Valerie Pachner – Hidden Life

A Hidden Life | Interview

Wie Brotbacken

| Jörg Schiffauer |
Valerie Pachner im Gespräch über die Arbeit mit Terrence Malick und über den Verlauf ihrer Karriere.

Valerie Pachner studierte am Max Reinhardt Seminar, gleich anschließend wurde sie von Martin Kušej als Ensemblemitglied an das Residenztheater München geholt. Parallel zu ihrer Bühnenarbeit spielte sie einige bemerkenswerte Filmrollen und etablierte sich innerhalb weniger Jahre als eine der spannendsten Darstellerinnen des österreichischen – und mittlerweile des internationalen – Films. Nach einer kleineren Rolle in Elisabeth Scharangs Jack beeindruckte Valerie Pachner in Dieter Berners Egon Schiele: Tod und Mädchen ebenso wie in dem österreichischen Beitrag zum Berlinale-Wettbewerb 2019, Der Boden unter den Füßen von Marie Kreutzer. Kürzlich war sie in der zu Recht  hoch gelobten Fernsehserie über die Gründungsjahre des Bauhaus, Die Neue Zeit  (Regie: Lars Kraume), zu sehen. Ihre bislang größte Rolle spielte sie jedoch bereits 2016 in Terrence Malicks A Hidden Life, in dem sie Franziska Jägerstätter verkörpert. Valerie Pachner über die einzigartige Arbeitsweise Malicks und über die Anfänge ihrer Karriere.

Wie kam es zu Ihrer Rolle in „A Hidden Life“?
Valerie Pachner: Das begann schon vor über vier Jahren, im Juli 2015, da war ich seit zwei Jahren am Residenztheater in München. Zu dem Zeitpunkt habe ich noch gar nicht daran gedacht, Filme zu machen, schon gar nicht internationale Produktionen. Dann bekam ich den Anruf einer Casterin aus Berlin, die mich in einem Kurzfilm gesehen hatte: Ob ich zu einem Casting für den nächsten Film von Terrence Malick kommen wolle? Das war’s, mehr habe ich über den Film nicht erfahren, ich hatte auch nichts zum Vorbereiten. Was ich dann zur Vorbereitung gemacht habe, war, mir Tree of Life anzusehen. Ich habe damals gerade am Theater geprobt und hatte eine neue Wohnung, wo noch kein Internetanschluss war, also bin ich nach der Probe zu einem McDonald’s gegangen und habe dort Tree of Life gestreamt. Beim Casting musste ich einen der Briefe von Franziska Jägerstätter auf Englisch ziemlich improvisiert vortragen. Ehrlich gesagt habe ich nicht gedacht, dass das etwas wird. Ich habe mich da auch noch nicht in einer Rolle als Ehefrau und Mutter von drei Kindern gesehen. Aber drei Wochen später habe ich dann die Zusage bekommen. Terry (Malick, Anm.) selbst hat mich dann angerufen und mir gesagt, dass er mich nun besetzt habe und dass er noch einen Schauspieler für die Rolle meines Ehemanns Franz Jägerstätter suche.

Wie hat sich die Arbeit mit Terrence Malick gestaltet?
Valerie Pachner: Die ist vor allem von einer großen Freiheit geprägt, er lässt einen kreativen Prozess, das Unerwartete und das Ungeplante zu. Malick schafft Räume, in denen das passieren kann, das ist ungewöhnlich für einen Filmset. Meistens ist da alles sehr konkret geplant und sehr stressig, man muss eine Szene noch heute drehen, weil es sonst nicht mehr geht, das gab es aber alles bei A Hidden Life nicht. Man hatte das Gefühl, den ganzen Tag wahnsinnig viel Zeit zu haben, was auch an einer speziellen Arbeitsweise liegt – die Kamera ist sehr beweglich, die Verwendung von Weitwinkel-Objektiven ermöglicht, dass man sich ziemlich frei bewegen kann, man hat lange Takes, in denen man immer wieder zurückgehen und auch scheitern kann. Vor allem erlaubt aber Terry auch, dass neben dem Plan, den man hat, wenn man an so eine Geschichte herangeht, sich etwas entwickeln kann. Es gibt nämlich jenen Aspekt, dass die Geschichte, an der man arbeitet – das Kunstwerk – stärker wird als dieser Plan – und Malick lässt zu, dass so etwas passiert.

Ein spezielles Element von Malicks Filmen, das auch bei „A Hidden Life“ eine zentrale Rolle spielt, ist der Einsatz von aus dem Off gesprochenen Texten. Erfordert das eine spezielle Arbeitsweise der Schauspieler?
Valerie Pachner: Das macht eigentlich keinen Unterschied. Ich wusste beim Drehen nicht, bei welchen Sequenzen das Voice-over zum Einsatz kommen wird, das hat sich erst im Schnitt ergeben. Während des Drehs hatte man zwar die Briefe, die sich Franz Jägerstätter und Franziska geschrieben haben, im Kopf, weil die Briefe schon in der Vorbereitung sehr wichtig waren, aber man hat nicht auf das Voice-over hingespielt.

