Brad Pitt

Ad Astra | Interview

Eine weite Reise

| Elaine Lipworth |
Brad Pitt über sein Verhältnis zu James Gray, die Herausforderungen bei der Arbeit an „Ad Astra“ und die Notwendigkeit des Selbstzweifels.

Sie haben James Gray das erste Mal bereits 1995 im Rahmen des Sundance Festivals getroffen?
Brad Pitt: Das ist richtig. Ich habe ihn angerufen, nachdem ich seinen Film Little Odessa gesehen hatte. Wir haben uns ziemlich schnell angefreundet. James ist ein großartiger Gesprächspartner, unsere Freundschaft hat sich über die Jahre hinweg vertieft. Wir haben auch schon länger über eine Zusammenarbeit gesprochen, so hat sich schließlich Ad Astra ergeben.

Davor haben Sie aber bereits als einer der Exekutiv-Produzenten von James Grays „The Lost City of Z“ fungiert. Was sind Ihre Erinnerungen an diese Zusammenarbeit?
Wir befanden uns in der Endphase der Produktion von The Lost City of Z, den ich als wunderbaren Film angesehen habe. James ist ja sehr versiert in Sachen Filmgeschichte, doch was diese Arbeit anging, spürte ich, dass es sich um einen sehr persönlichen Film handelt. Ein ähnliches Gefühl hatte ich bereits bei seiner Regiearbeit The Immigrant. James und ich lieben Filme aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, sie sind für uns beide so etwas wie ein Maßstab. Als wir Lost City fertiggestellt hatten, konnte ich seine Entwicklung richtiggehend sehen. James kennt, wie erwähnt, alle Meister des Fachs, doch in diesem Film konnte ich auch seine persönliche Geschichte erkennen, daraus werden oft die besten Arbeiten.

Haben Sie da bereits über „Ad Astra“ gesprochen?
James sagte da schon: „Ich habe da so eine Idee, an der ich arbeite …“ Das war eben Ad Astra. Ich fand, seine ersten Vorstellungen davon waren das genaue Gegenteil der meisten Sci-Fi-Filme. Sie beruhten auf einem Zitat von Arthur C. Clark: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir sind allein im Universum – oder wir sind es nicht. Beide sind gleichermaßen verstörend.“ Also entweder existieren Aliens, oder wir sind wirklich komplett allein – beides eher erschreckende Vorstellungen. Das war schon ein ziemlich einzigartiger Ausgangspunkt.
Dazu kamen noch unsere Gespräche – ich kann gar nicht mehr sagen, ob sich die nicht erst aus der Diskussion über den Film heraus entwickelt haben – über die Schwierigkeiten, sich mitzuteilen und Fragen, die das Bild von Männlichkeit betreffen. Die Diskussionen drehten sich darüber, was uns immer wieder daran hindert – auch bedingt durch unsere Erziehung samt dabei vermittelten Rollenbildern – tiefere, erfüllendere Beziehungen zu haben, nicht nur mit Menschen, die wir lieben, sondern auch mit uns selbst. Die beiden Ideen waren schon ausreichend für mich, das fühlte sich richtig an. Ich dachte also: Schauen wir einmal, was bei der Geschichte herauskommt.   

Hat für Sie die Idee, dass sich der Protagonist auf eine Reise, die von einem Geheimnis umgeben ist, begibt, eine besondere Rolle gespielt? Man muss bei der Geschichte gleichsam ein Puzzle zusammensetzen.
Absolut – man muss wissen, dass man nichts weiß. Zu Beginn der Arbeit an einem Film weiß man oft nicht, wie das Resultat aussehen wird, das ist immer ein Wagnis.
Beim Drehen mit Quentin Tarantino ist das beispielsweise völlig in Ordnung. Seine Dialoge sind ganz speziell, ich kenne auch seine Ausdrucksweise, was die Sprache angeht, da habe ich also schon eine ziemlich gute Vorstellung davon, wo wir landen werden. Im Fall von Ad Astra war das ganz anders, da kommen schon große, komplexe Ideen vor, die sich nur schwer in den zwei Stunden eines Films darlegen lassen. Ich hatte zunächst keine Vorstellung, wie sich das bewerkstelligen lassen würde, ich bin mir auch nicht sicher, ob James das schon so genau wusste – aber die Reise hat sich auf jeden Fall gelohnt, das steht für mich fest.

Wie hat sich das im Verlauf der Produktion manifestiert?
James und ich haben ziemlich offen über unsere eigenen kleinen Schwächen gesprochen, wir haben das immer auch mit einer Portion Humor gemacht. Wir haben das Drehbuch immer weiter entwickelt, bis hin zum Drehbeginn. James hat mir am Morgen immer Anmerkungen zu den Szenen geschickt, die an diesem Tag gedreht werden sollten. Die enthielten aber auch sehr persönliche Dinge, das war dann der Ausgangspunkt für unsere täglichen Besprechungen und Diskussionen. Die hatten einen Einfluss auf die Dreharbeiten, wir haben die Szenen jeweils entsprechend verändert und nachgebessert. Das Ganze befand sich also ständig im Fluss.
Als wir dann mit dem Schnitt begonnen haben, entwickelte sich Ad Astra für mich zum schwierigsten Film, den ich je gemacht hatte. Das war für mich ebenso überraschend wie erfreulich, denn ich finde, wenn man glaubt, immer genau zu wissen, wie man an die Dinge herangeht, ist man eigentlich schon erledigt.

