Erwin Wagenhofer über seinen neuen Film „But Beautiful“.
Mit Filmen We Feed The World (2005), Let’s Make Money (2008) und Alphabet (2013) übte Erwin Wagenhofer scharfe Kritik an unseren Systemen und zeigte auf, was und wie viel in dieser Welt verkehrt läuft. Die Filme lösten weit über die Landesgrenze hinweg große Debatten aus, liefen auf zahlreichen internationalen Festivals und räumten diverse Preise ab. Mit seinem neuen Film But Beautiful begibt sich Erwin Wagenhofer nun quasi auf die andere Seite: Er beleuchtet die schönen Dinge des Lebens, zeigt Menschen, die Gutes in die Welt bringen und als positives Beispiel voranschreiten. Im Interview erzählt der Filmemacher, der sich selbst nicht als solchen bezeichnet, wie es zu diesem neuen Werk kam, was er im Leben als wichtig erachtet und warum Frauen die Welt verändern werden.
Herr Wagenhofer, wie geht es Ihnen gerade, was ist in Ihnen lebendig?
Erwin Wagenhofer: Wenn Sie das auf das momentane Jetzt beziehen ist das Lebendige, dass ich einen Austausch der Gedanken mit Ihnen habe. Ansonsten: Es war anstrengend, diesen Film in diese Welt zu bringen aus dem, wie ich meine, folgenden Grund: Wir sind während der Arbeitsphase darauf gekommen, dass es für das Gute keine wirkliche Dramaturgie gibt. Das steckt schon im Wort Dramaturgie: Da ist schon das Drama drinnen. Wenn man jetzt etwas entdramatisieren will und anders auf die Welt schauen will, dann wird das sehr schnell herausfordernd, weil es nicht erlernt ist. Wir sind erzogen und konditioniert in die Richtung, dass wir ständig irgendwo ein Manko erkennen: Da funktioniert das nicht, und der Kaffee ist zu wenig schwarz oder braun, und die Milch ist zu viel und der Zucker zu weiß und zu ungesund. Wie kann man sich dann eigentlich auf etwas fokussieren, das uns ermutigt und inspiriert? Da war schon ganz bewusst die Idee bei diesem Projekt, etwas in die Welt zu bringen, was den Menschen Mut macht. Zwar nicht so oberflächlich, sondern in sich zu schauen und zu fragen: Ist es gut so, wie ich da tue oder sollte man das verändern? Wir leben in einer Zeit des Wandels, und da dachten wir, da bringen wir eine Ermutigung.
Ihre letzten Filme zeigen eher auf, wo es hakt oder nicht funktioniert. „But Beautiful“ ist ein sehr positiver Film, der aufzeigt, was funktioniert oder wie es funktionieren kann; der Menschen zeigt, die Schönes und Gutes in die Welt bringen. Warum haben Sie sich jetzt dazu entschieden, zu zeigen, wie es gehen kann?
Erwin Wagenhofer: Rational gesehen habe ich irgendwann erkannt – eigentlich schon bei Alphabet, der Film zeigt im letzten Drittel ja schon andere Beispiele – dass man jetzt natürlich so weiter tun kann, aber mich interessiert es nicht mehr. Vor allem habe ich erkannt, wenn ich so weiter tue, dann mache ich mich schuldig. Jetzt ist ein anderer Beitrag gefragt. Das ist jetzt was anderes als die Nuller Jahre. Man muss die Arbeit der Zeit anpassen, nicht umgekehrt. Am Anfang muss die Empörung da sein, aber dann muss man ins Handeln kommen.
Sie haben gemeint, Sie machen sich schuldig. Welche Verantwortung tragen Sie Ihrer Meinung nach als Filmemacher?
Erwin Wagenhofer: Sie haben das Gute gesagt, ich das Schlechte. Es geht um Verantwortung, nicht um Schuld. Das ist ganz wichtig! Gut, dass Sie mich da korrigiert haben. Jetzt, in einer Zeit, wo sich in der Wirtschaft, in den Naturwissenschaften und auch in den Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und in den Künsten alle nur mehr dem Markt unterworfen haben, braucht es Kräfte, die da dagegen halten und die sagen: Moment, es ist nicht so! Es ist nicht die unsichtbare Hand. Das ist der große Vorteil eines Quereinsteigers wie mir (Anm.: Erwin Wagenhofer absolvierte eine Ausbildung zum Nachrichtentechniker und Elektroniker), der anders geschult ist und nicht in diesen linearen Kunst-Elfenbeinturm-Gedanken denkt, sondern ich sehe mich als Teil der Gesellschaft und frage mich: Wie kann ich der Gesellschaft dienen? In dem Fall mit einem Film – was ja nicht so ein großer Beitrag ist. Menschen, die in Sozialberufen arbeiten, liefern ganz andere Beiträge als wir hier. Da muss man wirklich mal die Kirche im Dorf lassen. Film kann ja nicht viel, das ist, wie Scorsese sagte, ein brachiales Medium – da können Sie hinhauen. Aber erklären Sie mal in einem Film einen komplizierten Zusammenhang! Was der Film aber kann: emotionalisieren! Mit dem arbeiten und spielen wir. Es geht um den Film, den dieser Film auslöst. Und das geht über Emotionen.
