Roland Emmerich – Midway

Midway | Interview

Ich bin mein eigenes Studio

| Dieter Oßwald |
Roland Emmerich im Gespräch über „Midway“, sein Verhältnis zum Geld, über schlechte eigene Filme und die Entwicklung der Filmindustrie.

Herr Emmerich, nach dem Bayrischen Filmpreis, dem Carl-Laemmle-Preis und dem Tribute Award beim Filmfest Zürich – ist der Preisregen eine späte Genugtuung für die vielen Verrisse?
Roland Emmerich:
Ach, das ist okay. Darüber mache ich mir nicht viele Gedanken. Ich halte nicht gerne Reden und bei Preisverleihungen muss man immer Reden halten. Die Preise sind schön für meine Mutter! (Lacht.)

Mit „The Day After Tomorrow“ haben Sie schon vor 15 Jahren einen Hollywood-Film über den Klimawandel gemacht. Wie fühlen Sie sich heute in Zeiten von Greta und „Fridays for Future“?
Roland Emmerich: Diese Entwicklung habe ich vorausgesehen. Und damals hat sich jeder lustig gemacht über mich. Gleichwohl haben viele Leute den Film gesehen, das war kein völliger Flop mit einem Einspielergebnis von 500 Millionen Dollar. Es gab Momente, wo man dachte, jetzt erwacht bei den Menschen ein Umweltbewusstsein – aber das ist eben nicht passiert. Mich persönlich ärgert, dass Trump den Klimawandel bestreitet und alles rückgängig machen will, was erreicht worden ist. Mittlerweile sind die Chinesen die Umweltschützer, weil die natürlich wissen, dass es so nicht weitergeht. Es ist eine völlig verrückte Welt. Ich bin relativ pessimistisch bei diesem Thema. Der Lichtblick ist Greta und die „Fridays for Future“-Bewegung. Wenn Kinder weltweit auf den Straßen demonstrieren, muss sich doch jeder Politiker miserabel fühlen. Und Trump ist hoffentlich bald weg.

Wie politisch verstehen Sie Ihren Kriegsfilm „Midway“?
Roland Emmerich: Meine kreativen Leute und ich fragen uns vor jedem Projekt: Passt der Film in unsere Zeit? Behandelt er ein aktuelles Thema? Bei Midway dachten wir, es könnte eine ganz gute Erinnerung daran sein, dass Amerika nicht der Superheld war, sondern der Underdog. Dennoch sind sie in eine Schlacht gezogen, um die Demokratie zu verteidigen. Der Film zeigt, wie ganz normale junge Menschen in den Krieg ziehen. Manche haben Angst, andere nicht. Einige sind die Anführer, andere nicht. Zugleich zeigen wir die Japaner, denen es genauso ging. Mir war sehr wichtig, dass auch die Gegner ein Gesicht bekommen. Deswegen gibt es am Ende auch keinen großen Jubel, sondern ein Nachdenken auf beiden Seiten.

Luftschlachten gehören zu den beeindruckendsten Szenen im Kino. Welcher Film hat Sie besonders inspiriert?
Roland Emmerich: Mich hat Battle of Britain von 1969 mit Michael Caine sehr beeindruckt. Die dortigen Flugsequenzen sehen absolut stark aus.

Wie plant man die Choreografie für eine Luftschlacht?
Roland Emmerich:
Die Choreografie ist ein sehr langer Prozess, der mit einem Storyboard beginnt. Dann dreht man die sogenannten „Previews“, die wieder geändert und neu gedreht werden. Es ist ein ziemlich schwieriges Unternehmen, sich das alles richtig vorzustellen. Man muss sich auf seine visuellen Qualitäten verlassen, sonst funktioniert das nicht.

Wie teuer war das Werk am Ende?
Insgesamt hat Midway 98 Millionen Dollar gekostet, aber nur 78 Millionen Dollar mussten wir ausgeben. Möglich wurde das durch Steuervergünstigungen. In Hawaii bekamen wir 25 Prozent, von Kanada gab es ein Drittel der Ausgaben zurück. Bei den Visual Effects lag die Quote sogar bei 40 Prozent.

