Als erster nicht-englischsprachiger Film hat Bong Joon-hos "Parasite" den Oscar als bester Film gewonnen - und gleich noch die Preise für die beste Regie und das beste Originaldrehbuch dazu. Regisseur Bong Joon-ho über seinen Film „Parasite“, über die Gegensätze zwischen Arm und Reich, über die Faszination von Genres und über die richtige Dosis Humor.
Erinnern Sie sich noch an Ihre allererste Idee zum Film? Was war der Auslöser?
Bong Joon-ho: Der Ansatz ist bei jedem Film ein anderer und er lässt sich nicht immer genau definieren. Bei Mother beispielsweise fing alles mit der Schauspielerin an. Ich wollte unbedingt einen grotesken Film mit ihr drehen. Und bei The Host war es Loch Ness. Ich bin seit meiner Kindheit von der Sage um das Monster fasziniert gewesen, das heißt, auch da gab es einen klaren Ausgangspunkt. Im Hinblick auf Parasite war die Sache jedoch etwas verschwommener, mehr wie ein Fleck auf der Hose. Wissen Sie? Man kommt nach Hause und entdeckt einen Fleck auf der Hose, aber man hat keine Ahnung, wo der herkommt. Und irgendwie war er immer schon da. So ähnlich war es auch mit dem Film. Ich erinnere mich, dass ich bereits 2013 mit Leuten in meinem Umfeld über die Idee gesprochen habe.
Was haben Sie den Leuten damals gesagt?
Vor sechs Jahren lautete der Arbeitstitel noch „Decalcomania“, und die Grundidee bestand darin, zwei Familien zu porträtieren, die jeweils aus vier Familienmitgliedern bestehen. Und jedes Familienmitglied war gewissermaßen wie ein Abziehbild der entsprechenden Person aus der anderen Familie. Ich wusste, ich wollte eine reiche und eine arme Familie gegenüberstellen und schauen, was passiert, wenn man die jeweiligen Familienmitglieder untereinander austaucht. Es ging mir um die seltsam groteske Situation, die dabei entsteht. Man könnte also durchaus sagen, dass die gesellschaftliche Problematik, die Klassenunterschiede und der politische Hintergrund bereits in dieser ersten Version des Films vorhanden waren.
Wenn der Regisseur von „The Host“ einen neuen Film mit dem Titel „Parasite“ ins Kino bringt, vermutet man zunächst einen weiteren Sci-Fi- oder Horrorfilm. Hatten Sie Bedenken, der Titel könne die Zuschauer in die Irre führen?
Der Originaltitel von The Host in Korea meint eher „Monster“, aber natürlich läuft man im Englischen Gefahr, dass die Leute eine Verbindung herstellen und annehmen, dass es sich eventuell um ein Sequel handelt. Ich musste vorab immer dazu sagen, dass dem nicht so ist. Und trotzdem gibt es immer noch Menschen, die davon ausgehen, dass es sich um einen gewissermaßen klassischen Genrefilm handelt. Es gab sogar einen Journalisten, der die Schauspieler fragte: „Wer von ihnen hat einen Parasiten im Körper?“ Woraufhin ich antwortete: „Wir sind alle clean. Und sehr reinlich. Wenn es um Hygiene geht, dann sind wir alle perfekt.“
Ihre Filme lassen sich allgemein schwer einordnen. Wie finden Sie für sich persönlich das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Genre-Elementen, die Ihren Arbeiten jeweils eingeschrieben sind?
Ich sehe mich als Genre-Regisseur. Manchmal halte ich mich an die Konventionen des jeweiligen Genres und manchmal unterlaufe ich sie. Aber ich finde nicht, dass ich jemals zu weit außerhalb der vorgegebenen Genre-Grenzen agiere. Und ich fühle mich, ehrlich gesagt, auch wohler, wenn ich mich innerhalb der Grenzen bewege. Was nicht heißen soll, dass die Art und Weise, wie ich Genre in meinen Filmen verwende, etwa dem typischen Hollywood-Stil gleichkommt. In der Hinsicht, denke ich, bekommt man eher den Einfluss meiner koreanischen Wurzeln zu spüren. Andererseits sind die Emotionen, die der Film freisetzt, etwas, das jeder Mensch nachvollziehen kann, der ein Herz hat. Es sind universelle Gefühle. Für mich ging es in Parasite in erster Linie um ein seltsames Gefühl von Traurigkeit, viel mehr als um Rache. Ki-woo beispielsweise, der Sohn in der armen Familie, er wird eigentlich nie richtig wütend, obwohl er mitunter extremen Situationen ausgesetzt ist, und auch extremer Armut. Er akzeptiert das alles einfach. Und wenn man den Film aus seinem Blickwinkel betrachtet, dann bekommt man dieses Gefühl von Traurigkeit intensiv zu spüren.