In einem Interview meinten Sie einmal, sie mögen den Begriff „Filme machen“ nicht, das sei wie „Beziehung machen“ – es gelingt oder gelingt nicht. Was lässt Ihrer Erfahrung nach eine zwischenmenschliche Beziehung gelingen?
Erwin Wagenhofer: Beziehungsarbeit. Die sollte man nicht vergessen. Verbundenheit muss man pflegen, da muss man wahnsinnig viel vertrauen und auch im richtigen Moment Verantwortung übernehmen können. Man muss auch das Ego verstehen, weil uns das ununterbrochen einen Streich spielt. Da meldet sich so eine Stimme, die schreit: Ich bin zu wenig! Das ist in unserer Gesellschaft ganz stark und auch durch diesen materiellen Druck entstanden. Was ja interessant ist, dass so viel Geld wie noch nie da ist und trotzdem so ein hoher Druck besteht – vor allem in diesen wohlhabenden Gesellschaften. Mit dem Wohlstand ist witzigerweise die Verbundenheit zerbröselt. Aber man weiß das doch auch aus der Quantenphysik, dass alles Beziehung ist. Dieses Beziehungsgefüge – darum schauen wir am Schluss von But Beautiful ja ins Weltall hinaus – ist entweder in Balance oder nicht. Leider ist es Out of Balance. Am schlimmsten ist es zwischen Mann und Frau – und da meine ich nicht nur die Gleichberechtigung. Ich meine eher, dass das weibliche Element so in Misskredit geraten ist. Das haut uns jetzt auf.
In „But Beautiful“ geht es auch um Weiblichkeit und darum, dass Frauen die „Change Makers“ sein werden. Warum werden Frauen die Welt verändern?
Erwin Wagenhofer: Dieser große Erfolg, den diese Wissenschaften seit Aristoteles gebracht haben – nämlich das Prinzip der Unterscheidung und der Differenzierung – hat sich zu Tode gelaufen. Dieses Unterscheiden ist das männliche Prinzip, und es ist nicht generell schlecht, aber wenn es nur das gibt, dann schon. Das ist auch das, was für mich Film ist: eine Kontextkunst. Das sind Beziehungen, zwischen den Einstellungen und so weiter. Dieses Integrieren ist das weibliche Modell. Das ist die Zukunft. Das Intuitive und Integrative. Wenn man ein Matriarchat hernimmt: Da wird als allererstes genährt. Die Schwachen werden unterstützt, erben ist ganz anders, Besitz bedeutet eigentlich nichts. In all den Ausgrabungen findet man keine Waffen. Man findet schon ein Messer, damit man ein Huhn oder Erdäpfel schneiden kann, aber keine Schusswaffen, kein Kriegsmaterial. Das ist dieser Wirtschaft, die ja eine Kriegswirtschaft ist, diametral entgegen gesetzt. Die macht uns nicht glücklich, erzeugt einen riesen Druck und wird dazu benutzt, um zu spalten. Da sind wir jetzt: Die Gesellschaft ist eine gespaltene. Das ist ganz sicher ein Holzweg. Deshalb, das ist meine Meinung, und ich muss gar nicht Recht haben: Dieses Integrieren, das wird die Zukunft sein, sonst sind wir verloren. Wir sind vor Herausforderungen, die kann ein einzelner Held, auch wenn er noch so stark ist, nicht schaffen. Es geht auch durchaus um das weibliche Element im Mann, das gibt es ja auch. Es ist ja nicht alles schwarz-weiß.
Ich habe den Eindruck, in unserer Gesellschaft trauen sich Männer oft nicht mehr, weibliche Anteile zu leben. Wie ist das bei Ihnen? Was tun Sie, um sich im Gleichgewicht zu halten?
