„Let’s Make Money“ – Erwin Wagenhofer im Gespräch

„Let's Make Money“

| Roman Scheiber |

„Let’s Make Money“, der Film zur Krise: Erwin Wagenhofers Kritik am ungezügelten Finanzkapitalismus belegt neben dem Zusammenhang von westlicher Geldvermehrung und Armut der Dritten Welt unter anderem, dass man den Crash hätte absehen können – hätte man nur genauer hingeschaut. Gespräch mit einem „Leichtsinnigen“.

Ein emblematisches Bild in Let’s Make Money zeigt den Aufbau einer Windkanalbox aus Plexiglas im Fernsehstudio. Wer die entsprechende Sendung kennt, diese reinste Form interaktiven Unterhaltungsfernsehens, weiß, wozu die seltsame Apparatur gedacht ist: Ein neuer Kandidat wird für 30 Sekunden die „Gelddusche“ betreten, nach in die Luft gewirbelten Banknoten greifen und diese in die geräumigen Taschen eines knallbunten Overalls einsacken. Laut dem Moderator der „Geldscheffelshow“ ist die Sendung besonders bei Kindern als Betthupferl beliebt. Ja, die Moneymaker erfüllen im öffentlich-rechtlichen ORF einen Bildungsauftrag der besonderen Art: Sie lesen das Geld nicht von der Straße auf, sie schnappen es sich aus der Luft.

Ein weiteres emblematisches Bild in Let’s Make Money zeigt einen Golfplatz an der Costa del Sol in Andalusien. Mitten in einer riesigen leer stehenden Ferienwohnanlage, umringt von Wüstenlandschaft, liegt das künstlich angelegte Grün. Das Einzige, was sich in diesem gespenstischen Bild bewegt, sind die Wassersprinkler. Der österreichische Pensionist mit privater Rentenvorsorge, dessen Pensionsfonds mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Teil in einer solchen Immobilie veranlagt ist, spielt daheim Golf und ahnt davon nichts.

Den beiden Szenen ist gemeinsam, dass sie Luftgeschäfte zu bebildern suchen. Im einen Fall wird buchstäbliche Raffgier im entwürdigenden Gewinnspiel illustriert; im anderen die riesige Immobilienblase, wo Hotels und Ferienhäuser nicht als Wohnraum begriffen werden, sondern als stark im Wert wachsender Beton die spanischen Küstenstreifen verunzieren. (Die einzigen „Bewohner“ der Geisterstädte sind zumeist afrikanische Immigranten, die zu Dumping-Löhnen die hohlen Bauten hochziehen.)

Geld arbeitet nicht

Nachdem Erwin Wagenhofer in seinem Dokumentarfilm We feed the World (2005) die Kreisläufe einer entgrenzten Nahrungsmittelindustrie in schwer verdaulichen Brocken servierte, spannt er wiederum globale Bögen, um den Konsumenten von Finanzprodukten zu veranschaulichen, was so alles mit ihrem Geld geschieht. Zu Wort kommen Fondsmanager wie der Finanzguru Mark Mobius, der Finanzökonom John Christensen, Journalisten wie der NZZ-Wirtschaftschef Gerhard Schwarz, der Industrielle Mirko Kovats, Universitätsprofessoren ebenso wie Arbeiterinnen und Obdachlose, und nicht zuletzt ein ehemaliger Hitman (Wirtschaftskiller) des US-Geheimdienstes. Cross-Border-Leasing und Private-Equity-Fonds sind spätestens nach Lektüre dieses Films keine Fremdwörter mehr.

Dass man das Geld nicht einfach „arbeiten lassen“ kann, wie es die Bankbroschüren versprechen, zeigt eindrucksvoll die globale Finanzkrise. Wer für die hohen Gewinne Einzelner auf den Aktienmärkten (und für die in der Krise folgenden hohen Verluste aller Steuerzahler) die ursprüngliche Arbeit leistet, veranschaulicht Let’s Make Money: zum Beispiel Baumwollpflücker in Burkina Faso mit einem Jahresgehalt von 50 Euro.

Wagenhofers Film wurde fast punktgenau zum drohenden Zusammenbruch des Weltfinanzsystems fertig. Das ist jedoch insofern kein Zufall, als man das Unbehagen über die aus dem Ruder laufenden Geldmärkte schon seit einiger Zeit spüren könnte – würden die Fühler nicht allerorten nach Profit um jeden Preis ausgestreckt. Bislang verkauften sich Wirtschaftsmagazine in aller Regel besser mit Wunderwuzzi-Managern auf dem Cover als mit Kassandrarufern, besser mit Positiv- als mit Negativgeschichten. Klar sein sollte nun zumindest eins: Wenn in Sekundenbruchteilen per Mausklick Milliarden um den Globus geschickt werden, gibt es am Ende kaum noch Gewinner, aber dafür ganz viele Verlierer.

