„Eine eigene Geschichte“ ist eine umfangreiche, gelungene Aufarbeitung der Arbeit von österreichischen Filmemacherinnen der letzten zwanzig Jahre.
Eine junge Frau, ihre Hände in den Taschen der offenen Winterjacke vergraben, Blick in unbestimmte Ferne nach vorne, Sichtbarkeit von spürbarem Gegenwind: Kein Still aus Nordrand (1999) könnte das Cover dieses Buches passender zieren. Barbara Alberts Film über zwei Frauen, deren Leben sich Jahrzehnte nach der Volksschulzeit wieder kreuzen, markiert damals – seit einer halben Ewigkeit (genauer gesagt, seit Georg Wilhelm Pabsts Der Prozess 1948) – den ersten österreichischen Film, der in den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Venedig eingeladen wurde. Und schlug nicht nur international hohe Wellen. Herausgeberin Isabella Reicher sieht ihn als Ausgangspunkt, sein Entstehen und sein Wirken als zugleich maßgeblichen Katalysator eines Prozesses, dessen bestmögliches Beispiel er selbst ist. Orientierung nach vorne, allen Hindernissen zum Trotz. Aufbruchstimmung. Barbara Albert steht Ende der Neunziger und Anfang der Nullerjahre gemeinsam mit Jessica Hausner, Ruth Mader, Kathrin Resetarits, Mirjam Unger, Sabine Derflinger, Sabine Hiebler, Barbara Gräftner oder Nina Kusturica an der Spitze einer bemerkenswerten Generation von österreichischen Filmemacherinnen.
Diese sind es, denen das Buch vielleicht hauptsächlich gewidmet ist, aber nicht nur. Neben den genannten Vertreterinnen der damaligen Nouvelle Vague viennoise, kommen viele Kolleginnen mal indirekt, mal direkt zu Wort. In insgesamt nicht weniger als 34 Beiträgen versammeln sich die Besprechungen unzähliger Werke von Frauen genauso wie Interviews und Gespräche über das eigene Tun und den – immer noch höchst unsicheren und geschlechterungleichen – Arbeitsalltag. Sehr ambitioniert, doch nie langatmig findet dabei auch die große Bandbreite an Dokumentar- und Essay-, Experimental-, Kurz- und Kunstfilmerinnen sowie Video- und Videoperformancekünstlerinnen mehr als nur kurze Erwähnung.
Nach einer pointierten Einführung und Kontextualisierung seitens der Herausgeberin steht mit „Eine eigene Geschichte“ der dem Buch seinen Titel gebende Themenblock, dem fünf weitere nachfolgen. Nachdem Alberts und Hausners Gesamtwerke überblicksmäßig nicht bloß kategorisiert, sondern auch interpretiert werden, findet sich etwa mit einer Abhandlung über die Bedeutung von Blumen und Tabak für kontingente Kommunikations-Situationen in Hausners Amour Fou (2014) und Valeska Grisebachs Western (2017) und Beobachtungen verschiedenster Ausprägungen des Tanzens in Filmen von Albert, Hausner und Katharina Mückstein gleichsam anregendes wie anspruchsvolles Lesevergnügen. Neben den großen Namen kommt Kurdwin Ayub in einem ausführlichen Interview zu Wort, ihres Zeichens schon in ihren jungen Jahren absolute Könnerin im Spiel mit Privatem und Öffentlichem. Außerdem sprechen Sounddesignerin Veronica Hlawatsch, Kamerafrau Leena Koppe, Kostümbildnerin Ingrid Leibezeder und Editorin Karina Ressler über ihren Arbeitsalltag in der männerdominierten Filmbranche. Über „Genre und Autorinnenschaft“ und das Phänomen Mainstream im weitesten Sinne wird sich in den Werkbesprechungen von Marie Kreutzer und Barbara Eder, einer Einordnung von Publikumserfolgen sowie einer ausführlichen Analyse von Sabine Derflingers Schaffen Gedanken gemacht. Kapitel drei ist thematisch wieder inhaltlich stringenter: „Partly Doc, Partly Fiction“ rückt Positionen in den Vordergrund, denen allen voran die dokumentarische Verwurzelung ihrer Erzählungen gemein ist. Mirjam Ungers Filmen wird mit allerlei in den Text gewebten Gesprächszitaten begegnet, Elisabeth Scharangs Österreich-Filme werden analysiert, Katharina
Coponys außergewöhnlich vielschichtige Methodik ausgebreitet. Der Umgang mit Autobiografischem steht bei der Betrachtung von Arbeiten von Sudabeh Mortezai und Nina Kusturica im Vordergrund, bei jener der Filme von Tizza Covi und Rainer Frimmel deren geteilte Arbeitspraxis.
Bilden in „Dokumentieren (oder demonstrieren)“ die detaillierte Aufdröselung von Anja Salomonowitz’ komplexer Kritik-Ästhetik und ein in die Tiefen der Materie gehender Runder Tisch mit Nathalie Borgers, Ulli Gladik, Tina Leisch, Gabriele Mathes und Jo Schmeiser die Highlights, bietet „Metakino“ zahlreiche Beiträge, die sich mitunter in ihrer präzisen Wissenschaftlichkeit, aber auch (kunst-)philosophischer Verspieltheit übertrumpfen zu wollen scheinen. Räumliches und Architektonisches bei Sasha Pirker, Lotte Schreiber, Heidrun Holzfeind, Ella Raidel und Claudia Larcher wird zusammen- und auseinandergedacht, Martina Kudlácek und Christiana Perschons originäre Porträts werden gewürdigt. Filme von Katharina Daschner und Astrid Johanna Ofner werden hinsichtlich ihres Umgangs mit Literatur untersucht, Künstlerinnen an den Schnittstellen zwischen Experimentalfilm und Videokunst vorgestellt.
Im letzten Kapitel geht es um Filmemacherinnen, die sich ihrerseits der „Arbeit am Material“ widmen. Vorangehend bilden hier ein ausführliches Gespräch mit der Künstlerin Billy Roisz und die Beschäftigung mit den gefinkelten wie gewitzten Œuvres von Nikki Schuster beziehungsweise Anna Vasof die kurzweiligen Herzstücke, ehe das Buch mit seinem letzten Beitrag – einen schönen Kreis schließend – zum Film zurückkehrt, anhand von Antoinette Zwirchmayrs Arbeit nämlich sogar explizit zum Material Analog-Film. Ein klug gewählter Schlusspunkt einer umfangreichen Textsammlung über zwei Jahrzehnte weibliches Filmschaffen, das meist mehr ist als bloße Nacherzählung oder Chronologie und somit zweifelsohne Tipp für interessierte Laien wie für geeichte Bewegtbild-Nerds, denn: Wer nach vorne blickt, muss auch zurückblicken, und umgekehrt.
