The Light Between Oceans (Liebe zwischen den Meeren, 2016)

Filmkritik

Emotionales Frachtschiff

| Roman Scheiber |

The Light Between Oceans (Liebe zwischen den Meeren) von Derek Cianfrance, mit dem Paar der Stunde, Alicia Vikander und Michael Fassbender.

Dieser Film ist kein Leuchtturm im Meer der großen Gefühle. Aber er ist auch nicht das Gegenteil, kein bloß von Wellen aus Pathos und Kitsch herumgepeitschter Wasserball. Konsequent und sehr ernsthaft erzählt er eine Geschichte von Schuld, Einsicht und Vergebung, von Pflichtbewusstsein, Einsamkeit und Entsagung. Dabei führt er seine Figuren durch einen Ozean aus unerfüllter Sehnsucht und Leid, versucht wacker seinen Kurs zu halten, bis der Boden unter den Füßen wieder fest wird, oder anders gesagt: bis die nächste Generation am Ruder sitzt.

In seiner vorigen Arbeit, The Place Beyond the Pines (2012), untersuchte Derek Cianfrance die Auswirkungen des Handelns der Eltern auf ihre Kinder. Im Besonderen jene dramatischen Einschnitte und Entscheidungen im Leben von Eltern, die Kinder nicht mitbekommen, die sie erst viel später begreifen können, deren Folgen aber für sie immer schon diffus spürbar sind. Um noch einmal zum Bild oben zurückzukehren: In The Place Beyond the Pines umschiffte Gianfrance geschickt die Untiefen des Pathos, in The Light Between Oceans schrammt er zumal in der zweiten Hälfte hart daran an. Es mag auch daran liegen, dass er hier erstmals nicht einen zeitgenössischen Originalstoff mitentwickelt, sondern einen in den 1920er Jahren anhebenden Historienroman (von M.L. Stedman) adaptiert hat. Für das Licht am Meer, in Zeiten von Sturm und Dunkelheit, sorgt Tom (Michael Fassbender), ein stiller, introvertierter Weltkriegsveteran, der viel Zeit für sich selbst braucht. Bevor er seinen Job als Leuchtturmwärter auf einem entlegenen Außenposten vor Australien annimmt, verliebt er sich jedoch in eine Frau vom Festland, die junge Isabel (Alicia Vikander). Es ist Liebe auf den ersten Blick, beiderseits, indes in Tom sich von Anfang an ein Zweifel festhakt, ob er seiner künftigen Angetrauten wohl Glück bringen wird können. Die unheilvolle Musik von Alexandre Desplat, der hier einen seiner schwächeren, nämlich zu schmalzigen Scores abgeliefert hat, tut ein Übriges.

Seine vielleicht schönsten Momente hat der Film im gemächlichen Exposé: der Schilderung von Toms Arbeitsrhythmen, der zarten Annäherung des Paars und dem erfolglosen Versuch, auf ihrer Insel eine Familie zu gründen. Geduldig wird emotionale Spannung aufgebaut, dabei findet The Light Between Oceans durchaus mehr als nur nahe liegende Bilder weiten Horizonts oder gischtdurchspülter Felsenkulisse, die innere Zustände der Figuren spiegeln sollen. (Kamera: Adam Arkapaw, der D.P. u.a. von Macbeth, Top of the Lake und der ersten Season von True Detective). Sobald nun die Protagonisten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen, werden sie zu Passagieren eines emotionalen Frachtschiffs. Just nach Isabels zweiter Fehlgeburt wird ein Boot ans Inselufer gespült, darin ein toter Mann und ein Säugling. Sie will unbedingt das Kind, er lässt sich weich klopfen, das Idyll ist freilich nur von relativ kurzer Dauer, denn es kommt, was kommen muss: die leibliche Mutter (Rachel Weisz) taucht auf. Was nicht kommen müsste und trotzdem kommt: Rückblenden zum Vater, dem Toten im Boot. Er war ein Deutscher und hatte auch als Zivilist so seine Probleme im Feindesland. Indem The Light Between Oceans diesen Aspekt herausstreicht, weist er überdeutlich darauf hin, auch ein Kommentar über die generationenübergreifende Seelenverwüstung des Kriegs sein zu wollen.

Ein US-Kritiker schrieb, Cianfrance versuche einen Faden zwischen John Cassavetes und David Lean zu spinnen. Das sind zwar sehr große Namen, trifft es aber insofern nicht schlecht, als die gepeinigte Isabel an psychologisch feingezeichnete Frauenfiguren bei Cassavetes erinnert, bei gleichzeitigem Hang der Geschichte zu epischer Schicksalhaftigkeit. Je forcierter der Film in Richtung „Tear-Jerker“ steuert, desto ferner rückt – trotz sehenswerter Schauspielerleistungen – das Ziel. Wie schon bei The Place Beyond the Pines will Cianfrance mehr als er mit einer Arbeit erreichen kann. Der schöne Beziehungsfilm Blue Valentine (2010) bleibt seine bislang beste Arbeit; vielleicht findet er ja in seinem nächsten wieder zum Wesentlichen zurück: in Metalhead geht es um einen Drummer, der sein Gehör verliert.