Wenn Sie einem 10-jährigen Kind die Finanzkrise erklären müssten, wie würden Sie das tun?
Da kommen Sie gleich mit einer ordentlich schwierigen Frage. Von allen Leuten, die wir bei der Arbeit an dem Film getroffen haben, war zu hören, dass das nicht gut gehen kann. Aber die Frage ist gut, weil unser Mittel ist gerade der kindliche Blick. Wir schauen dem Geldmarkt unter den Rock, wir stellen einfache Fragen. Die Finanzkrise kann man einem Kind vielleicht so erklären: Man gibt zehn Äpfel in einen Korb und am nächsten Tag sind es zwölf geworden. Wenn das Kind dann fragt, wo die zusätzlichen zwei Äpfel hergekommen sind, müssen wir sagen: Das wissen wir nicht. In der Realwirtschaft hätte jemand die zwei Äpfel hineingelegt und dafür Geld bekommen, in der virtuellen globalen Finanzwirtschaft haben wir keine Ahnung, wo die Äpfel herkommen. Außer es handelt sich um Apple Computer, dann wissen wir: Die werden in China gefertigt. Ich war dort.

Finden Sie noch ein Beispiel, um einem Kind das Virtuelle an der globalen Finanzwirtschaft anschaulich zu machen?
Man könnte sich ein riesiges Schiff vorstellen, das von Saudiarabien nach Europa fährt, randvoll mit Erdöl. Das Rohöl brauchen wir für Autos, Heizungen, Textilien, usw. Das Schiff ist nun einige Wochen unterwegs, hier könnte man ein paar wahre Piraterie-Geschichten für das Kind einflechten, dem ich das erzähle. Und dann sage ich ihm: Stell Dir vor, während der Fahrt wird die Fracht dieses Schiffes tausend Mal verkauft. Man kennt den Besitzer nicht, weil das Schiff oder die Fracht des Schiffes so oft den Besitzer wechselt. Nicht einmal der Besitzer selbst weiß manchmal, dass er gerade das Schiff besitzt, der hat nur eine Nummer in einer Zeile auf seinem Bildschirm. Und dann, zum Beispiel in den zehn Minuten, in denen jemand dieses Öl besitzt, passiert etwas mit dem Preis. Im besten Fall für den Besitzer steigt der Preis. Wenn wir dann zum Beispiel an der Zapfsäule stehen, ist das Erdöl um vieles teurer geworden, als es der Transport rechtfertigt.

Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass das Finanzsystem auf einen Crash zusteuert?
Schon Mitte der Neunziger Jahre. Als kleinen Bankkunden angeboten wurde, ihr Erspartes nicht für 3 bis 5 Prozent, sondern für 10 bis 15 Prozent anzulegen. Das war für mich unorganisch, ich wusste, da stimmt etwas nicht. Dass diese Schieflage aber in so eine Krise ausarten würde, kann ich selber immer noch nicht ganz glauben. Wie das alles ausgeht, kann niemand sagen, aber gewisse Absurditäten sind offensichtlich. Die so genannten Garantien für Spareinlagen, was ist denn das: Wir Steuerzahler garantieren für unsere eigenen Spareinlagen? Die Reserven des Staates hat unser Ex-Finanzminister verkauft und ist dafür gelobt worden, für eine Mogelpackung namens „Nulldefizit“. Dieser Minister ist übrigens mit seiner neuen Wirtschaftsunternehmung auf Jersey tätig – kaum aus der Verantwortung für Steuergelder entlassen, geht er dorthin, wo er Steuern hinterziehen kann.

Den Finanzminister von Jersey zeigen Sie in „Let’s Make Money“ mehr oder weniger als Karikatur …
Da musste ich aber nicht überhöhen. Wir wollten nur, dass er sich mit einem Fähnchen hinsetzt, wie zum Beispiel der österreichische Bundespräsident bei öffentlichen Ansprachen. Dann hat er aber eine riesige Fahne mitgenommen, als hätte er gerade vor einer Stunde das Regierungsgebäude putschartig erobert. Er ist übrigens ein netter Kerl, aber natürlich hatten wir das Gefühl, hier wurde der naivste Typ der Insel ausgesucht, um diesen Job zu machen. Und der muss jetzt den Schädel hinhalten, wenn’s kracht.

Wo sehen Sie das Grundproblem des Systems?
Dass kaum noch Regeln eingehalten werden müssen. Unsere Gesellschaft funktioniert, weil man bei Rot eben nicht über die Straße geht, sonst wird man überfahren. Im Finanzwesen hat man die Regeln, die nach dem Crash der Dreißiger Jahre eingeführt wurden, weitestgehend abgeschafft. Das Infame daran ist, dass unter dem Deckmantel der Freiheit agiert wird. Überhaupt die Begrifflichkeit, mit dem sich ein auf Ausbeutung beruhendes System schmückt: Wealth Management, Self Sufficiency und so weiter, das klingt wunderbar positiv, bedeutet aber nichts anderes als eine Einladung an die drei Prozent Reichen, ihren Reichtum in einem Steuerparadies zu verstecken und ja nichts zur Allgemeinheit beizutragen.

