Harry Potter

Reconstructing Harry

| Christina Tilmann |

Mit „Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2“ findet eine Dekade Fantasy-Begeisterung nun ihr Ende.

Film ist in der Welt der Joanne K. Rowling nicht vorgesehen. Bewegte Bilder ja. Da erwachen Menschen auf Fotografien zum Leben, Kunstwerke machen sich selbständig, verlassen den Rahmen und wechseln in andere Bilder „zu Besuch“. Auch Zeitungsfotografien sind auf Interaktivität angelegt. Filme aber gibt es in der Internatswelt der Zauberschule Hogwarts nicht, und erstaunlicherweise auch nicht in der parallelen Realwelt des beginnenden 21. Jahrhunderts. Nicht, dass Harry Potter mit seiner verhassten Muggel-Gastfamilie, den Dursleys, in den Ferien auch nur einmal ins Kino gegangen wäre. Die nun schon über ein Jahrhundert mächtige Bildermagie des Kinos bleibt in der magischen Bilderwelt ausgespart.

Es ist eine Retrowelt, die Rowling mit der Zauberschule Hogwarts der realen Welt der Muggels (Nicht-Zauberer) entgegenstellt. Eine Welt der Dampflokomotiven und Kutschen, der Bibliotheken und Verliese, der langen Umhänge und Ritterrüstungen. Selbst das Schulspiel Quidditch erinnert eher an ein Turnier als an ein modernes Fußballspiel. Es ist ein mittelalterliches Sehnsuchtsbild, in dem Kinder noch bei Kerzenschein lesen und Eltern noch vorlesen oder mit Federn auf Pergament schreiben. Das verbindet sie übrigens mit ihrer deutschen Kollegin Cornelia Funke und deren „Tinten“-Trilogie. Auch das Setting bei „Harry Potter“ ist alles andere als modern: Dörfer sind grundsätzlich romantisch verwinkelt, mit Kopfsteinpflaster und Fachwerkbauten, und auch die Großstadtwelt der Winkelgasse erinnert eher an das London eines Charles Dickens als an den heutigen Oxford Square.

PERSONALVERSCHLEISS

Die Abenteuer des Zauberlehrlings Harry Potter und seiner Freunde, deren erster Band 1997 erschien, war zunächst ein Triumph der Literatur, ähnlich wie ehedem Michael Endes „Die unendliche Geschichte“. Millionen von Schulkindern wurden zur nächtelangen Lektüre verführt. Die Bücher haben sich weltweit über 500 Millionen Mal verkauft. Der Überraschungserfolg hat seine Fortsetzung in der Filmwelt gefunden. Wenn am 7. Juli mit der Weltpremiere in London der letzte Teil „Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2“ seinen erwartbaren Siegeszug durch die Kinos antritt, sind damit nicht nur vier Regisseure, vier Komponisten und diverse Kameraleute verschlissen worden. Die bisherigen Harry-Potter-Filme rangieren mit einem Gesamteinspielergebnis von 4,4 Milliarden Dollar unter den 30 erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Steven Spielberg, der zu Beginn für eine Verfilmung im Gespräch war, hat das Unternehmen nicht umsonst als Lizenz zum Gelddrucken bezeichnet. Joanne K. Rowling ist längst reicher als die Queen.

Doch Rowlings Beziehung zum Film ist von Beginn an von Misstrauen geprägt. Sie mag mit dem Verkauf der Rechte an Warner Bros. 1999 einen Millionendeal gemacht haben, doch die Bedingungen, die sie – ähnlich wie Cornelia Funke bei der „Tintenherz“-Verfilmung – ausgehandelt hat, sind ausgesprochen filmfeindlich. Extensive Mitspracherechte und Kontrollmöglichkeiten bei Drehbuch und Besetzung engen den Handlungsspielraum der Produzenten ein. Ein Drehbuchautor, der die Story auf die Folgerichtigkeit einer Zweistunden-Handlung zurückschneidet, ist für diese Autorinnen wie für viele buchstabengetreue Fans zunächst einmal der natürliche Feind. Und Filme ohnehin eher ein notwendiges Übel als eine genuine Kunstform. So sind vor allem die ersten beiden Harry-Potter-Adaptionen, die Regisseur Chris Columbus (bekannt durch die Home-Alone-Filme) 2001 und 2002 verantwortete, nicht viel mehr als treue Umsetzungen der Buchvorlage, mit spielerischer Lust an Märchenelementen wie Besenreiten, Eulenpost, Laternenausknipsern, Verwandlungskünsten und humorvollen Schulstreichen. Harry Potter lernt das Leben in Hogwarts kennen, vergnügt sich mit Zaubertricks und Quidditch-Turnieren, leidet unter dem bösen Severus Snape und genießt das Wohlwollen des Schulleiters Albus Dumbledore. Etabliert wird in den ersten beiden Filmen vor allem das engagiert agierende jugendliche Darstellerteam um Daniel Radcliffe, Rupert Grint und Emma Watson, deren Heranwachsen der Filmzuschauer in den folgenden zehn Jahren quasi live verfolgen kann.

