wie international. Vorläufiger triumphaler Höhepunkt: die Goldene Palme in Cannes für seinen grandiosen Film „Parasite“, der nun ins Kino kommt.

Der Parasit ist ein faszinierendes Lebewesen. Der Schmarotzer, wie er auch genannt wird, lebt von den Ressourcen eines anderen, meist größeren Organismus. Er nimmt sich von diesem aber meist nicht so viel, wie er kann, denn damit würde er seine eigene Lebensgrundlage zerstören, sondern nur das, was er braucht. Der Parasit ist keine Zecke, die sich vollsaugt und abfällt, sondern etwas, das sich einnistet. Der Wirt, der seinen neuen Bewohner oft gar nicht bemerkt, kann sein bisheriges Leben weiterleben. Ziel der parasitären Unternehmung ist eine Neuverteilung der Ressourcen: Wer zu viel hat, kann ruhig etwas davon abgeben. Wer zu wenig hat, darf sich etwas davon nehmen. Der Bedarf orientiert sich am Überschuss.

In Bong Joon-hos Parasite (Interview) geschieht der Befall langsam und selbstverständlich unbemerkt. Die vierköpfige Familie Kim, die in einer Kellerwohnung mit direktem Blick auf den Abfall der Straße lebt, hat so gesehen kaum eine Perspektive. Dem Mann von der Schädlingsbekämpfung, der im Schutzanzug die Gosse in einen Sprühnebel taucht, öffnet sie gar das Fenster – Insektenvertilgung gratis! Vater Gi-taek, Mutter Chung-sook und die beiden erwachsenen Kinder, Sohn Gi-u und Tochter Gi-jeong, haben sich den Verhältnissen jedoch auf sehr spezielle Art angepasst: Von Selbstaufgabe kann nicht die Rede sein, vielmehr blicken sie der Wirklichkeit trotzig entgegen. Zehn Prozent Lohnabzug wegen ein paar miserabel gefalteter Kartonschachteln? Da kann man verhandeln. Kein Internetempfang mehr am Handy? Das Signal von der Pizzeria ist buchstäblich in Reichweite. Es ist ein bitterer Humor, den Bong Joon-ho bereits über die ersten Minuten seines Films legt und der Parasite auch in der Folge bestimmen wird. Diese Parasiten werden ausschwärmen, so viel steht fest.

Bongs Filme tendieren seit jeher zur satirischen Abrechnung mit den hilflosen, allzu menschlichen Versuchen, für irgendetwas im Leben eine Strategie zu haben. In seinem nach wie vor wenig bekannten Langfilmdebüt Barking Dogs Never Bite (2000) versucht ein genervter Bewohner eines Wohnhochhauses am Stadtrand von Seoul, sich seiner Meinung nach kläffender Köter zu entledigen – ein Versuch, der gerade deshalb misslingt, weil der arbeitslose Professor glaubt, einen Plan zu verfolgen. Der Plan der beiden Polizisten im Thriller Memories of Murder (2003), Bongs erstem großen internationalen Erfolg, einen Serienkiller zu schnappen, indem sie ihm eine Falle nach der anderen stellen, wird sie am Ende nie zum Ziel führen – einzig Jahre später einen der beiden, mittlerweile als Handelsvertreter, zurück zum Ort des ersten Verbrechens. Wenn also in Parasite eines Nachts, wenn nach einem heftigen Unwetter, das die Souterrainwohnung unter Wasser gesetzt hat, der Vater erklärt, dass der einzige zielführende Plan im Leben der sei, keinen zu haben, dann ist das keine verquere Weisheit, sondern bittere Erkenntnis. Die Armen und Geschundenen, die sich in Bongs Endzeitfilm Snowpiercer (2013) aus dem hinteren Teil des Zuges nach vorne kämpfen, während dieser in einer Endlosschleife durch eine apokalyptische Eislandschaft rattert, haben ihren Aufstand wohl geplant, nicht aber ihr Ziel. Die Macht übernehmen und eine neue Gesellschaftsordnung installieren? Netter Versuch. Das letzte Bild, in dem die einzigen Überlebenden des finalen Unglücks, eine Frau und ein Kind, im Schnee einen Eisbären erblicken, ist ein böser Witz. Wie ein nachträglich von einem Hollywood-Produzenten eingefordertes Happy End.