Terrence Malick gilt als geradezu mythische Figur des Weltkinos. Beeinflusst dieser Status die Zusammenarbeit?
Valerie Pachner: Das schwingt natürlich mit, das gehört auch ein wenig zu ihm, aber im persönlichen Kontakt ist das weg. Ich hatte Respekt, aber nicht diesen Legenden-Respekt, deswegen konnte ich ganz normal mit ihm arbeiten. Diese Legendenbildung hat eigentlich wenig mit seiner Persönlichkeit zu tun, die ist irgendwie über ihm, aber wenn man ihn trifft, ist er einfach ein Mensch.

Die Natur spielt bei Malick eine ganz spezielle Rolle.
Valerie Pachner: Das war auch etwas, das bei den Dreharbeiten sehr selbstverständlich passiert ist. Es wurde einem nicht auf einer übergeordneten Ebene bewusst, aus einem einfachen Grund, weil die Jägerstätters Bauern sind und logischerweise in der Natur arbeiten. Aus der Logik dieser Figuren hat sich automatisch diese Naturverbundenheit ergeben, die einerseits diese Charaktere haben, aber es spielt auch die Ebene hinein, dass der Mensch Teil der Natur, der Welt ist. Wie so vieles bei diesem Film – und das mochte ich auch sehr – wird das auf eine ganz einfache, geerdete Art und Weise deutlich. Das war auch für das Verständnis der Figuren sehr wichtig, weil ich glaube, ihre Entscheidungen haben mit einer großen Selbstverständlichkeit zu tun, mit einem Gefühl, das Richtige zu tun.

Aus dieser Selbstverständlichkeit resultiert auch die Bereitschaft, alle Konsequenzen einer solchen Entscheidung zu tragen?
Valerie Pachner: Die Essenz dieser Haltung ist nicht nur an eine solche Extremsituation gekoppelt, sie besteht darin, dass ich ganz genau spüre, was richtig ist und dem folge, kompromisslos. Das ist etwas, wozu der Mensch fähig ist, das gibt einem eine ungeheure Kraft und Unabhängigkeit. Da merkt man plötzlich, ich muss als Mensch mein Leben so gestalten, wie ich finde, dass es richtig ist. Da gehört auch dazu, dass man gewahr wird, was gerade in Welt passiert und wach ist. Manchmal wird es gewiss so ungemütlich – man hat ja die Tendenz, es sich gemütlich zu machen –, doch manchmal wird das Gewissen lauter. Dem zuzuhören und zu folgen ist aber extrem wichtig. Das macht das Menschenleben auch so einzigartig und besonders, dass wir den freien Willen haben und jeder Einzelne für sein Tun verantwortlich ist. Das ist für mich so schön in A Hidden Life. Franz Jägerstätter ist nicht der charismatische Revolutionsführer, sondern ein einfacher Mensch. Er und seine Frau waren Bauern, kein Intellektuellen. Das ist also etwas, wozu jeder fähig ist und das man sich in Erinnerung rufen sollte.

Wie weit haben Sie sich in der Vorbereitung auf die Rolle mit der realen Person Franziska Jägerstätter auseinandergesetzt?
Valerie Pachner: Es war nicht mein Anliegen, ein Porträt von dieser Frau zu machen, in dem Sinne: Wie redet sie, wie bewegt sie sich. Das war nicht möglich, weil es ja keine Aufnahmen von ihr in dem Alter, in dem ich sie spiele, gibt. Aber natürlich hat man eine gewisse Verantwortung, wenn man eine Person spielt, die tatsächlich gelebt hat. Ich habe mir auch eine Dokumentation angeschaut, die ein Interview mit der 96-jährigen Franziska Jägerstätter beinhaltet. Das war sehr interessant für mich, ich hatte erwartet, eine gebrochene Frau zu sehen. Doch sie hat im Gegenteil gestrahlt. Obwohl sie ihre Geschichte erzählt hat, die so von Leid geprägt ist, hat sie den Glauben an das Gute im Leben nicht verloren – das war für mich ein sehr wichtiger Aspekt für die Rolle. Man muss aber auch wieder loslassen können von der realen Figur und sich sagen, das ist eben ein Film mit einem Gestaltungsspielraum.

Warum ist in Österreich die Bedeutung Franz Jägerstätters und seines couragierten Handelns lange Zeit nicht überall anerkannt worden?
Valerie Pachner: Das hat auch damit zu tun, wie in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg generell mit der eigenen Geschichte umgegangen wurde. Österreich hat sich ja lange als Hitlers erstes Opfer gefühlt, da ist man nicht offen mit dem Thema umgegangen. Das ist eine Art von Unklarheit, die dann so schwelt und weitere Kreise zieht. Wenn ein Mensch oder eine Nation ein Trauma erlebt, dann muss man dem ins Gesicht schauen und sagen: „So war es.“ Wenn man das nicht macht, dann zieht sich das dahin, das war ein Problem der jüngeren österreichischen Geschichte.

