Sie ist eine der international bekanntesten Vertreterinnen des iranischen Kinos. Ihre Heimat mag die Schauspielerin Golshifteh Farahani verloren haben, aber dafür gehört ihr jetzt die ganze Welt. Ein Gespräch anlässlich des Kinostarts von „Auf der Couch in Tunis“ über Zugehörigkeit, Anderssein und darüber, warum Ignoranz das größte Übel ist.
Sie lässt sich nicht greifen, in keine Schublade stecken, an keinem Ort festhalten, an dem sie nicht bleiben will. Ihre Freiheit bedeutet Golshifteh Farahani alles – vor allem, seitdem sie nicht mehr ununterbrochen darüber nachdenken muss, wie ihr Verhalten von den Sittenwächtern zu Hause beurteilt werden könnte. Um den Repressionen im eigenen Land zu kommen, lebt sie seit über zehn Jahren in Frankreich, doch auch dort ist Farahani bis heute nicht wirklich angekommen. Verlassen hat sie ihre Heimat, nachdem sie 2008 in Ridley Scotts Body of Lies an der Seite von Leonardo DiCaprio ohne Kopftuch spielte und daraufhin beim iranischen Regime in Ungnade fiel. Seitdem führt sie ihre Karriere um die ganze Welt, nach New York, Berlin, Los Angeles, Marokko oder Venedig, nur nicht mehr nach Teheran, wo ihre Familie lebt, denn das wäre zu riskant. Zu offen spricht sie über ihre Gefühle, äußerst sie ihre Meinung über Geschlechterrollen, Identität und Politik und darüber, was in ihrem Land vor sich geht. Dass sie jetzt in dem Spielfilmdebüt der französischen Regisseurin Manele Labidi eine Heimkehrerin spielt, die bei ihrer Rückkehr zunächst mit jeder Menge Widerstand zu kämpfen hat, kommt daher nicht von ungefähr.
Auf der Couch in Tunis erzählt auf beschwingte, unverfängliche Weise von ähnlichen Problemen und Emotionen, die auch Farahani bis heute beschäftigen. Die Exil-Französin und Psychotherapeutin Selma, die sie darin spielt, zieht es nach dem Sturz des Diktators Ben Ali in ihr alte Heimat Tunesien zurück, wo sie ihre eigene Praxis zu eröffnen plant. An Redebedarf der Bevölkerung scheint es nach der Revolution nicht zu mangeln, dennoch stellen sich ihr genug äußere Umstände in den Weg, angefangen bei den Räumlichkeiten bis hin zu einer offiziellen Arbeitsgenehmigung. Und doch lässt sich die entschlossene junge Frau nicht von ihrem Weg abbringen, ganz so wie es Farahanis eigener Natur entspricht.
Frau Farahani, was hat Sie daran gereizt, eine Therapeutin zu spielen?
Golshifteh Farahani: Es ging mir weniger um die Therapeutin als um die Geschichte dahinter und den Ton, in dem sie erzählt wird. Ich fand das Drehbuch witzig und originell. Es hat mich zum Lachen gebracht und zugleich zum Nachdenken angeregt. Im Film werden die alltäglichen Probleme der Menschen auf sehr feine, humorvolle Weise reflektiert, ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen, wenn es um politische oder gesellschaftliche Themen geht. Gleichzeitig wird nichts vereinfacht. Die Menschen wollen leben, sie wollen ihrem Platz im Leben finden, aber mit Humor. Trotzdem handelt es sich nicht um eine Komödie im klassischen Sinn. Der Ton ist heiter, aber es wird nichts beschönigt.
Inwiefern konnten Sie sich selbst mit der Figur identifizieren? Auch Sie leben in Frankreich im Exil. Spielen Sie ebenfalls mit dem Gedanken, eines Tages in Ihre Heimat, den Iran, zurückzugehen?
