Terrence Malick porträtiert in seinem großartigen „A Hidden Life“ einen heroischen Österreicher.
Das Grauen manifestiert sich zuerst eher unauffällig in der Gestalt eines eigentlich harmlosen Briefträgers. Doch wenn der auf seinem Fahrrad durch das kleine oberösterreichische Dörfchen St. Radegund fährt, um die Post zuzustellen, erstarren Franz Jägerstätter (August Diehl) und seine Frau Franziska (Valerie Pachner im Interview), die von allen Fani genannt wird, geradezu. Denn es droht die Zustellung jenes Schreibens, das Jägerstätters Einberufung in Hitlers Wehrmacht verkündet. Doch im Gegensatz zu vielen anderen, die „nur ihre Pflicht erfüllten“ – um einen mittlerweile berühmt-berüchtigten Satz aus dem österreichischen Präsidentschaftswahlkampf 1986 zu zitieren –, hatte Franz Jägerstätter längst die Entscheidung getroffen, sich diesem Dienst zu verweigern. Und die Jägerstätters wissen genau, dass eine solche Weigerung unter der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten einen hohen Preis fordern wird.
Jedes Mal lässt das routinemäßige Auftauchen des Briefträgers Franz und Fanni erschauern, ein Sinnbild, wie der Schrecken eines Unrechtsstaats das Leben jedes einzelnen seiner Bürger erfasst. Und geradezu spürbar wird die Erleichterung, wenn der Postbedienstete am Anwesen der Jägerstätters vorbei fährt – wieder ein Tag gewonnen, wieder ein Stückchen Normalität zumindest zeitlich begrenzt gerettet. Als besagtes Schreiben schließlich doch eintrifft, wird die kleine, irreale Hoffnung, die direkte Konfrontation mit dem Regime irgendwie vermeiden zu können, endgültig zunichte gemacht. Dass Franz Jägerstätter dieser Konfrontation nicht aus dem Weg ging, macht deutlich, dass der einfache Bauer aus St. Radegund ein bemerkenswert mutiger Mann war, der den verbrecherischen Charakter von Hitlers „Drittem Reich“ bereits zu einem Zeitpunkt erkannte, als viele dem „Führer“ noch kräftig zujubelten – anhand der Bewohner von St. Radegund wird dies in A Hidden Life wie unter einem Brennspiegel sichtbar – und bedingungslos folgten. Für Jägerstätter, einen tief gläubigen Katholiken, war es mit seinem Gewissen unvereinbar, in der Armee eines solchen Regimes zu dienen und damit weiteres Unrecht schlimmsten Zuschnitts zu unterstützen. Unbeirrbar folgte er seiner Überzeugung, obschon er sich von Anfang an der furchtbaren Konsequenzen dieser Entscheidung bewusst war.
Terrence Malick, der große Solitär des Weltkinos, hat sich mit seiner neuen Regiearbeit der Geschichte dieses mutigen Wegs angenommen – und angesichts Malicks Status als ebenso ausgeprägter wie eigenwilliger Auteur erscheint es zunächst wenig überraschend, dass A Hidden Life kein Biopic konventionellen Zuschnitts geworden ist. Wobei Terrence Malicks einzigartige Position vermutlich ebenso aus seinem Œuvre resultiert wie aus seiner Biografie. Bereits mit seinem Langfilmdebüt Badlands (1973) zählte Malick zu den aufregendsten Regisseuren des US-amerikanischen Kinos, was in jener Dekade, die in der Folge der Umbrüche von New Hollywood reich an höchst talentierten Filmemachern war, eine bemerkenswerte Leistung war. Doch nach seinem nächsten Film Days of Heaven (1978) zog er sich nahezu vollständig für zwei Jahrzehnte aus dem Filmgeschäft und der Öffentlichkeit – sein Erscheinen bei der Viennale 1993 war eine der raren Ausnahmen – zurück. Wie er diese Zeit genau verbracht hat, zählt immer noch zu den großen Mysterien der Filmgeschichte. Mindestens ebenso überraschend wie spektakulär war Malicks Rückkehr 1998 – Interviews und öffentliche Auftritte verweigert er allerdings bis zum heutigen Tag konsequent – mit The Thin Red Line. Im Mittelpunkt der Adaption des gleichnamigen Romans von James Jones steht die verlustreiche Schlacht um Guadalcanal 1942-43 im Verlauf des Pazifikkriegs. Mit The Thin Red Line etablierte Malick auch deutlich einige jener Elemente, die den ganz individuellen Stil und damit die singuläre Form seiner Filme entscheidend prägen. Mittels extensiver, aus dem Off gesprochener Monologe und assoziativer Bilder distanzieren sich seine Inszenierungen von stringenten Erzählstrategien konventioneller Art. Vielmehr generiert Malick eine filmische Form des Stream-of-Consciousness, die eine intensive Sogwirkung zu entfalten versteht.