Erwin Wagenhofer: Viel zu wenig. Ich will davor sagen: Ich habe die Weisheit nicht mit dem Löffel gefressen. Ich bin ein Mensch wie jeder andere, mit Vor- und Nachteilen und Abgründen und Dingen, die ich vielleicht ganz gut kann. Ich will nicht sagen, ich bin der, der es weiß. Es braucht sehr viel Mut, so einen Film machen zu wollen, weil ich von Anfang an gewusst habe, dass wir das Richtige angreifen. Aber ich habe bis Weihnachten letzten Jahres nicht gewusst, ob es gelingt. Ich habe aber gewusst, dass ich ein einer Phase bin, in der es nur Sinn macht, etwas Neues zu wagen und nicht sich auszuruhen und schuldig zu machen, indem man aufzeigt, was alles nicht geht. Das schreibe ich mir zu. Das hat viel Vertrauen in diese Sachen zu tun und viel mit Weiblichkeit. Das ist, wie wenn ich in mir eine Mutter hätte, die sagt: Du gehst schon deinen richtigen Weg! Und nicht einen Vater, der sagt: Das ist ein Blödsinn, da schaut ja nichts raus, da verdienst du ja kein Geld!
Bedeutet es auch, ein Stück weit die Komfortzone zu verlassen?
Erwin Wagenhofer: Komplett! Also, die Komfortzone gibt es ja gar nicht. Wir können gut leben im Sinne von: Es geht uns nichts ab, und wir müssen nicht hungern und können von dem leben, was wir arbeiten. Das ist schon der größte Luxus, den es gibt. Und noch dazu der Luxus, dass man sich eine eigene Meinung erlaubt. Der ist ganz schön teuer, eben weil man nicht viel Geld damit verdient. Das ist ein Wunder, aber große Sprünge oder Karrieren macht man damit nicht. Da gibt es die Filmpolizei, die eigentlich der größte Gegner ist. Sicher der größte Hemmschuh einer filmischen Entwicklung sind die, die eigentlich immer glauben, sie wissen, wie es geht. Als gäbe es da ein Rezept. Das ist nicht nur beim Film so.
Wo zensieren Sie sich bzw. Ihre Filme selbst und warum?
Erwin Wagenhofer: Ich versuche sehr, die Personen, die mir das Vertrauen schenken, zu schützen. Ich habe keine Lust, sie bloßzustellen. Ich hab einige Filmporträts für das Fernsehen gemacht und mich lange mit einem österreichischen Schriftsteller beschäftigt, der ein Held meiner Jugend war und wo ein fiktionaler Film in der Luft läge. Ich schrecke deshalb davor zurück, es anzugreifen, weil ich da auch in seinen Abgrund schauen müsste. Es gibt Filme, die mich faszinieren, wo auch in die Abgründe der Protagonisten hineingeschaut wird und das ein wichtiger Teil ist, aber hier komme ich gar nicht in Versuchung. Es gibt Dinge, die drehe ich nicht. Die wären einfach zu machen, aber ich drehe sie nicht. Bei mir weiß zum Beispiel jeder immer, wenn ich drehe. Ich tue nicht so, als würde ich nicht drehen und drehe doch. Das mache ich nicht. Ich versuche, das Vertrauen ganz anders aufzubauen, indem ich oft hingehe. Wir waren bei all den Drehs zweimal – außer beim Dalai Lama, da nicht, allerdings gab es mit seiner Schwester dann einen Nachdreh in Österreich. Das ist ein Riesenaufwand, auch finanziell, weil erst beim zweiten oder dritten Mal das Vertrauen da ist.
Sie fahren oder fliegen wirklich davor schon öfters an diese Orte und reden mit den Menschen?
Erwin Wagenhofer: Ganz genau. Wenn ich merke, jemand schwächelt, dann helfe ich ihm. Es gibt andere Filmemacher, die suhlen sich darin, diese Schwäche auszunützen. Ich will das nicht bewerten, aber ich mache das nicht. Ich sehe das nicht als Zensur, sondern als Haltung und Frage des guten Geschmacks.
Der Film beginnt mit dem Zitat von Michelangelo: „Das Problem des Menschen ist nicht, sich hohe Ziele zu setzen und zu scheitern, sondern sich zu niedrige Ziele zu setzen und Erfolg zu haben“. Was ist Ihr nächstes Ziel?
Erwin Wagenhofer: Wieder ein hohes, insofern, als ich nicht sicher sein kann. Es ist also nicht eine Bank, auf die ich setze und weiß, das wird einfahren und da werden viele Menschen kommen, die sich das anschauen, oder in die andere Richtung: Der Film wird in Cannes laufen. Das hätte ich auch allesgerne – es ist nicht so, dass ich nicht eitel bin und mich über sowas nicht freuen würde. Allerdings kann man das mit bestimmten Dingen nicht erreichen.
