Dossier Horrorfilm – Apropos Fischglas

Apropos Fischglas

| Maya McKechneay |

Was passiert, wenn eine neue Spezies größer und gefräßiger wird als der Mensch? Sie nascht uns aus Konserven. „Gwoemul (The Host)“ verpackt seine Öko-Parabel als erfolgreichen Riesenmonsterfilm.

In einer kürzlich in der Zeit erschienenen Stellungnahme argumentiert der Schriftsteller T. C. Boyle, dass wir Menschen so oder so dem Untergang geweiht seien. Die missbrauchte Natur liege zwar in den letzten Zügen, sei aber allemal noch lebendig genug, um ihren Tribut zu fordern für die Sünde unserer Existenz. Boyle spricht von der Unersättlichkeit des Kapitalismus, der zu seiner Rechtfertigung unerschöpfliche Ressourcen ebenso fälschlich postuliert wie endlos viele Konsumenten. „Wir leben in einem Fischglas“, schreibt er, „dessen Wasser wir selbst verschmutzt haben.“

Apropos Fischglas: Alles Leben auf der Erde stammt bekanntlich aus dem Wasser. Zum Beweis findet sich in jedem Biologiebuch der Quastenflosser, jener Knochenfisch, der im Stadium zwischen Land- und Wassertier verharrt ist. Wenn nun der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho in seiner Horror-Komödie Gwoemul (The Host) eine mutierte Riesenkaulquappe, ein Zwitterwesen aus Amphibie und Reptil, die Ufer des Han-Flusses in Seoul emporkriechen lässt, erzählt er nichts anderes als die Evolutionsgeschichte – in pervertierter Form – von vorne.

Auslöser dieser neuen Evolution ist ein Exzess der alten Mas­ter-Rasse: Ein amerikanischer Wissenschaftler befiehlt seinem koreanischen Assistenten, ein paar Dutzend Flaschen Gift in den Ausguss zu leeren. „Han River is very broad“, argumentiert er im englischen O-Ton dieser Passage, „so let’s be broadminded about this.“ (Eine Anspielung übrigens, auf einen realen, den so genannten „McFarland-Skandal“: Im Jahr 2000 entsorgte Albert McFarland, ein Angestellter der US-Streitkräfte, über 100 Liter giftiger Einbalsamierungsflüssigkeit im Han-Fluss.)

Nicht lange, und Angler entdecken ein seltsames Tierchen, nicht Fisch, nicht Frosch im Han. Und während man in japanischen oder amerikanischen Riesenmonsterfilmen auf den ersten Auftritt des Monsters wartet, dauert es hier nur Minuten, bis es seinen (digitalen) Schatten wirft. Als schwarz glänzender Riesentropfen hängt das Monster an den Trägern einer Brücke und gleitet elegant ins Wasser. Eine Menschenmenge in Freizeitlaune applaudiert, wirft mit Bierdosen und Müll, bis das Wesen überraschend die Böschung erklimmt und auf kurzen Beinchen hoppelnd, bald wie eine Schlange sich windend, links und rechts Schaulustige zermalmt. Hieronymus Bosch hat solche Schwanz-Kopf-Füßler gemalt, und wie sie scheint uns auch ihr (übrigens ausgesprochen überzeugend am Computer generierter) Nachfolger fremd und vertraut, in seiner Fehlproportion albern und zugleich erschreckend.

Das Ungetüm ist die eigentliche Hauptfigur des Films, sein Titelheld und die gefräßige Metapher, um die sich alles dreht. Erzählt ist er aber dennoch aus Sicht seiner Kontrahenten, so viel Konvention muss sein: Während die Regierung unter Leitung der US-Amerikaner ihre Kriegsmaschinerie anwirft, macht sich ein Imbissbudenbesitzer, dessen siebenjährige Tochter vom Monster verschleppt wurde, mit seiner Schwester und ihrem altem Vater auf eigene Faust auf die Suche. Jeder der drei hat sein Handicap: Park Kang-du, der Vater (gespielt von Song Kang-ho, bekannt auch aus den Filmen von Park Chan-Wook), ist aufgrund frühkindlichen Proteinmangels geis­tig zurückgeblieben, der Alte schon etwas gebrechlich und die Schwester, eine Sportbogenschützin, scheinbar autistisch veranlagt. Doch gerade dieser Haufen, so will es die Schelmenlogik des Films, erringt mit seiner Guerilla-Taktik und mit „Soft Weapons“ (Pfeil und Bogen statt den Panzern der Regierung) letztlich den Sieg.

Riesenmonsterfilme dienten schon immer dazu, Traumata zu verarbeiten: King Kong etwa entstand 1933 im Angesicht der weltweit zunehmenden Technisierung und Militarisierung. In Japan wurden die daikaiju eiga erst nach dem Abwurf der Atombomben populär. So betrachtet erscheint The Host, das Monster mit dem gierigen Metabolismus, in seinem Entstehungsjahr 2006 als eine Ausgeburt unserer Globalisierungs- und Erderwärmungsängste.

Zentral ist in diesem Zusammenhang die Allegorik vom Fressen und Gefressen-Werden, die Bong mit ähnlicher Freude am Rülpsen, Schmatzen und Defäkieren entfaltet wie Ivan Reitman damals in seiner Monster-Farce Evolution (2001): Natürlich ist es kein Zufall, dass unsere Heldenfamilie an ihrer Imbissbude vor allem gegrillte Tintenfische verkauft. Die knusprigen kleinen Dinge sind, ebenso wie das Meeresgetier aus Dosen, nichts anderes, als Miniaturausgaben des Monsters.

Mit dem ersten Auftritt von The Host verschiebt sich der Maßstab („Size does matter“, lautete Roland Emmerichs Godzilla-Tagline): Die Picknicker am Han-Ufer werden nun selbst zur Nahrung. Scharenweise suchen sie Unterschlupf in dosenförmigen Räumen: WC-Containern, metallenen Imbissbuden oder den Ladeflächen von LKWs. Keine gute Taktik, denn hier nascht sie das Monster aus der praktischen Konserve. Mit Liebe zum Detail widmet sich Bong der Evolution des Monsters als Konsument: Während es anfangs nur durch Ungeschicktkeit tötet, kommt es bald auf den Geschmack und legt sich schließlich in einem Kanalschacht ein Vorratslager an. Vom Jäger wird es zum Sammler, frisst gierig und zu viel, verdaut lautstark, und speit gelegentlich eine Ladung Knochen aus.

Wie ehedem George Romeros Night of the Living Dead funktioniert dabei The Host dabei gleichermaßen gut als schwarze Gesellschaftssatire und unheimlicher Horrorfilm. Das Schönste ist jedoch sein räumlicher Humor: Gelang es uns nach Jacques Tatis Playtime nie wieder, Großraumbüros anders denn als Aquarien zu sehen, so werden wir nach Bongs Film Dixi-Toiletten und Container mit Respekt betreten. Es kommt immer auf die Perspektive an – und letztlich sind wir ja alle kleine Fische.