Was war genau das Überraschende daran?
Wie heikel der Prozess der Montage bei diesem Film war – ein Voice-over oder der Einsatz von Musik hätte leicht in die falsche Richtung gehen können, dann hätten wir einiges rückgängig machen und von vorne beginnen müssen. Das hat sich durch den ganzen Film gezogen und war wirklich sehr herausfordernd.

Bei „Ad Astra“ finden sich deutliche Einflüsse von Joseph Conrad, insbesondere von seiner Novelle „Heart of Darkness“, auf der bereits Coppolas „Apocalypse Now“ basiert. Der gilt als Meisterwerk, die Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten sind jedoch mittlerweile geradezu legendär.
Es gibt jede Menge Geschichten allein darüber, wie Martin Sheen seine Voice-over-Passagen immer und immer wieder machen musste und wie dabei wiederholt nachgeschärft wurde. Die Dokumentation Hearts of Darkness  beleuchtet all die Probleme während der Dreharbeiten, auch dass es lange unklar war, wie der Film eigentlich enden sollte. Wir waren auch lange unschlüssig, wie das Ende von Ad Astra aussehen soll, da gibt es also in der Tat gewisse Parallelen.

Die Entwicklung der Charaktere verläuft hingegen höchst unterschiedlich. Während der von Martin Sheen gespielte Captain Willard langsam immer mehr von Zweifeln geplagt wird und den dadurch entstehenden Druck immer mehr zu spüren bekommt, lebt der von Ihnen verkörperte Charakter bezüglich seiner Vorstellungen, an denen er immer festgehalten hat, richtig auf.
Im Rückblick meine ich, dass es unsere ursprüngliche Idee war, ins Innerste dieser Figur, inklusive ihrer dunklen Seiten, vorzudringen. Roy, dieser Charakter, muss dazu in den entferntesten Winkel unseres Sonnensystems reisen, um ganz allein zu sein – da gibt es niemanden, auf den er sich noch verlassen könnte, nichts, was ihn ablenken könnte oder womit man aus der Realität fliehen könnte. Also muss er sich mit sich selbst konfrontieren, mit allen Sorgen, Nöten und verdrängten Ängsten.
Um noch einmal auf bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit zurückzukommen: Ich denke, wir sind mit den Vorstellungen groß geworden, dass man immer stark sein muss, keine Schwächen zeigen soll und immer alles bewältigen können muss. Und man darf niemandem erlauben, sich respektlos zu verhalten – das fand ich immer ziemlich lächerlich, weil es in dieser Absolutheit einfach vergebliche Mühe ist. Man sollte da einfach ehrlich zu sich selbst sein, denn der Idee von strikter Stärke zu folgen und Selbstzweifel oder die eigene Verletzlichkeit zu leugnen, heißt immer auch, einen Teil von sich selbst zu verleugnen.
Was mein persönliches Leben angeht, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es besser ist, sich zu öffnen und sich auf seine ganze Persönlichkeit einzulassen. Es geht darum, sich selbst kennenzulernen oder zumindest immer wieder zu versuchen, sich selbst kennenzulernen. Das bedeutet für mich wirkliches Selbstvertrauen, das wiederum die Basis für wahre Kompetenz ist.

Bei Tarantinos „Once Upon a Time in … Hollywood“ haben Sie viel Zeit damit verbracht, durch die vom Sonnenlicht beleuchteten Straßen von  Los Angeles zu fahren. Die Arbeit an „Ad Astra“, wo die Darstellung von Schwerelosigkeit das Hängen an Drahtseilen mit sich brachte, war da in technischer Hinsicht wohl eine ganz andere Herausforderung.
Was die unterschiedlichen Rollen angeht: Ein Charakter wie Cliff in Once Upon a Time … muss schon ein paar recht heftige Erfahrungen gemacht haben, um diese Art von innerer Ruhe auszustrahlen.
Was die Arbeit mit den Drahtseilen in Ad Astra betrifft, da habe ich mich ein wenig wie bei einer Aufführung von „Peter Pan“ gefühlt. Man hängt an den Drahtseilen und hat das Gefühl, in alle möglichen Richtungen gezogen zu werden, doch man muss es so aussehen lassen, als würde man sich geradezu mühelos durch die Schwerelosigkeit bewegen. Aber man gewöhnt sich daran und kann sich auch wieder darauf konzentrieren, Emotionen ins Spiel einfließen zu lassen, und nicht nur damit beschäftigen, dass man an Seilen hängt und einem das Blut in den Kopf steigt. Den Raumanzug anzulegen hat sich angefühlt, wie einen Müllsack anzuziehen, über den noch einmal eine dicke Winterjacke kommt. Aber jeder Film bringt ein paar Unannehmlichkeiten mit sich. In der Rolle von Cliff musste ich mir immer die Narbe ins Gesicht schminken lassen – das ist eben Teil unserer Arbeit.