Im Gegensatz zu der Traurigkeit, von der Sie sprechen, steht der Humor, der in „Parasite“ ebenfalls greift und auch aus Ihren anderen Filmen nicht wegzudenken ist. Fällt es Ihnen leicht, den richtigen Ton zu finden für die Geschichten, die Sie erzählen?
Das ist ein sehr instinktiver Prozess. Ich bin mir nie genau bewusst darüber, welche Elemente ich wie miteinander verblende. Das ist wie bei einem Barkeeper. Ich habe keine konkrete Maßeinheit, weiß nicht genau, wie viel Whisky in den Drink gehört. Man gibt eine bestimmte Menge ins Glas: Das ist die Menge, die man für richtig hält. Aber es stimmt, ein sehr wichtiges Element in meinen Filmen ist der Humor. Ich glaube, ohne Humor könnte ich nicht arbeiten. Ich hätte das Gefühl zu ersticken.
Sie haben es bereits angesprochen: In Ihrem Film geht es um Klassenunterschiede, es geht um die Kluft zwischen Reich und Arm, aber auch um die Widersprüche im System.
Auch wenn ich es nicht klar ausspreche, geht es um Polarisierung. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist offensichtlich. Aber die Frage, die auf der Hand liegt, ist doch: Warum wird diese Kluft auch trotz all unserer Bemühungen und der Verbesserungen, die wir am System vornehmen, nicht kleiner? Ich trage eine Angst in mir, die sich genau aus dieser Frage nährt, und die letzte Szene im Film spielt darauf an. Nicht die Tatsache, dass es extreme Klassenunterschiede gibt, ist beängstigend, sondern die Vorstellung, dass wir das Problem auch in der Zukunft nicht lösen werden, nicht in unserer Generation und nicht in der Generation unserer Kinder. Darauf spielt der Film an, wenn der Sohn sich vornimmt, dass er eines Tages das Haus kaufen wird. Er ist erfüllt von Entschlossenheit, aber als Zuschauer und mit etwas Abstand betrachtet, zweifelt man daran. Es scheint von vornherein ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, und das macht die Sache so traurig. Wir haben einmal tatsächlich durchgerechnet, wie viele Jahre er bei einem durchschnittlichen Einkommen und selbst ohne große Ausgaben sparen müsste, um das Haus zu kaufen. Er würde 547 Jahre brauchen.
Wenn man davon ausgeht, dass beide Familien in gewisser Hinsicht als Parasiten verstanden werden können, welche Form ist schädlicher?
Es stimmt, ich sage oft, dass die wohlhabende Familie ebenfalls als Parasiten gesehen werden könnte. Die Geschichte dreht sich um die arme Familie, die sich im Haus der Reichen einnistet. Aber es geht auch darum, dass die reiche Familie die arme in ihr Leben hineinzieht, weil sie sonst nicht zurechtkommen würden. Sie brauchen jemanden, der sie chauffiert, der den Abwasch macht, und in der Hinsicht sind auch sie Parasiten. Ich denke, gefährlicher sind nicht die, die in die Ecke gedrängt und zum Parasitendasein getrieben werden, sondern diejenigen, die mit Absicht versuchen, den anderen das Blut auszusaugen. Und wer ist das wohl in diesem Film? Andererseits darf man es sich auch nicht zu einfach machen. Ich denke nicht, dass es in dem Film klare Schurken und eindeutige Opfer gibt.
Die Kontroverse um Netflix-Filme bei Festivals hält weiterhin an. Wie blicken Sie im Nachhinein auf Ihre Zusammenarbeit mit dem Streaming-Anbieter bei „Okja“ zurück?
Es ging mir darum, den Film drehen zu können, und ich war sehr glücklich während des gesamten Produktionsprozesses. Ich hatte völlig freie Hand. Netflix überließ mir die künstlerische Kontrolle über den Final Cut. Das einzige Problem war der Vertrieb. Ich hatte gehofft, sie würden etwas großzügiger damit sein, den Film auch in den Kinos laufen zu lassen, aber es war nicht einfach, die zuständigen Leute zu einem Kompromiss zu bewegen. Sie ließen sich schließlich darauf ein, Okja in Korea in 150 Kinos zu starten, was mich zumindest etwas erleichterte. Und natürlich hat auch Streaming seine Vorzüge. Aber das Kino ist immer noch der beste Ort, um den Film zu sehen.
Sind Sie auch an der Produktion der TV-Serie „Snowpiercer“ beteiligt, die derzeit in Arbeit ist?
