Sozialkritisches Kino, das direkt ist und bewegt
Manchmal muss man an Kafka denken. Kein anderer Schriftsteller hat so trefflich und bedrückend beschrieben, wie es sich anfühlt, wenn einem die Zügel des eigenen Lebens entgleiten. Wenn man plötzlich nicht mehr selbst bestimmen kann, weil fremde Menschen die Kontrolle übernommen haben, und man nur noch ohnmächtig daneben steht und alles geschehen lassen muss. Was Kafka auf so meisterliche Weise in Worte fasste, hat Ken Loach in seinem neuen Sozialdrama I, Daniel Blake, für das er dieses Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ähnlich bemerkenswert auf die Leinwand gebracht. Loach widmet sich auf eindrückliche Weise jener Urangst des Menschen, dem Verlust der Selbstkontrolle, schlimmer noch, der eigenen Würde, und legt damit erneut zielsicher den Finger in offene Wunden unserer Gesellschaft.
Im Fokus steht der verwitwete Tischler Daniel Blake (Dave Johns). Nach einem Herzinfarkt darf er seinen Beruf nicht mehr ausüben, bekommt jedoch die Invalidenrente verweigert und wird schließlich vom Arbeitsamt gezwungen, sich eine neue Anstellung zu suchen. Doch allein seine aufrichtigen Bemühungen, einen professionellen Lebenslauf zu erstellen, scheitern an Daniels mangelnden Computerkenntnissen, und auch beim Klinkenputzen hat er zunächst wenig Erfolg. Als ihm wider Erwarten plötzlich doch ein Job angeboten wird, muss er aus gesundheitlichen Gründen absagen. Sein einziger Lichtblick zwischen entmutigenden Besuchen im Jobcenter und endlosen Jingles in Telefon-Warteschleifen ist die langsam aufkeimende Freundschaft zu der jungen Mutter Katie (Hayley Squires), die vor kurzem aus finanziellen Gründen nach Newcastle umsiedeln musste, aber selbst ohne die horrenden Londoner Mietpreise ihre Probleme hat, Fuß zu fassen. Sie spart sich das Essen für ihre beiden Kinder tagelang vom Mund ab, bis sie schließlich in der städtischen Essensausgabe vor Hunger und Scham zusammenbricht.
Die Verantwortung dafür tragen wir alle, sagt Ken Loach, weil wir die Dinge allzu oft hinnehmen, wie sie sind, anstatt uns darüber zu empören. Aber auch sein Film ist vor Kritik nicht gefeit. Manche Szenen sind zu lang, andere in ihrer klischeebeladenen Art gänzlich überflüssig. Dennoch trifft I, Daniel Blake immer wieder mitten ins Herz, und man muss Loach und seinem langjährigen Drehbuchautor Paul Laverty zugestehen, dass sie angesichts der Leidenschaft und des ungestümen Idealismus, mit dem sie bei jedem Film aufs Neue ans Werk gehen, auch heute noch genauso bewegendes Kino machen wie vor zwanzig Jahren.