Der Gewinn der Goldenen Palme in Cannes für Parasite – als erster südkoreanischer Film! – täuscht über Bongs bisherigen Status in der internationalen Kinolandschaft hinweg. Seit seinem Monsterfilm The Host (2006) zählt Bong zu den kommerziell erfolgreichsten Regisseuren Südkoreas, dem es stets gelungen ist, den oft schmalen Grat zwischen Autorenkino und Mainstream zu beschreiten. Im Gegensatz zu seinen Landsleuten Hong Sang-soo (Right Now, Wrong Then), der mit seinen intellektuell-verspielten, selbstreflexiven Arbeiten überwiegend von einem überschaubaren westlichen Festivalpublikum verehrt wird, oder Kim Ki-duk (Pieta), dessen stets für Aufsehen sorgende Gewaltdramen ebenfalls überwiegend in Europa und hier am Lido von Venedig honoriert werden, versieht Bong seit mittlerweile knapp zwanzig Jahren das Genrekino mit seiner persönlichen Handschrift.

Das mag ihn mit seinen Kollegen Kim Jee-woon (A Tale of Two Sisters) und Park Chan-wook (The Handmaiden) verbinden, doch die Art, wie Bong sich seine Stoffe – Thriller, Monster, Drama, Science-Fiction – zu eigen macht, zeugt von außergewöhnlicher analytischer Präzision. Bongs Filme zeichnet ein Blick aus, der trotz aller Absonderlichkeit des Geschehens all das, was die Menschen in ihnen tun und treiben, zugleich in höchstem Maße ernst nimmt. Das mutierte Riesenschwein in Okja (2017), Bongs vor zwei Jahren in Cannes für Turbulenzen sorgende Netflix-Produktion, an das ein koreanisches Mädchen sein Herz verliert, ist mehr als bloß Metapher auf die hier Gestalt gewordenen Auswüchse des Kapitalismus, der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden lässt – wie für jene in den hinteren Waggons in Snowpiercer, die ihre schwarzen Proteinblöcke fressen müssen; oder nun die Familie in Parasite, die glaubt, für die Neuverteilung würde es genügen, sich in ein gemachtes Nest zu setzen. Dieses an ein Nilpferd erinnernde Geschöpf in Okja – ein verzerrtes Spiegelbild des aus Chemikalien zufällig gezeugten Monsters aus The Host – ist der lebende Beweis dafür, das nur existieren darf, was verwertbar ist. Bongs Filme sind im Kern finstere Gesellschaftsdystopien, in denen es keine Gewinner gibt.   

In Parasite ist von Beginn an klar, dass die Familie nicht den Platz ihrer reichen Dienstgeber wird einnehmen können. Der zufällig als Englischlehrer eingestellte Sohn, der alsbald Schwester, Vater und zuletzt die Mutter – als Kunstlehrerin, Chauffeur und Haushälterin – in das von einem Star-Architekten entworfene Luxushaus einschleust, nützt einfach nur die Gelegenheit, die in diesem Fall keine Diebe, sondern eben Schmarotzer macht. Doch die neue Welt, ihr Wirt, bleibt ihnen fremd. In großartiger Weise legt Bong diese unsichtbare Deplacierung offen: Nicht die Kleidung, das Benehmen oder gar fehlende Bildung wird zunehmend zum Risikofaktor einer Enttarnung, sondern – ihr Geruch. Armut kann man riechen. Da hilft es der versteckten Armut wenig, nicht dieselbe Seife zu verwenden. Es sei wie der Geruch eines Lappens, den man im heißen Wasser auskoche, so der Geschäftsmann, der die Neuankömmlinge buchstäblich wittert. Eine Grenzüberschreitung, bemerkbar nur für die gut riechenden Reichen.