DARK AND DARKER

Ab Harry Potter and the Prisoner of Azkaban jedoch wandelt sich das Bild. Der dritte Film emanzipiert sich von der Buchvorlage, die Regisseure von der kontrollwütigen Autorin. In dem Maße, in dem die „Harry-Potter“-Geschichte von einer Internatsgeschichte zur Fantasy-Vision des Kampfes zwischen Gut und Böse wird, gewinnen die Potter-Filme an Eigengewicht. Der Mexikaner Alfonso Cuarón setzt mit seiner finsteren Vision einer Welt, in der die Jugendlichen auf sich selbst gestellt sind, Maßstäbe. Nicht umsonst ist die Hogwarts-Umgebung, die in den ersten Filmen noch in sommerlicher Lieblichkeit erstrahlt, nun einer kargen Gebirgslandschaft in Dauerregen und Schnee gewichen. Guillermo del Toro, der am Ende wegen anderer Filmprojekte wie der Verfilmung von Hellboy 2 und Tolkiens „Kleinem Hobbit“, absagte, wäre auf diesem verheißungsvollen Weg sicher fortgeschritten. Aber auch Mike Newell und David Yates, die die darauffolgenden Filme verantworten, betonen die düs-teren Seiten und entwickeln die Filme konsequent in Richtung Fantasy- und Horrorfilm, mit Parallelen zu Brazil, Star Wars und The Lord of the Rings.

Besonders Peter Jacksons Tolkien-Trilogie ist für die Neunziger, was „Harry Potter“ für das darauf folgende Jahrzehnt werden sollte. Die Parallelen sind unübersehbar: Das beginnt mit der Figur eines überforderten Jugendlichen, der beim Kampf gegen das Böse nur auf wenige Freunde zählen kann, und endet mit einem spektakulären Endkampf zwischen Gut und Böse. Elijah Wood, der Darsteller des Frodo Beutlin, war nach den Lord-of the-Rings-Filmen genauso ein Star wie Daniel Radcliffe als Harry Potter. Gary Oldman als langhaariger, tragischer Held Sirius Black erinnert an Viggo Mortensens Aragorn, Michael Gambon als weiser Schulleiter Dumbledore an Ian McKellens Gandalf, den weisen Zauberer. Auf die erstaunliche Nähe der Verzweiflung bringenden Dementoren mit Tolkiens Ringgeistern ist häufig hingewiesen worden. Aber auch eine Figur wie der bösartige Hauself Kreacher hat durchaus Ähnlichkeiten mit Tolkiens tragisch-böser Gegenfigur Gollum.

WAS BLEIBT VON HP?

Am Ende der Reihe ist Harry Potter gerettet und erwachsen geworden. Aber ist es das Kino auch? Nicht nur der jugendliche Protagonist muss sich im Verlauf der Geschichte immer höheren Herausforderungen stellen, auch das Kino steht vor neuen Aufgaben. Es geht nicht mehr nur darum, Drachen, Riesen und Monster, wandernde Häuser, fliegende Autos und Massenschlachtszenen überzeugend zu animieren. Die Harry-Potter-Filme sind in eine Zeit gefallen, in der das Kino mehr denn je mit der technischen Entwicklung des Heimkinos, aber auch der Entwicklung von Computer- und Videospiel konkurriert. Die Verfilmung von „Harry Potter“ ist unversehens zum Testfall geworden für die Überlebensfähigkeit des Kinos.

