Filmkritik

The GIrl King

| Alexandra Seitz |
Schlimmer Fall von Europudding und Bio-Kostümschinken.

Das Leben der Kristina von Schweden (1626-1689) war alles andere als langweilig. Mit sechs Jahren bestieg sie den Thron, mit 18 übernahm sie die Regierungsgewalt, mit 28 hatte sie genug, dankte ab, konvertierte zum Katholizismus und übersiedelte nach Rom. Dort regte sie die Gründung der Accademia dell’Arcadia an und wurde schließlich als eine von nur drei Frauen in den Vatikanischen Grotten im Petersdom beigesetzt. Kristina war ungewöhnlich und eigensinnig. Auf Geheiß ihres Vaters war sie wie ein Kronprinz erzogen worden; doch sie konnte nicht nur reiten, jagen, fechten und fluchen wie ein Mann, sie war auch gebildet und belesen, liebte die Kunst und die Bücher, war interessiert an Religion und Philosophie. Sie holte René Descartes zu sich an den Hof, sie wird verantwortlich gemacht für den Prager Kunstraub, sie weigerte sich zeitlebens zu heiraten und unterhielt, so raunt es in den Geschichtsbüchern, eine langjährige Affäre mit ihrer Hofdame Ebba Sparre.

August Strindberg widmete ihr eines seiner Theaterstücke („Kristina“, 1901); Greta Garbo hat sie in Rouben Mamoulians Queen Christina (1933) verkörpert. Und was macht nun Mika Kaurismäki aus dieser aufregenden Figur? Einen blassen, faden, irgendwie betulichen Film, den man sich sehr gut auch im TV-Hauptabendprogramm vorstellen kann, wo er dann den Bildungsauftrag erfüllt. Das sieht also recht gut aus – Kostüme, Schauplätze, Ausstattung und Landschaften, alles tadellos – und ist auch ganz gut gespielt – insbesondere Malin Buska und Sarah Gadon in den Rollen von Königin und Hofdame sind mit beträchtlichem Einsatz bei der Sache –, aber das Ergebnis lässt einen am Ende doch kalt.

Wenn man sich allerdings die lange Liste der an der Produktion von The Girl King beteiligten Länder ansieht, beschleicht einen ein Verdacht, woran das liegen könnte. Deutschland, Finnland, Frankreich, Kanada und Schweden warfen Geld in den Topf – und wollten dann selbstverständlich auch mit in ihm herumrühren. Deswegen muss jetzt Peter Lohmeyer als unwahrscheinlicher Bischof von Stockholm ein paar Mal seine missbilligend gerümpfte Nase ins Bild halten und Martina Gedeck als schwer neurotische Königinmutter Maria Eleonora desgleichen tun.

Der Begriff „Europudding“ meint: „Filmproduktionen, die ihre nationalen oder regionalen Besonderheiten eingebüßt haben.“ The Girl King ist dafür ein hervorragendes Beispiel, ein gesichtsloser Film über einen Charakterkopf.