Zugleich ist Parasite, wie alle Filme Bongs, durchsetzt mit komischen Einlagen. Wenn es das Riesenschwein Okja mittels Ganzkörpereinsatz in einem See mitten in der koreanischen Berglandschaft Fische regnen lässt; wenn ein Tatort wie in Memories of Murder für Slapstick-Momente sorgt; oder wenn sich in Parasite die Eindringlinge, weil der Hausherr unvermutet heimkehrt, eine ganze Nacht lang unter dem Sofa verstecken müssen: Das sind für Bong typische Augenblicke, weil sie bei aller Heiterkeit die große Tragödie dahinter erkennbar machen. Der Komik wohnt in diesen Filmen immer schon das unvermeidlich Tragische inne. Eine der denkwürdigsten Szenen in Okja ist jene, in der das Tier, das eigentlich nicht in diese Welt gehört, auf der Flucht vor seinen Verfolgern durch eine Shopping Mall jagt und diese in Grund und Boden stampft. Natürlich ist das holzhammerfeste Kapitalismuskritik (wie überhaupt das konsumistische Verhältnis zwischen Südkorea und den USA in allen Filmen als wiederkehrendes Motiv auftaucht), doch Bong unterlegt diese in Zeitlupe inszenierte Slapstick-Einlage auch noch mit John Denver: „You fill up my senses“, das kann nur das Motto von militant-gewaltfreien Tierschützern sein, die mit Regenschirmen Betäubungspfeile abwehren.   

Die Filme von Bong Joon-ho erzählen von den Eingesperrten und den Ausgegrenzten. Vor allem aber auch von jenen, die dafür die Verantwortung tragen, sie aber nicht wahrhaben wollen, weil es die einen ohne die anderen nicht gäbe. Denn so erkennt man, wer die Macht besitzt – und vor allem: wer nicht. Die Macht der Technik (eine überlebensnotwendige Eisenbahnstrecke), der Wissenschaft (ein genmanipulierter Fleischkoloss) und der Wirtschaft (eine im Luxushaus residierende Industriellenfamilie). Die Medien haben in dieser Konstellation, wie in The Host, als Informationsquelle längst versagt, oder sie sind, wie Jake Gyllenhaal als TV-Knallcharge in Okja, bis in die Eingeweide korrumpiert. Für Gerechtigkeit bleibt da kein Platz, und am Ende helfen weder gewalttätiger Aufstand noch parasitäre Anpassung. 

Doch wenn für Gerechtigkeit kein Platz ist, wie sieht dann jener aus, der denen zugewiesen wird, die am Ende des Zuges beziehungsweise der Versorgungskette sitzen? Oder als hochgezüchtetes Masttier eben am Anfang der Nahrungskette auf das Ende warten? Als Tier zusammengetrieben wie in einem Vernichtungslager mit Stacheldraht, als Mensch zusammengepfercht auf engstem Raum oder halb unter der Erde. So wie die Polizisten in Memories of Murder zum „Verhör“ der Verdächtigen in den versteckten Keller gehen und der Mann in Barking Dogs Never Bite den gekidnappten Hund in einem Schrank im Keller einsperrt, so finden sich auch in Parasite unter der Erde noch geheime Räume, deren Existenz in die Zeit der vormaligen Besitzer zurückreicht. Und hier geht es dann wirklich zur Sache.    

Doch Bong hat nichts übrig für larmoyante Sozialkritik und defätistischen Realismus. Und auch kein Interesse an den Ursachen für die Ungerechtigkeit. Was wäre damit denn gewonnen? Stattdessen interessiert sich Bong Joon-ho dafür, mit welchen Mitteln die Vernachlässigten reagieren. Wie sie kämpfen, sich wehren, versagen. Der Welt trotzen und erhobenen Hauptes untergehen. Das Spiel des Lebens nicht durchschauen, weil sie die Regeln, nach denen gespielt wird, nicht erkennen. Wie sie glauben, trotzdem gewinnen zu können. Das ist traurig, komisch und bizarr. Aber deshalb nicht weniger wahr.