Wie sind Sie damit umgegangen, dass Ihr Thema ein sehr abstraktes und insofern denkbar „unfilmisches“ ist?
Um zu zeigen, dass hier nicht einfach ein Verkehrsunfall passiert ist, der zur Aufhebung der Spielregeln geführt hat, sondern dass der Verkehrsunfall geplant war, muss ich leider die Stimme aus dem Off im Taxi sprechen lassen. Und um über die Privatisierung der Wiener Straßenbahnen zu informieren, stelle ich halt einen Experten in die Tram hinein, der das erzählt. Was soll ich anderes machen, wenn ich dem Publikum klar machen will, dass zum Beispiel nach einem Crash wie dem jetzigen die Einnahmen aus den Fahrscheinen nicht an die Wiener Linien in der Mariannengasse gehen könnten, sondern in die USA. Und unser Wasser gehört übrigens Herrn Brabeck von Nestlé in der Schweiz.

Wie erläutern Sie das ästhetische Konzept ihres Films?
Es war sicher das Schwierigste, was ich je gemacht habe. Für gewisse Sachen habe ich einfach nichts Bildliches, ich kann eine Texttafel hinstellen oder aus dem Off erzählen lassen. Ich brauche aber die Zusammenhänge, um das Thema über die Rampe zu bringen. Die größte Herausforderung bestand darin, die Bögen so zu bauen, dass nach den dichtesten Informationsblöcken Pausen zur Verarbeitung da sind. Mir fällt aber in meinen bisherigen Interviews mit Journalisten auf, dass trotzdem manche Sachen komplett untergehen. Zum Beispiel, wie ein Private-Equity-Fondsmanager erzählt, dass in den vergangenen 15 Jahren die Reallöhne de facto stagniert sind. Die Wirtschaft ist aber gewachsen, die Gewinne auch. Und mit diesem Geld wurde dann in Blasen investiert, die ja nichts anderes als einen Scheinbedarf darstellen.

Nach Friedman kanalisiert der Kapitalismus die ohnehin nicht wegdenkbare Gier des Menschen nach materiellen Gütern. Nun sind die Kanäle übergelaufen. Was tun mit der Gier?
Der Gier gehört ein Ende gesetzt. Wir müssen aufhören, das ganze Heil in materiellem Besitz zu sehen. Auch wer reich ist, ist damit nicht automatisch glücklich. Wir sind eine schrumpfende Gesellschaft, aber gleichzeitig soll das Einkommen wachsen. Am Schluss zahlen wir immer selber. Als wichtig wird angenommen, dass es der Wirtschaft gut geht, aber eben nicht, dass es uns allen gut geht, ganz im Gegensatz zu diesem blöden Werbespruch. Es gibt genug Geld auf der Welt, es wird nur falsch verteilt. Es nimmt den Weg von unten nach oben, und nicht von oben nach unten.

Könnte die Krise auch etwas Positives haben?
Neben einem allgemeinen Effekt der Bewusstmachung könnte zum Beispiel die Hegemonie des Dollars überwunden werden. Der Ölpreis war ja immer an den Dollar gekoppelt. Wenn der Hugo Chavez (Präsident Venezuelas, Anm.) Öl nicht in Dollar, sondern zum Beispiel in Euro verkauft hätte, hätte er laut eigener Aussage einen Krieg mit den USA gehabt. Wenn aber Europa jetzt sagt, wir kaufen kein Öl mehr in Dollar, dann werden die Amerikaner uns deshalb nicht nieder bomben. Das ist auch eine konkrete Forderung meines Films: Öl sollte auch in Euro oder Yen oder anderen Währungen verkaufbar sein. Eine andere ist: Währungsspekulationsgeschäfte sollten verboten werden.

Von vielen werden Sie ja weniger als Filmemacher denn als eine Art Kino-Aktivist wahrgenommen …
Ich komme aus einer eher linken Ecke. Links im Sinn von „das Leben leichter machen“ im Gegensatz zu Schwere, Blut und Opfer der Rechten, auch im Sinn von Leichtigkeit, von „Leichtsinn“ meinetwegen. Handeln im Sinn des kategorischen Imperativs, des Fairnessgedankens, gehört auch dazu. Wir arbeiten ja mit einem Miniteam von zwei bis drei Leuten und einer Miniausrüstung. Wenn einer oder in unserem Fall eine aus dem Team ausfällt, dann kommen wir in die Bredouille. Das beschäftigt mich viel mehr, als ob der Film am Ende als künstlerisch wertvoll betrachtet wird. Ich kann nicht machen, was der Buñuel vor 70 oder 80 Jahren gemacht hat. Wenn Leute mich eher als Reporter mit Kamera sehen wollen, ist mir das egal. Ich versuche mit filmischen Mitteln mein Anliegen rüberzukriegen und das ist schwer genug. Das nächste Mal mache ich eh was anderes.

Nämlich?
Eine Liebeskomödie. Das Drehbuch habe ich schon fertig.