Eine zentrale Rolle nimmt in nahezu allen Arbeiten Malicks die Natur ein. Immer wieder wird etwa in The Thin Red Line in langen Einstellungen die beeindruckende Landschaft der Pazifik-insel den Schlachtensequenzen gegenübergestellt, um den Kontrast zwischen der Schönheit der Natur und dem Irrsinn des Krieges zu verdeutlichen. Der Gegensatz zwischen der Natur in ihrer perfekten Harmonie und den Verwerfungen, die aufgrund des menschlichen Faktors mit der Zivilisation einhergehen – die Bandbreite reicht in Malicks Filmen vom Kriegswahnsinn bis hin zu familiären Konflikten zwischenmenschlicher Natur –, ist ein bestimmendes Motiv seines Œuvres. Dass er dieses Spannungsfeld zunehmend mit einer spirituell-metaphysischen Komponente verband, macht Malicks Arbeiten mit ihrem unverwechselbaren assoziativen Erzählfluss zu einer Art meditativen Erfahrung, die im gegenwärtigen Kino ziemlich einzigartig ist. Das trug Terrence Malick im Fall von The Tree of Life (2011) zwar die Goldene Palme in Cannes, doch auch den einen oder anderen Zweifel an der Schlüssigkeit manch seiner Arbeiten wie To the Wonder oder Knight of Cups ein.
Von derartigen Bedenken kann bei A Hidden Life jedenfalls keine Rede sein. Hier wird die Betonung der Harmonie, die von der Natur – Malick und sein Kameramann Jörg Widmer finden dafür überwältigende Bilder – ausgeht, zu jenem Faktor, der das Leben der Familie Jägerstätter als Bauern determiniert. Ein Leben, das als solches rundherum glücklich und harmonisch sein könnte, würde nicht die Politik in Gestalt des Faschismus über die Jägerstätters, wie auch über weite Teile Europas und in Folge die Welt, hereinbrechen. Die Festigkeit, mit der Franz Jägerstätter bei seiner Entscheidung bleibt, den Wehrdienst zu verweigern, beruht neben seinem Glauben auch auf seiner buchstäblichen Erdverbundenheit, die sein bäuerliches Leben mit sich bringt.
Die Briefe, die sich Franz und Franziska schreiben, als er nach seiner Verweigerung in Haft genommen wird, bilden dabei den überwiegenden Teil der Voice-over-Texte und verdeutlichen sowohl die tiefe Überzeugung Jägerstätters, aber auch, wie schwer ihm diese Entscheidung, mit der er seine Frau und die drei kleinen Töchter allein zurücklassen muss, fällt. „Du kannst nicht gegen die Welt kämpfen, die Welt ist stärker“, sagt Franziska zu ihrem Mann, in dem Wissen, dass er sein Leben aufs Spiel setzt. Und doch wird sie ihn schlussendlich unterstützen, weil sie erkennt, dass es für ihn aus seiner Existenz heraus keine andere Entscheidung – an deren Ende Jägerstätters Hinrichtung am 9. August 1943 steht – geben kann. August Diehl und Valerie Pachner bringen mit ihrem beeindruckend intensiven, aber stets unprätentiösen Spiel den schweren Weg der Jägerstätters ebenso präzise wie berührend nahe.
Ein Weg, der in Österreich selbst lange Jahre wenig Beachtung fand. Zwar thematisierte Axel Corti 1971 mit seinem semi-dokumentarisch anmutenden Fernsehfilm Der Fall Jägerstätter die Geschichte, doch Interviewsequenzen mit Bewohnern von St. Radegund, die Jägerstätter noch persönlich gekannt hatten, machen deutlich, dass seine Entscheidung eher ambivalent betrachtet wurde. Und noch 2018 brauchte es tagelange öffentliche Kritik, um die geplante Bestellung von Hubert Keyl zum Bundesverwaltungsrichter gerade noch zu verhindern. Hatte Keyl doch angesichts der bevorstehenden Seligsprechung Franz Jägerstätters 2007 geschrieben, „wer den Dienst in der Wehrmacht verweigert habe, ist ein Verräter, und Verräter soll man verurteilen und nicht seligsprechen“. In A Hidden Life wird Franz Jägerstätter von einem der Nazi-Schergen damit abgekanzelt, dass seine Weigerung völlig sinnlos sei, weil ohnehin niemand davon erfahren würde – eine Behauptung, die glücklicherweise falscher nicht sein konnte.
Ausgabe | 03/2006
Things to Look Into
Über das Fließen des Wassers, den Flug des Vogels und den Zauberstab in der Hand: Anmerkungen zum filmischen Universum des Terrence Malick.
