Was Erfindung und Erinnerung miteinander zu tun haben
Frankreich, 1942. Eigentlich heißt der schmächtige junge Mann Gilles und ist der Sohn eines Antwerpener Rabbiners. Seiner Exekution durch die Nazis entgeht er nur durch Zufall; ein Buch aus Persien, das er kurz zuvor gegen ein Stück Brot getauscht hat, rettet ihm das Leben: Er sei kein Jude, er sei Perser, ruft er, und weil Hauptsturmführer Klaus Koch einen eben solchen sucht, bringen die Schergen Gilles ins Lager statt ihn im Wald zu erschießen wie all die anderen. So wird aus Gilles Reza Joon, der bei dem ehemaligen Chefkoch Koch (ja, wirklich!) in der Stube sitzt und diesem Farsi beibringt; wobei Gilles freilich kein einziges Wort dieser Sprache kennt – also muss er sie, um zu überleben, erfinden. Und um zu erfinden, entreißt er Häftlingsnamen dem Vergessen.
Was für eine Ausgangslage! Farsi-Unterricht in einem Transit-Lager? Linguistische Finessen unter Zwangsarbeit? Das ist doch total absurd! So denkt man und fragt sich zugleich, ob das nun der Stoff für eine Komödie oder für eine Tragödie sein soll – und ob man sehen will, in welche Richtung sich Vadim Perelmans Persian Lessons entwickelt. Doch die Vorlage für den dritten Film des ukrainisch-stämmigen, kanadisch-US-amerikanischen Regisseurs – der 2003 mit seinem Debüt House of Sand and Fog einen internationalen Erfolg feierte –, liefert die Erzählung „Erfindung einer Sprache“ von Wolfgang Kohlhaase. Und Kohlhaase ist bekanntlich ein Meister der subtilen Darstellung des Komplexen. Perelman wiederum hat keine Angst vor dem Widersprüchlichen und er hat eine Besetzung, die diese Arbeit an der sperrigen Vielschichtigkeit – einer historischen Situation/menschlicher Beziehungen – gelingen lässt.
Der großäugig-fragile Nahuel Pérez Biscayart, seit seiner Rolle in Robin Campillos 120 battements par minute (2017) in bester Erinnerung, wandelt seine Figur des Gilles von einem prädestinierten, leichten Opfer zu einem Überlebenden, den Zähigkeit, Empathie und Intelligenz gleichermaßen antreiben. Dagegen wird Lars Eidinger (Interview), auf der Bühne eine gefürchtete Rampensau, vor der Kamera zum Feinziselierer und lässt in dem Nazi einen Underdog aufscheinen, der den Perser braucht, weil an dessen Sprache sein Lebenstraum hängt; Koch will ein Restaurant in Teheran eröffnen, nach dem Krieg, wenn der ganze Scheiß endlich vorbei ist.
Es kommt dann anders. Und in der Sinnlosigkeit einer ausgedachten Sprache hat ein ganzer Friedhof Platz. Ein Grab in den Wolken, und ein Memento in Wörtern.