Golshifteh Farahani: Den Wunsch habe ich, aber ich denke, es besteht ein Unterschied darin, ob man als Kind seine Heimat verlassen hat und zurückkehrt, oder so wie ich, mit Mitte zwanzig weg gegangen ist. In dem Alter geht es nicht mehr darum, die eigene Identität zu finden. Man weiß, was man hinter sich gelassen hat und warum. Man vermisst etwas, aber dieses Etwas ist nicht da. Und je mehr Zeit vergeht, umso mehr wird einem bewusst, dass sich daran nichts ändern wird. Und was einmal entwurzelt wurde, lässt sich nur schwer wieder neu einpflanzen. Wenn man jung ist, mag es gehen. Vielleicht wächst man etwas schief weiter, doch es kann funktionieren. Aber alte Bäume lassen sich nicht einfach umsetzen, das ist das Problem. Dazu kommt, dass man wie Selma im Film nirgends richtig dazu gehört. In Frankreich wird sie als Tunesierin gesehen, in Tunesien hält man sie für eine Französin. Sie steckt in der Zwickmühle.
Geht es Ihnen ähnlich?
Golshifteh Farahani: Für mich ist es noch schlimmer, weil ich mich allen Kategorien entziehe. Ich will als nichts Bestimmtes gesehen werden, nicht im Hinblick auf mein Geschlecht, meine Nationalität. Für mich sind das alles Illusionen, unsere Vorstellungen davon, was französisch ist oder deutsch, iranisch oder tunesisch. Am Ende fühle ich mich immer dort am ehesten zuhause, wo Leute aus aller Welt zusammenkommen, wo es keine Grenzen gibt. Wir gehören alle überall hin, wie gehören zueinander, so wie wir gerade an diesen Tisch gehören. Wir gehören dorthin, wo wir zusammenkommen. Deshalb bin ich immer viel unterwegs, gehe ständig von überall weg, weil ich mich auch in Frankreich oder im Iran als Fremde fühle und in bestimmter Hinsicht immer fremd gefühlt habe. Man kann sich selbst in der eigenen Familie fremd fühlen, im eigenen Haus, wenn man glaubt, nicht dazu zu gehören. Das klingt jetzt zwar ziemlich traurig, aber es kann auch ein schönes Gefühl sein.
Inwiefern?
Golshifteh Farahani: Wenn man mit aller Kraft an etwas festhält, sei es die Heimat, die Familie, die Kultur oder das Geschlecht, dann wird man irgendwann das, was man zu sein glaubt. Wenn man sich aber von diesen Kategorien frei macht, wenn man realisiert, dass das alles Unsinn ist, dann hat man die Möglichkeit, der Mensch zu werden, der man im Herzen ist. Und das Beste daran ist: Keiner kann einem das nehmen. Denn man trägt seine Heimat im Herzen, im Bauch. Und wann immer man nach Hause kommen möchte, geht man in sich hinein und ist da. Mit anderen Worten: Ich muss nirgends hingehen, ich bin bereits angekommen, in mir, egal wo ich mich räumlich befinde. Ich kann meine eigene Heimat in mir selbst kreieren.
Damit ist eine große Freiheit gegeben.
Golshifteh Farahani: Ja. Ich denke, darum geht es letztendlich. Dass wir uns von dem Ballast befreien, der uns als Identitäten auferlegt wurde.
Fühlen Sie sich trotzdem noch als Iranerin?
Golshifteh Farahani: Absolut. Ich bin durch und durch Iranerin, kulturell gesehen, was die Küche angeht, den Tanz, die Musik. Wenn ich persisches Essen rieche, könnte ich ohnmächtig werden, so sehr liebe ich es. Aber genau darum geht es: Ich bin Iranerin, aber gleichzeitig bin ich frei. Es steckt in meinem Blut, es gehört mir und nur mir allein. Keiner kann mir das nehmen. Ich bin überzeugt davon, dass, je mehr wir heutzutage unsere Kultur pflegen, wir auch um so mehr die Möglichkeit haben, wirklich frei zu sein.
Warum haben Sie sich in Ihrem Land immer schon fremd gefühlt?
