Die BBC-America-Serie „Killing Eve“ lässt auch in der zweiten Season in Sachen Spannung, Härte und tolle Dialoge nichts zu wünschen übrig. Die meisten maßgeblichen Positionen werden, vor und hinter der Kamera, von Frauen ausgefüllt.
Man kann über den Inhalt von Killing Eve kaum eine Zeile schreiben, ohne zu spoilern. Daher blenden wir nur kurz zurück zu einer Schlüsselszene aus Season 1, und zwar zur allerersten. Die Serie beginnt in Wien, in einem Eissalon mit dem ein wenig seltsamen Namen „Schlekaria“. Dort sitzt eine junge Frau (Jodie Comer), ihr gegenüber, an einem anderen Tisch, eine Mutter mit einem kleinen Mädchen. Die junge Frau, sie nennt sich Villanelle, wie wir später erfahren, lächelt das Kind an, aber das Kind will nicht zurücklächeln, weil es zu sehr mit seinem Eis beschäftigt ist. Villanelle zahlt, steht auf, und beim Hinausgehen stößt sie „ganz unabsichtlich“ den Eisbecher des Mädchens um, das Eis tropft dem Kind aufs Kleid. Kurz danach wird ein russischer Politiker in Wien ermordet. Der Mord, obwohl nicht im Bild und ohnehin einer der dezenteren der Serie, ist sicherlich grausamer als das Umwerfen des Bechers, aber die Szene im Eissalon wirft ein bezeichnendes Licht auf Villanelles nicht sehr angenehme Persönlichkeit, die sich in den bisherigen 16 Episoden der Serie (je acht in Season 1 und 2) allmählich enthüllt.
Am Ende der ersten Staffel gibt es, wie könnte es anders sein, einen veritablen Cliffhanger, der aber zu Beginn von Season 2 rasch aufgelöst wird. Und schon geht es munter weiter mit Mord und Totschlag, denn Villanelle ist eine Profi-Killerin, die für ein offenbar internationales Syndikat namens „The Twelve“ arbeitet und buchstäblich serienweise Leute umbringt, in Wien, in Paris, in der Toskana, in Berlin (ein besonders „schöner“ Mord), in Amsterdam, in London – wo immer ihre Aufträge, die ihr von ihrem enigmatischen „Handler“ Konstantin (großartig: der dänische Charakterdarsteller Kim Bodnia) überbracht werden, sie hinführen. Manchmal „rutscht ihr die Hand aus“, dann gibt es auch unvorhergesehene Opfer. Doch das Wichtigste, und das macht einen nicht unbeträchtlichen Reiz von Killing Eve aus: Villanelle mag keine Morde von der Stange, es muss immer etwas Besonderes dabei sein, quasi ein Markenzeichen. Wenn die Umstände sie, wie etwa in Sofia, zum Pragmatismus zwingen, dann wird Villanelle misslaunig und bockig.
Doch natürlich lebt eine Serie wie diese nicht von einer Profi-Killerin allein, sondern braucht einen Gegenpart, und das ist die nicht minder von ihrem Job besessene britische Agentin Eve Polastri (Sandra Oh). Villanelles Morde sind so auffällig, dass Eve und der Secret Service ihr rasch auf die Spur kommen, bald ist auch ihre wahre, hier nicht gespoilerte Identität enthüllt, und recht früh stehen einander die beiden erstmals gegenüber – aber dann geht es erst richtig los. Wenn man sagt: „Katz-und-Maus-Spiel“, dann ist das die Untertreibung des Jahrhunderts. Die Tatsache, dass das Böse und das Gute meist zwei Seiten derselben Medaille sind, ist dem Kriminal-/Detektiv-/Gangster-Genre ja immanent (man denke an die Filme des französischen Meisters Jean-Pierre Melville oder seines gelehrigen Schülers John Woo), aber so auf die Spitze getrieben wie hier wurde es noch nie. Die Hass-Liebe zwischen Eve und Villanelle ist das Kernelement dieser ganz und gar einzigartigen Serie, und auch am Ende der zweiten Season (so viel Spoiler muss sein) wissen wir nicht, wohin die gemeinsame Reise gehen wird. Die dritte Staffel, von Serienjunkies sehnsüchtig erwartet, startet in den USA erst im April 2020, bis dahin heißt es, sich mit dem einprägsamen Schlussbild aus Season 2 zufriedenzugeben.