Wie behält man bei solchen Summen noch den Überblick? Wo liegt der Unterschied zwischen 60 und 80 Millionen?
Roland Emmerich: Entscheidend ist die Anzahl der visuellen Effekte. Und wie viele Sets man bauen muss. Wobei man hier durchaus sparen kann: Die Kulissen für die Innenaufnahmen der Amerikaner haben wir einfach umgebaut und neu gestrichen, schon hatten wir damit die Innenräume für die Japaner.

Würde man Ihnen 300 Millionen Dollar geben, wie sähe der Film dann aus?
Roland Emmerich: Das würde ich gar nicht akzeptieren. Wer will einen Film für 300 Millionen machen? Das Ergebnis würde nicht perfekter aussehen, 100 Millionen gehen da einfach in den Papierkorb.

Während Sie früher vom großen Studio den großen Scheck bekamen, mussten Sie für „Midway“ Klinken putzen und überall das Geld für die Finanzierung einsammeln. Ist das der neue Trend der Traumfabrik?
Roland Emmerich: Klar, du musst dich ständig verändern. Nur weil Hollywood mittlerweile nur noch Superheldenfilme und Star Wars macht, kann ich doch nicht aufhören, Filme zu machen. Sich zu ändern ist ja auch nicht so schlecht, jetzt bin ich mein eigenes Studio. Ich konnte alles machen, was ich wollte – bis hin zur Besetzung. Bei Vorverkäufen muss ich keinen Film machen, wo mir ein Schauspieler vorgeschrieben wird. Ich habe einen Namen in der Welt, das kann ich jetzt ausnutzen.

Bei Ihrem nächsten Projekt „Moonfall“ legen Sie beim Budget noch ein bisschen was drauf …
Roland Emmerich: Moonfall wird 135 Millionen Dollar kosten, weil der mehr und kompliziertere Visual Effects haben wird. Dieses Geld haben wir international eingesammelt. Das hat funktioniert, weil wir den Investoren Midway zeigen konnten. Ein Studio brauchen wir allerdings immer, weil der Film ja mit viel Werbung ins Kino gebracht werden muss.

Dann gibt es ja auch noch ein kleines Projekt von Ihnen namens „Shooting Star“.
Roland Emmerich: Shooting Star wird ein kleiner Film, der um die 25 bis 30 Millionen Dollar kosten wird. Er spielt in der Stummfilmzeit und wird sehr romantisch und komödiantisch. Das Drehbuch habe ich schon seit 20 Jahren und jetzt nochmals überarbeitet. Mir ist aufgefallen, dass damals in Hollywood fast nur Frauen die Drehbücher geschrieben haben. Ein Typ vom Land möchte Autor werden. Er gewinnt einen Wettbewerb und muss nun seine Identität ändern. Und zwei verrückte Stars wollen das Ende nicht drehen.

Fällt solch ein Projekt nicht entspannter aus als ein Film, der dreimal so teuer ist?
Roland Emmerich: Entspannung gibt es bei Filmen nicht. Die Frage ist immer, wie schnell kann ich einen Film drehen.

Früher gingen Sie bei einem Filmstart nach Mexiko, um dort den Zahlen vom Startwochenende entgegenzufiebern, machen Sie das noch immer?
Roland Emmerich: Das mache ich diesmal auch. Wenn man so hart an einem Film gearbeitet hat, wünscht man natürlich, dass er erfolgreich ist. Manchmal passiert das, und ein anderes Mal ist man eben nicht so erfolgreich.

Welchen Stellenwert hat die sexuelle Orientierung im Filmgeschäft anno 2019? Bedeutet für Schauspieler das Coming- out noch einen Karriere-Knick?
Roland Emmerich:
Luke Evans ist offen homosexuell, sieht gut aus und bekommt noch immer gute Rollen. Das wird man langsam immer mehr sehen.

Wie werden sich die Gewichte in Hollywood verschieben: 20th Century Fox wurde von Disney übernommen. Jedes Studio scheint nur noch auf Superhelden zu setzen.
Roland Emmerich: Diese Tendenz ist da: Es gibt Streaming und Disney, das ist mehr oder weniger unsere Welt geworden. Netflix wird total in Schwierigkeiten kommen, wenn Disney + an den Start geht. Dort wurde ja schon verkündet, dass man für 7,99 Dollar alles sehen kann, was Disney je gemacht hat – wie kann Netflix dagegen antreten, die doppelt so viel verlangen?