Golshifteh Farahani: Weil ich immer anders war. Ich war ein ungewöhnliches Kind. Ich habe mich immer irgendwie außen vor gefühlt. Schon von klein auf habe ich mich gefragt, wo ich hingehöre. Als ich in die Schule kam, wurde alles nur noch schlimmer, weil alles, was ich tat, ungewöhnlich war, weil ich nicht so war, wie alle anderen. Es gibt die Art von Menschen, die sich nicht einordnen lassen, die nicht passen. Ich war so jemand.
Was war so anders an Ihnen? Was haben Sie gemacht, das aus der Reihe fiel?
Golshifteh Farahani: Ich war zum Beispiel ziemlich laut. Ich wollte immer eine Anführerin sein. Ich habe nicht still in der Ecke gesessen wie die anderen Mädchen. Ich war extrovertiert, aber gleichzeitig habe ich mich auch immer weiter in mich gekehrt. Doch egal was ich tat, es hat die Leute um mich herum stutzig gemacht, auch später im Konservatorium. Dort wurde Beethoven und Mozart gespielt, und ich habe Metallica und Hardcore gehört und „Headbanging“ geübt. Ich bin ständig mit einer Halskrause zum Unterricht gekommen, weil ich mir dabei immer den Nacken verrenkt habe. Ich war echt schräg. Als ich sechzehn wurde, habe ich mir den Kopf kahlgeschoren und bin ich auf der Straße wie ein Junge herumgelaufen, was, wie Sie sich vorstellen können, im Iran nicht ungefährlich war. Ehrlich gesagt, ich war eine Katastrophe, wie ein wildes Tier. Meine Eltern konnten nichts dagegen tun. Sie haben mich weder unterstützt noch unterdrückt. Sie haben mich einfach mein Ding machen lassen, alles andere hätte sowieso nichts genützt. Und auch sie waren Außenseiter, weil sie verheiratet waren, obwohl sie beide verschiedenen Religionen angehörten. Das war ein großes Problem und sie wurden deshalb von ihren Familien abgelehnt. Im Grunde steckt das Anderssein also bei uns in der DNA. Es wurde mir in die Wiege gelegt.
Wie hat sich dieses Anderssein später auf Ihre Arbeit, Ihre Karriere ausgewirkt?
Golshifteh Farahani: Ich glaube, ich erster Linie darin, dass ich mich nicht in eine Box stecken lasse. Ich will nicht als Französin abgestempelt werden und auch nicht als Iranerin. Ich will nicht für das Independent-Kino bekannt sein und auch nicht für Blockbuster. Egal, welche Handlung ein Film hat, ich bin für alles offen. Das war auch meine größte Angst, als ich damals aus dem Iran weg bin, dass ich in Amerika nur typische Rollen für Frauen aus dem Mittleren Osten angeboten bekommen würde – Terroristinnen, unterdrückte Frauen, so was eben. Vor zwölf Jahren war die Gefahr, was das angeht, noch sehr groß. Mittlerweile sieht es etwas besser aus, aber damals bin ich auch aus den USA wieder weggegangen, weil ich diesem Schubladendenken unbedingt entkommen wollte. Wenn ich geblieben wäre, wäre ich wahrscheinlich heute eine gute, typische Terroristin und ewig als solche rollentypisch festgelegt. Aber das wollte ich nicht. Ich habe schlecht bezahltes französisches Autorenkino vorgezogen, wo man nichts geschenkt bekommt und alles ein bisschen anstrengender ist. Aber das war und ist mir bis heute tausendmal lieber.
Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Jim Jarmusch bei „Paterson“?
Golshifteh Farahani: Das war ein kleines Wunder. Ich konnte nicht fassen, dass er mich überhaupt für die Rolle in Erwägung zog. Aber manchmal gibt es eine Art magisches Glück in unserem Beruf. Es war großartig, mit Jim zu arbeiten. Er war mein Idol, seit ich zwölf Jahre alt war. Und als die Zusage kam, war es das einzige Mal, dass ich vor Freude schreiend durchs Haus gerannt bin. Ich bin sonst nicht so. Selbst bei Marvel bin ich nicht so ausgeflippt. Aber mit Jim war das anders. Da habe ich mich noch am Set jeden Tag gefragt, ob das alles wirklich wahr ist.