Tollkühnheit
An Killing Eve ist vieles großartig, u.a. die tollen Halb-Hauptfiguren, allen voran Eves ziemlich seltsame Chefin Carolyn (Fiona Shaw, vielen wohl bekannt als Tante Petunia aus den Harry-Potter-Filmen), die auch so manche Leiche im Keller hat; die knackigen Nebenfiguren (Henry Lloyd-Hughes etwa als arroganter Super-Kapitalist Aaron Peel oder Owen McDonnell als Eves immer mehr von ihr entfremdeter Ehemann Niko); die hervorragende Musik (Originalscore von David Holmes, dazu ein eklektisch guter Soundtrack) oder die tollen Schauplätze – etwa Rom, fulminant gefilmt, in der letzten Episode von S2. Aber das Nonplusultra und das, was die BBC-America-Produktion endgültig über den ohnehin hohen Serien-Standard der letzten Jahre hinaushebt, ist die Tollkühnheit und die scheinbar mühelose Leichtigkeit, mit der diese, nun ja, haarsträubende Geschichte erzählt wird. Da kann es schon einmal passieren, dass die Story ziemlich vom Hauptplot weg mäandert, da wird andererseits in einzelnen Episoden kräftig auf die Bremse getreten, um sich scheinbar in Details zu „verlieren“, die sich später dann doch als wichtig erweisen. Da wird rasch einmal ein Sub-Plot mit einer zweiten geheimnisvollen Killerin namens „The Ghost“ eingeschoben und ebenso schnell wieder verlassen, aber am (vorläufigen) Ende, man muss es sagen, ist man zu hundert Prozent und punktgenau dort angekommen, wo die Geschichte einfach ankommen musste. Und auf dem Weg liegen so viele erzählerische und dialogische Höhepunkte, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.
Man kann natürlich nicht über Killing Eve sprechen, ohne Phoebe Waller-Bridge ausdrücklich hervorzuheben, die britische Schauspielerin und neue Wunderfrau des Erzählens. Sie hat aus den vier schmächtigen Kindle-Ebooks des eher unbekannten britischen Autors Luke Jennings, die 2018 zum Roman „Codename Villanelle“ zusammengefügt wurden, eine Serie geschaffen, die ihresgleichen sucht. Bekannt wurde Waller-Bridge ab 2016 mit ihrer tragikomischen Fernsehshow Fleabag, in der sie auch die Hauptrolle spielt. Auch Oscar-Preisträgerin Olivia Colman wirkt darin mit, und einige treue Verbündete aus Fleabag (etwa Fiona Shaw) finden sich in Cast und Crew von Killing Eve. Da Ms. Waller-Bridge nun immer mehr ins internationale Rampenlicht rückt (so wurde sie engagiert, um das offenbar ziemlich lahme Drehbuch zum nächsten Bond-Film No Time to Die zu reparieren), entfalten sich weitere weibliche Talente in der Serie: Season 2 wurde großteils von Waller-Bridges alter Kumpelin Emerald Fennell geschrieben, die ebenso eine Emmy-Nominierung erhielt wie die (mehrheitlich weibliche)Produktionsriege, die beiden Hauptdarstellerinnen und Lisa Brühlmann, eine der beiden Regisseurinnen neben Damon Thomas. In Season 3, so ließ BBC America verlautbaren, wird Suzanne Heathcote die Rolle der Showrunnerin übernehmen.
Während die grandiose Sandra Oh schon zuvor den Golden Globe bekommen hatte, schlug bei den diesjährigen Emmy Awards die große Stunde der 26-jährigen, bisher vor allem aus britischen TV-Serien und -Filmen bekannten Jodie Comer, die – man kann es nicht anders nennen – über das Killing-Eve-Publikum hereinbricht wie eine Naturgewalt. Wie die junge Darstellerin mit der titanischen Aufgabe umgeht, diese außergewöhnliche Figur zu spielen, das ist mehr als beeindruckend: Zwischen sadistischer Psychopathin und schmollendem Kind, zwischen verstört und clever, zwischen schwesterlich und
ultrabrutal – Comer meistert alles. Nicht zu vergessen sind alle möglichen Sprachen und Akzente und die vielen Verwandlungen in Look und Outfit, die sie auch noch zu bewältigen hat.
Den Bechdel-Test besteht Killing Eve übrigens locker: Die drei Hauptfiguren (von den Macherinnen gar nicht zu reden) sind Frauen, und wenn sie denn über Männer reden, dann vor allem deswegen, weil diese gerade ein unsanftes Ende gefunden haben. Daran wird sich wohl auch in Season 3 nicht viel ändern.
