Mika Kaurismäki über seine Kochkomödie „Master Cheng in Pohjanjoki“, über die positiven Seiten der Gloablisierung und über seinen Bruder Aki.
Studiert hat er gemeinsam mit Doris Dörrie an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Wenngleich sein jüngerer Bruder Aki der berühmtere Filmemacher ist, kann auch Mika Kaurismäki, 64, allerlei Erfolge vorweisen. Mit Johnny Depp und Julie Delpy inszenierte der Finne die Tragikomödie L.A. Without a Map. Seine Dokumentation Mama Africa wurde zum Arthaus-Erfolg und läuft in den US-Kinos seit mittlerweile neun Jahren. Zu seinen weiteren Filmen gehören das prominent besetzte Roadmovie Helsinki Napoli All Night Long, das Musiker-Drama Zombie and the Ghost Train sowie zuletzt der Kostümfilm The Girl King mit Martina Gedeck. Eine Geschichte vom Essen erzählt sein aktueller Film Master Cheng in Pohjanjoki, der jetzt in die Kinos kommt. Ein chinesischer Koch strandet in einem Kaff in Finnland und gewinnt durch seine ungewöhnlichen Menüs die Herzen der trotzigen Dorfbewohner.
Herr Kaurismäki, Sie haben an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen studiert. Wie sind Ihre Erinnerungen an Deutschland?
Mika Kaurismäki: Ich habe gute Erinnerungen an die Zeit in München. Eigentlich wollte ich dort Architektur studieren, aber gegenüber von unserem Studentenwohnheim entdeckte ich das Gebäude der Hochschule für Film und Fernsehen. Dort habe ich an die Türe geklopft und bekam tatsächlich einen Studienplatz. Das bayrische Essen und vor allem das Bier haben mich so begeistert, dass ich damals mindestens zehn Kilo zugelegt habe.
Das Essen spielt eine entscheidende Rolle in Ihrem neuen Film. Wie gut können Sie selbst kochen?
Mika Kaurismäki: Ich kann schon kochen, allerdings lässt meine Frau mich nicht so oft an den Herd, wie ich gerne möchte, weil ich angeblich zu viel Dreck in der Küche hinterlasse. Aber das ist halb so schlimm, schließlich ist meine Frau eine ausgezeichnete Köchin, die oft Gerichte aus ihrer brasilianischen Heimat zubereitet.
Wie war das Catering bei solch einem Dreh?
Mika Kaurismäki: Die Verpflegung bei einem Film über das Kochen ist natürlich sehr viel besser als sonst üblich. Der Koch, der das Essen für die Filmszenen zubereitet hat, sorgt zugleich für das Catering des ganzen Teams. Unser Darsteller, der den Koch spielt, hatte am Herd nur wenig zu bieten: Er könne nur Tee und Fertignudeln kochen, wie er offen gestand.
Fotografen klagen oft, wie schwierig es sei, für Kochbücher das Essen gut abzulichten. Ist das beim Film ähnlich?
Mika Kaurismäki: Speisen zu filmen ist tatsächlich nicht einfach. Allerdings stehen die Gerichte und ihre Zubereitung bei uns gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Das Essen spielt eine wichtige Rolle für den Film, es wird zu einer Brücke zwischen den Menschen. Allerdings sollte Master Cheng keine Kochshow im Kino werden.
Liebe geht durch den Magen, auch über unterschiedliche Kulturen hinweg? Kochen als Völkerverständigung?
Mika Kaurismäki: Mein Film soll zeigen, wie man Menschen und Kulturen zusammenbringt. Das Trennende hören wir aus der Politik häufig genug. In gewisser Weise ist Master Cheng ein Film über Globalisierung, jedoch im positiven Sinne: Eine zufällige Begegnung zwischen zwei gewöhnlichen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die sich und ihre Umwelt gegenseitig bereichern und anerkennen, spiegelt den eigentlichen Geist der Globalisierung wider.
Bei Story und Stil ist Schmalhans Küchenmeister. Ist weniger mehr?
Mika Kaurismäki: Die Erzählung ist bewusst minimalistisch gehalten, folgt dem Prinzip „klein, aber fein“ und verzichtet auf unnötige Plot-Twists. Stattdessen lebt der Film von seiner Atmosphäre, den liebevollen Details und einer subtilen Schwingung unter der Oberfläche. Seine Einfachheit macht ihn universell begreifbar, seine bedingungslose Herzlichkeit hat eine mitreißende Energie. Entscheidend sind dabei überzeugende Schauspieler, die den Raum nutzen, um ihre Rollen sorgfältig zu entwickeln.
Es gibt immer wieder gesundheitliche Ratschläge, etwa über das richtige Schlürfen von Suppe. Welche Rolle spielt für Sie die Traditionelle Chinesische Medizin?
Mika Kaurismäki: „Man ist, was man isst“, heißt es im Sprichwort zurecht. Ich glaube, dass Essen eine Medizin sein kann. Die Traditionelle Chinesische Medizin war der Ausgangspunkt des Films. Der Drehbuchautor hatte mir erzählt, dass er sich schon lange für dieses Thema interessiert. Das fand ich spannend und schlug vor, eine Geschichte zu entwickeln, in der Essen als wichtiger Teil dieser medizinischen Lehre eine große Rolle spielt.
Ihr Bruder Aki wurde durch seine melancholischen Film berühmt. Wie würde ihm solch ein Feelgood-Movie wie„Master Cheng“ gefallen?
Mika Kaurismäki: Aki und ich haben eine ziemlich ähnlichen Geschmack, wenn es um Kino geht. Aber Aki macht eben seine eigenen Filme und hat seinen ganz eigenen Stil entwickelt. Ich hingegen habe es vermieden, solch ein Markenzeichen zu entwerfen. Ich bin eher der Typ, der durch die Welt reist und mit der Kamera beobachtet. Wobei es schon schlau ist, solch ein Markenzeichen zu haben: Dann wissen Produzenten und Publikum, was sie erwartet. Andererseits kann man auch mit kleinen Filmen etwas erreichen: Mama Africa war in Deutschland ein schöner Erfolg und läuft in den US-Kino seit nunmehr neun Jahren!
Der Film hat bei den Filmtagen Lübeck den Publikumspreis gewonnen. Was würden Sie den Zuschauern aus „Master Cheng“ gerne mitgeben?
Mika Kaurismäki: Die Hoffnung, dass die Welt ein schöner Ort ist, wenn wir gemeinsam miteinander leben und voneinander lernen. Ich wollte einen Film machen, der Menschen zusammenführt und sie nicht trennt.
