Ken Loachs letzter Film … bis zum nächsten
Es könnte der letzte sein, mal wieder. Mit jedem Film, den Ken Loach auf die Leinwand bringt, muss man bangen, dass es keinen weiteren geben wird. Denn immerhin hatte der heute 83-jährige britische Regisseur bereits Jimmy’s Hall vor gut fünf Jahren zu seinem Abschiedswerk erklärt. Bis ihn 2016 erneut die Leidenschaft packte und er mit I, Daniel Blake ein weiteres Loach’sches Meisterwerk schuf, für das er in Cannes die Goldene Palme erhielt. Der studierte Jurist und einstige Trotzkist machte darin einmal mehr seinem Missmut über die sozialen Ungerechtigkeiten sowie die Kluft zwischen Arm und Reich in seiner Heimat Luft, indem er die Grausamkeiten, Konsequenzen und Absurditäten des britischen Sozialsystems am Beispiel eines ausgedienten Schreiners und einer alleinerziehenden Mutter offenlegte.
Sorry We Missed You ist zweifelsohne mit demselben Feuer entstanden, ein Film ohne Wenn und Aber, mit viel Herz und Verstand. Diesmal richtet Loach seine Aufmerksamkeit auf Familienoberhaupt Ricky, der seit der Finanzkrise auf keinen grünen Zweig mehr zu kommen scheint. In einem letzten verzweifelten Anflug von Euphorie und der Hoffnung darauf, mit harter Arbeit und genügend Einsatz seiner Frau und ihren zwei Kindern wieder ein gutes und sicheres Leben bieten zu können, heuert er als selbständiger Kurierfahrer mit Nullstundenvertrag bei einem Paketdienst an. Für den Lieferwagen, den er dazu braucht, muss seine Frau Abby ihr Auto verkaufen und zukünftig als Altenpflegerin mit dem Bus zu ihren Klienten fahren. Einfacher macht das die Sache nicht, aber im Moment müssen in Rickys Familie alle Opfer bringen, damit er den vermeintlich rettenden Sprung in die Selbständigkeit schafft. Doch das führt zwangsläufig nicht nur zu Konflikten zwischen dem Vater und seinem rebellierenden Sohn, sondern dazu, dass irgendwann alle um Ricky – und er selbst – zu viel zu schlucken haben.
Die permanente Anspannung, die Verzweiflung, der finanzielle Druck in unserer modernen Welt, all das beschreibt Loach erneut so überzeugend, dass es einem unter die Haut geht, ohne jemals aufgesetzt oder gar aufdringlich zu wirken. Der Regisseur versteht sein Handwerk, die innere Wut in formaler Beherrschtheit auszudrücken, wie kein Zweiter, ringt seinen Schauspielern, so unerfahren sie auch sein mögen, Emotionen ab, die manchem Profi auch nach jahrelangem Training nicht gelingen. Trotzdem ist Sorry We Missed You angesichts der Ähnlichkeiten zu seinem Vorgänger nicht der finale Triumph, der ihm mit I, Daniel Blake gesichert schien. Aber vielleicht geht ja doch noch einer, nur ein Film noch – auszuschließen ist es nicht.