Was also wird bleiben von „Harry Potter“? „Hedwig’s Theme“, die ohrwurmverdächtige Eingangsmelodie des später geschassten Komponisten John Williams. Spektakuläre Settings wie der nur von Kerzen erhellte Saal der Zauberschule Hogwarts, die beweglichen Treppenhäuser und die langen, oft an Kreuzgänge erinnernden Flure. Das unterirdische Ministerium für Magie mit seiner gigantischen Eingangshalle. Das spießige Mittelklasse-Haus der Dursleys in einem Londoner Vorort, in dem Harry seine Kindheit verbringt, Sirius Blacks düsterer Wohnsitz in London und Hagrids Hütte am Fuße der Burg Hogwarts. Bleiben werden auch furiose Eingangsszenen wie die nächtliche Busfahrt mit dem „Fahrenden Ritter“ durch Londons Verkehr oder die Zerstörung der Londoner Millennium-Bridge. Und es bleiben liebenswerte Einfälle wie das Lauscherohr, mit dem so gerne Hermiones Katze spielt.

Doch gemessen werden wird die Verfilmung des „Harry Potter“-Stoffs, der so eindringlich von Verwandlungen und Transformationen spricht, an der Güte seiner Tricks. Wie wird ein Mensch zur Schlange oder zum Hund? Wie sieht es aus, wenn die Dementoren ihren Opfern alles Glück aussaugen? Wie verwandelt sich Lord Voldemort wieder zurück ins Leben? Und wie sieht es aus, wenn ein Zauberer an einer Stelle verschwindet und an einer anderen wieder auftaucht? Hier kämpfen die Filme bis zum Schluss vergeblich um eine angemessene Visualisierung. Das Zaubererduell am Ende von „Harry Potter and the Order of the Phoenix“ war 2007 ein erster Testlauf der 3D-Technik. Doch dass „Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 1“ 2010 zwar vollständig in 3D gedreht, doch von den Produzenten am Ende doch nur in 2D herausgebracht wurde, verrät einiges über die Tücken der Technik.

ZEUGNISSE DER ZWISCHENZEIT

Schon Joanne K. Rowling, die so wunderbar komplexe Charaktere geschaffen hat, hatte zunehmend Mühe, die mobilisierten Massen im Showdown überzeugend zu arrangieren. Auch in den Filmen sind es nicht so sehr die Schlachtenszenen, die in Erinnerung bleiben werden, sondern die Darsteller, die oft in wenigen Auftritten denkwürdige Charakterporträts schaffen. Mit ihrer Forderung, dass nur britische Schauspieler bei der Besetzung berücksichtigt werden, hat Joanne K. Rowling den Filmen einen großartigen Dienst erwiesen. Sie hat bewirkt, dass ein Gastauftritt in Harry Potter zur Ehrensache für jeden Schauspieler geworden ist. Und sie geben ihr Bestes: Kenneth Branagh als eitler Zauberlehrer Gilderoy Lockhart und Imelda Staunton als spießige Dolores Umbridge, die ein Terrorregime in Hogwarts errichtet. Emma Thompson als zerstreute Wahrsagerin Sibyll Trelawney und Maggie Smith als gestrenge Lehrerin Minerva McGonagall. Alan Rickman als Severus Snape, Harrys verhasster Lehrer für Zaubertränke, und natürlich Ralph Fiennes als schlangengesichtiger Lord Voldemort. Sie alle aber werden an die Wand gespielt von einer Newcomerin: Emma Watson, Harrys Freundin Hermione, die sich im fünften Band vom hässlichen Entlein zum Schwan entpuppt, ist mit ihrem Charme und ihrem Temperament der eigentliche Star. Daniel Radcliffe und Rupert Grint, die als süße Elfjährige starten, müssen hingegen besonders in HP4 und HP5 schwer mit der Pubertät kämpfen und mausern sich bis zum Schluss nicht ganz zu überzeugenden erwachsenen Helden.

Überhaupt, die Pubertät: ein Schicksal, dass die „Harry-Potter“-Filme insgesamt teilen, die technisch durchwegs mit Problemen kämpfen und damit Zeugnisse einer Zwischenzeit sind. Dass sie am Ende weniger mit Tricktechnik gepunktet haben, sondern mit den analogen Stärken guter Schauspieler und eines reifen Plots, ist wahrscheinlich ganz im Sinne der traditionsbewussten Autorin. Schon möglich, dass wir das Kino aus den Zeiten von Harry Potter einst genauso liebevoll schützen und pflegen werden wie Joanne K. Rowling ihre Folianten und Bibliotheken.