Ich habe neulich gehört, dass die Serie fertig ist und im kommenden Frühjahr ausgestrahlt werden soll. Aber ich bin nicht wirklich in das Projekt involviert. Ich werde als Executive Producer aufgeführt und auch als Kopf hinter der Originalgeschichte. Aber das Einzige, was ich wirklich damit zu tun hatte, war, dass ich einmal die Dreharbeiten besuchte. Es war jedoch für mich extrem seltsam, das Set mit dem Zug wieder zu betreten. Ein bizarres Gefühl. Es kam mir vor, als wäre ich zum zweiten Mal zum Militärdienst einberufen worden. Sicherlich wissen Sie, was ich meine.
In „Snowpiercer“ war es der Zug, in „Parasite“ kommt der Villa der reichen Familie ein ganz eigener Charakter zu. Worauf kam es Ihnen bei der Architektur des Hauses an?
Beide Häuser, die Villa der reichen und die Untergeschoßwohnung der armen Familie sind Sets, die wir eigens für den Film gebaut haben. Und da zirka 60 Prozent der Handlung im Haus der Reichen stattfindet, wurde es schließlich zu einem weiteren Protagonisten im Film und bedurfte sehr genauer Planung. Zu dem Zeitpunkt, als das Drehbuch fertig war, stand für mich im Grunde auch die Architektur des Hauses fest. Ich fertigte eine einfache Zeichnung an, die ich an den Production Designer weiterreichte. Aber als der meinen Entwurf zu einem Architekten brachte, schimpfte der nur: „Niemand baut so Häuser. So einen Ort kann’s gar nicht geben.“ Mit anderen Worten, der Production Designer hatte keine leichte Arbeit, zwischen meiner Vorstellung und den Anweisungen des Architekten ein Haus zu bauen, dass einerseits die Struktur aufwies, die ich wollte, und andererseits echt und realistisch aussah. Und ich finde, er hat die Sache großartig gemeistert, aber es gibt sicher Architekten, die den Film sehen und denken: Das geht gar nicht.
Wieso?
Keine Ahnung, aber Architekten sind merkwürdige Menschen. Ich war begeistert von dem Haus. Ich würde sogar selber gern in so einem Haus wohnen. Aber sie haben nur gesagt: „Das ist lächerlich. Komplett bescheuert.“ Verrückt, oder?
Abgesehen von dem Haus, welche Figur ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen?
Ich hoffe, die Schauspieler lesen das Interview nicht. Und ich muss auch sagen, ich mag eigentlich alle Figuren und alle Schauspieler im Film. Aber da wir ja hier nicht in Korea sind und es keiner von ihnen mitbekommt, wenn ich ganz ehrlich bin, mochte ich Moon-gwang am meisten, die ursprüngliche Haushälterin. Als Figur ist sie diejenige, die den Film plötzlich von einem Moment auf den anderen komplett auf den Kopf stellt. Und als Schauspielerin hat Lee Jung-eun etwas sehr Merkwürdiges, Unheimliches an sich. Wenn man mit ihr filmt, weiß man nicht, was sie fünf oder zehn Sekunden später tun wird. Sie trägt einen sehr animalischen Instinkt in sich.
Nicht wenige Kritiker vergleichen Ihren Film gern mit anderen aktuellen sozialkritischen Werken wie „Shoplifters“ von Kore-eda Hirokazu und „Us“ von Jordan Peele. Denken Sie, darin liegt ein Momentum? Fordert die aktuelle politische Lage weltweit wieder eine größere Auseinandersetzung mit Themen dieser Art?
Ich habe Jordan Peeles Film leider noch nicht gesehen, aber ich war sehr überrascht, als ich den Trailer zum ersten Mal sah, weil darin auch eine Art Abziehbild vorkommt. Und, wie gesagt, das war meine ursprüngliche Idee zum Film. Aber ich denke, dass wir als Regisseure und Künstler im Grunde gar keine andere Wahl haben, als uns mit der Zeit auseinanderzusetzen, in der wir leben. Wir sind ergriffen von dem, was um uns herum passiert. Ich kenne weder Peele noch Kore-eda persönlich, aber als Schöpfer künstlerischer Werke lassen wir uns alle von der gleichen Zeit inspirieren – jeder auf seine Weise und nach seiner Überzeugung.
Welchem Genre würden Sie Ihren Film denn am ehesten zuordnen?
Ich würde sagen, Parasite ist eine schwarze Horror-Komödie-Action-Gesellschaftssatire. Aber mein US-amerikanischer Verleiher schickte mir neulich eine Rezension, in der es hieß: „Bong Joon-ho selbst ist das Genre.“ Ich muss zugeben, das gefällt mir eigentlich am besten.