Die Dreharbeiten zu „A Hidden Life“ fanden ja bereits im Sommer 2016 statt. Warum hat es so lange bis zur Premiere in Cannes 2019 gedauert?
Valerie Pachner: Ich war zweimal in Austin, Texas, wo Terrence Malick lebt und der Film auch geschnitten wurde und habe gesehen, wie der Schnittprozess funktioniert. Das war einfach anders als bei jeder anderen Montage. Es gab sehr viel Material, das wurde nicht linear bearbeitet. Man kann es vielleicht ein wenig mit Brotbacken vergleichen – das Material wurde gleichsam immer wieder durchgeknetet, liegengelassen, dann wurde wieder etwas hinzugefügt, ein ständiger Prozess …  Ähnlich hat es sich mit dem Voice-over verhalten, wir gingen alle drei, vier Monate ins Studio und haben etwa drei Stunden Text aufgenommen, wovon manchmal gerade ein Satz verwendet wurde. Der Prozess nach dem Dreh hat quasi auch die Arbeitsweise bei den Dreharbeiten widergespiegelt: Man hat etwas vor, es gibt die Idee, aber dann lässt man die Geschichte auch selbst sprechen, da ist Terry sehr intuitiv und will diesen Prozess auch so haben, deswegen dauert es auch so lange. A Hidden Life hätte auch schon früher fertig sein können, doch das wäre ein anderer Film gewesen. Dann kommt etwa die Musik hinzu, dann ändert sich wieder alles, ein Satz muss hinaus oder kommt dazu, ein assoziatives Bild vom Fluss wird ergänzt … Das ist ein ganz eigener kreativer Prozess, der einfach Zeit braucht.

Es wurde in englischer Sprache gedreht, manchmal finden sich aber dazwischen deutsche Sätze. War das auch Teil dieses Prozesses?
Valerie Pachner: Die Sprache war Englisch, aber dazwischen hat Terry manchmal gemeint, wir sollten das jetzt deutsch machen, es wurde dann ausgewählt, was besser gepasst hat. Es wurde dabei auch improvisiert, weil etwa die Kinder, die mitgespielt haben, kein Englisch konnten, da sind während des Drehs die Grenzen zwischen den Sprachen verschwommen. Ich habe gemerkt, dass es gar nicht so wichtig ist, welche Sprache gesprochen wird, es geht ja mehr darum, was passiert. Ich mochte das auch, weil es die Geschichte auch universeller erscheinen lässt.

„A Hidden Life“ wurde ja auch den drei Töchtern der Jägerstätters gezeigt. Wie waren deren Reaktionen auf die Darstellung ihrer Eltern?
Valerie Pachner: Sie waren sehr berührt, haben uns versichert, dass ihnen der Film gefällt und gleichsam das Okay gegeben, was uns sehr wichtig war.

Der Beginn Ihrer Karriere verlief durchaus ungewöhnlich. Sie sind ja vor Ihrer Schauspielausbildung erst einmal für ein Jahr nach Honduras gegangen … 
Valerie Pachner: Ich hatte nie die Idee, Schauspielerin werden zu müssen. Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen, es gab da eher das Gefühl, ich muss da weg. Schauspielen war dann eine Möglichkeit, andere Leute kennen zu lernen, neue Dinge zu erleben. Ich bin dann aber erst einmal weg und nach Honduras gegangen. Dieses Jahr hat mich sehr geprägt, ich habe das Gefühl gehabt, die Welt verändern zu müssen. Ich habe zunächst Internationale Entwicklung und Germanistik studiert, habe dann aber gemerkt, dass mich die Schauspielerei nicht loslässt. Die Aufnahmsprüfung am Reinhardt-Seminar habe ich zunächst nur gemacht, damit ich später nicht bereue, es nicht probiert zu haben. Ich bin aber aufgenommen worden und dachte, dann probiere ich es einmal. Ich wollte eigentlich zunächst nur die Erfahrungen einer Schauspielschule machen, habe auch lange damit gehadert, weil es schwierig war, das für mich zu vereinbaren. Schauspielen war etwas, das außerhalb von mir selbst stand. Das hat Jahre gedauert. Selbst auf der Schauspielschule war ich noch nicht überzeugt, dass ich Schauspielerin werden wollte. Erst als ich das schon beruflich gemacht habe, dachte ich: „Jetzt bin ich’s wohl geworden.“

Dann kam ja bald das Engagement am Residenztheater München bei Martin Kušej.
Valerie Pachner: Das war unmittelbar nach der Schauspielschule, an Film hatte ich da noch überhaupt nicht gedacht, das ist dann so passiert, das hat mich gefunden. Am Reinhardt-Seminar gab es ja damals auch kaum Filmunterricht, das Spielen ist ja etwas anderes als auf der Bühne. Ensemblemitglied zu sein, war zeitlich einfach nicht mehr vereinbar, ich wollte dem Film mehr Raum geben. Das war aber kein Abschied vom Theater. Jetzt brauche ich einfach die Zeit für Filmprojekte, habe aber das Gefühl, ich möchte der Bühne auch wieder einmal neu begegnen.