Drama über die Folgen des Selbstoptimierungswahns
Für die meisten Menschen ist ein 48-Stunden-Tag ein Albtraum. Für Lola (Valerie Pachner) und ihre Kolleginnen und Kollegen hingegen ist es ein Ritterschlag. Denn nur die richtig harten Unternehmensberater schaffen es, über einen so langen Zeitraum konzentriert zu arbeiten. So wie Lola, deren größter Lebensinhalt die Arbeit ist, und die alles dafür geben würde, um auf der Karriereleiter möglichst schnell hochzuklettern. Die Einzige, die sie noch davon abhält, ihr ganzes Leben bei der Arbeit zu verbringen, ist ihre psychisch kranke Schwester Conny (Pia Hierzegger). Als diese wegen eines Selbstmordversuches in eine Klinik eingewiesen wird, beginnt plötzlich auch Lolas gut geplantes Leben aus den Fugen zu geraten.
Auf den ersten Blick weist Marie Kreutzers Der Boden unter den Füßen sehr viele Parallelen zu Maren Ades Toni Erdmann auf. Nicht nur weil beide im Unternehmensberatermilieu spielen sondern auch, weil beide Hauptdarstellerinnen versuchen, sich von den Wurzeln ihrer Herkunft zu befreien und sich über ihre Arbeit neu zu definieren. Doch nur im ersten Moment. Denn die beiden Filme unterscheiden sich allein schon in ihrer Erzählweise gravierend.
Im Gegensatz zu Maren Ade, die durch den Einbruch des Chaos in den Unternehmeralltag die Absurdität dieser Branche und deren Lebensweise bloßstellt, schlägt Marie Kreutzer einen sehr ernsten Tonfall an. Ihr geht es darum zu zeigen, wie austauschbar wir in der Welt des Kapitalismus sind, und wie das unseren Selbstwert zerstört. Denn die ständig drohende Austauschbarkeit führt dazu, dass wir, selbst wenn wir die Besten in unserem Job sind, das Gefühl haben, niemals gut genug zu sein. Weshalb wir beginnen, noch härter und noch länger als die anderen zu arbeiten. So lange bis wir zusammenbrechen, von unserem ach so loyalen Chef von heute auf morgen ersetzt werden und damit nicht nur unseres Arbeitsplatzes, sondern auch unseres Selbstwertes beraubt werden.
Auch Lola misst sich und die Menschen in ihrem Umfeld an ihrer Produktivität, auch wenn ihr das zu Beginn nicht bewusst ist. Auf welchem fragilen Untergrund das Leben aufgebaut ist, wenn man seinen Selbstwert allein aus der Anerkennung durch andere zieht, beginnt sie erst zu erkennen, als ihre perfekte Fassade zu bröckeln beginnt. Doch zu diesem Zeitpunkt ist es leider für ihre Schwester zu spät.
Ein bedrückender Film, der die Härte und Kälte der Wirtschaftswelt detailreich erzählt. Es wäre jedoch schön gewesen, wenn Marie Kreutzer für die Charakterisierung und Darstellung ihrer Figuren nicht ganz so tief in die Klischeekiste gegriffen hätte.