Um noch einmal auf „Auf der Couch in Tunis“ zurückzukommen: Es geht auch um das Thema Gleichberechtigung. Denken Sie, dass es jemals möglich sein wird, in den muslimischen Ländern eine Gleichstellung von Männern und Frauen zu erreichen?
Golshifteh Farahani: Es ist eigentlich komisch. In Tunesien hatten die Frauen bereits vor einigen europäischen Ländern das Wahlrecht. Auch das Scheidungsrecht gibt es bereits eine ganze Weile. Das heißt, dort werden die Frauen schon viel länger respektiert. Trotzdem glaube ich nicht an die Gleichberechtigung, von der gerade überall auf der Welt die Rede ist. Wirkliche Gleichberechtigung kann es nicht geben, das wäre nicht normal. Denn dann würden wir nicht berücksichtigen, dass es durchaus biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Frauen beispielsweise ihre Monatsblutung haben und Kinder zur Welt bringen. Diese Gleichberechtigung, die sich alle wünschen, wird sich als unbrauchbar herausstellen. Wenn es soweit ist, werden wir sie nicht wollen. Was wir brauchen, ist ein Gleichgewicht, ist eine Balance. Wenn Männer und Frauen tatsächlich ein und dasselbe wären, dann wäre das etwas anderes. Aber das sind wir nun einmal nicht. Und deshalb würde ich mir wünschen, dass wir uns eher in Richtung eines Ausgleichs bewegen, weg von Ignoranz und Ausgrenzung. Und dieser Kampf ist keine Auseinandersetzung zwischen Männern und Frauen, sondern ein Kampf von Männern und Frauen gegen Unwissenheit und Desinteresse. In der Ignoranz liegt das größte Übel, und das wird auch im Film deutlich.
Ist Ignoranz auch schuld daran gewesen, dass Sie sich aufgrund der Probleme, die Sie nach „Body of Lies“ im Iran hatten, dazu entschlossen, Ihre Heimat zu verlassen?
Golshifteh Farahani: Ja. Auf die Zusammenarbeit mit Ridley Scott folgten sieben Monate Albtraum. Mein Reisepass wurde mir entzogen, und ich wurde mehrmals vom Informationsministerium verhört. Als ich später doch das Land verlassen durfte, entschied ich mich, nicht zurückzukehren. Ich wusste, dass für mich alle Brücken abgebrochen waren. Ich konnte selbst meiner eigenen Familie, meinem eigenen Vater nicht mehr trauen. Nach diesem einen Vorfall, wurde alles, was ich als Frau tat, im Iran als „anti-iranisch“ ausgelegt. Alles wurde politisch kommentiert. Es war unfair, und ich war wütend. Jetzt bin ich es nicht mehr. Aber ich frage mich bis heute: Warum haben Männer so ein Problem mit Frauen? Warum diese Folter, diese Gewalt gegen Frauen? Damals dachte ich zunächst noch, dass einem Mann dasselbe wiederfahren wäre, dass es in erster Linie um meine Kooperation mit Hollywood und dem Staatsfeind USA ging. Aber der Gedanke war falsch. Wenn man als iranische Frau seine Haare zeigt oder den Körper, dann ist man tot.
Dabei habe ich das Gefühl, dass es im Iran heute auch eine sehr große unabhängige Kultur und freidenkende. Menschen gibt, die liberal denken und offen sind.
Golshifteh Farahani: Das stimmt schon. Aber es ist eine schmale Gratwanderung. Weil sobald man etwas tut, das provoziert und international in der Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit sorgt, dann sehen sie das nicht gern. Es geht darum, das Image des Iran als islamisches Land aufrecht zu erhalten. Ein Image, das so längst nicht mehr der Wahrheit entspricht. Der Iran ist in seinem tiefsten Inneren ein freies Land. Nur weiß niemand davon. Aber wenn man sich die Mühe macht und einmal genauer hinschaut, dann kann man es sehen.