Was bedeutet das für die Filmkultur?
Roland Emmerich: Ich beklage mich ständig darüber! Wenn keiner mehr originale Filme drehen will, ist das einfach schlecht fürs Filmemachen. Es gibt Chris Nolan, der kann machen, was er will. Auch bei Spielberg ist das so. Aber das war’s dann auch schon. Selbst James Cameron macht nur noch Fortsetzungen. Das wird dann zwar einfacher, wäre für mich aber viel zu langweilig.

Mit welchen Gefühlen sehen Sie heute „Das Arche Noah Prinzip“ an?
Roland Emmerich: Am liebsten gar nicht! (Lacht.) Der Film ist einfach zu schlecht. Wenn ich mir meine eigenen Filme von vor sieben, acht Jahren anschaue, kommt mir das Grausen. Die Visual Effects haben sich inzwischen so viel weiterentwickelt. Ich weiß noch ganz genau, wie wir beim Arche Noah Prinzip nur noch Monitore abgefilmt hatten. Das war einfach nichts.

Gibt es eine beste Roland-Emmerich-Szene in all Ihren Filme?
Roland Emmerich: Meine liebste Szene, die ich jemals gedreht habe, ist in Anonymus mit Mark Rylance. Zehn Minuten vor seinem Auftritt als Henry V sagte ich ihm, dass im Publikum keiner ein Wort Englisch verstünde. Er war kurz verblüfft, stellte dann aber alles um und spielte nur noch mit seinem Körper. Es war faszinierend, wie das Publikum darauf reagierte und wie er diese 300 Statisten völlig in der Hand hatte. Unser Kameramann war gleichfalls begeistert und folgte Mark einfach auf die Bühne.   

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zum Geld? Hatten Sie als Schwabe je einen Bausparvertrag?
Roland Emmerich: Nein. Ich bin ein völliger Geldverschwender. Alle sagen immer: Du gibst Geld aus, als gäbe es kein Morgen. Dann antworte ich: Ich habe doch viel, weshalb soll ich es sparen?

Wie viel haben Sie für Ihre Armband-Uhr ausgegeben?
Roland Emmerich: Das ist eine TAG Heuer Monaco, die mir einfach gefallen hat. Die Uhr ist von 1964 und wurde für Steve McQueen in Le Mans entworfen. Für 2.800 Dollar fand ich sie damals ziemlich erschwinglich.

Haben Sie eigentlich jemals überlegt, zurück ins Schwabenland zu kommen?
Roland Emmerich: Nach 30 Jahren in Amerika habe ich mich dort eingelebt. Inzwischen habe ich mein halbes Leben dort verbracht. Wobei ich viel unterwegs bin, oft in Montréal. Ich habe zudem ein Haus in London und ein altes Boot in Griechenland, das ich vor zwölf Jahren gekauft und komplett restauriert habe. Das kostet ein Heidengeld – aber ist ziemlich cool.

Was vermissen Sie an der alten Heimat am meisten?
Roland Emmerich: Meine Mutter vermisse ich oft. Die ist jetzt 92 Jahre alt, und ich versuche sie zu überzeugen, sich ein neues Hüftgelenk einsetzen zu lassen – was ihr das Leben sehr erleichtern würde.

Schaut Sie sich Ihre Filme an?
Roland Emmerich: Ja, aber sie findet sie meist zu laut. „Da knallt’s ja nur“, sagt sie oft. (Lacht.) Wobei sie eigentlich ein Hörgerät haben sollte – aber das will sie ja auch nicht!

Welche Rolle spielt Lautstärke in einem Action-Spektakel?
Roland Emmerich: Man muss schon sehr aufpassen, dass man einen Film nicht zu laut macht. Es braucht eine Dynamik zwischen Leise und Laut.

Was ist der größte Fehler in einem Action-Film?
Roland Emmerich: Keine guten Charaktere zu haben! Aber das ist nicht so einfach. Sonst gäbe es ja nur gute Filme.