Es muss nicht immer US-Mainstream sein: Eine hoch gepriesene türkische Mini-Serie spürt subtil den unterschiedlichen Lebenswelten in der Metropole Istanbul nach.
Meryem steht auf, schlüpft leise in ihren langen Mantel, rückt das Kopftuch noch einmal zurecht und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Der Bus bringt sie in eine Hochhaussiedlung – Beton, Stahl und ein paar repräsentative Grünanlagen. Wohnt man oben wie ihr Arbeitgeber Sinan, hat man einen Blick über die ganze Stadt. Wenn Meryem die Wohnung betritt, zieht sie ihre Schuhe aus und Pantoffeln an, die sie in einem Garderobenschränkchen verwahrt. Dann legt sie ihren Mantel ab und nimmt das Geschirr aus der Maschine, um es mit der Hand zu spülen. Es ist nicht viel, zwei Teller, zwei Weingläser, und wenn Sinan aus dem Bad kommt, hat sie bereits Kaffee aufgesetzt.
Sinan macht irgendwas beim Fernsehen, geht ins Fitnessstudio und trifft abends Frauen, mit denen er auf seinem Sofa Wein trinkt. Gelegentlich ist eine dieser Frauen noch da, wenn Meryem zu putzen anfängt. Die schlägt dann die Augen nieder und tut so, als hätte sie niemanden gesehen.
Diese morgendliche Szene beschreibt, worum es in Bir bașkadır geht: die unterschiedlichen Lebenswelten in der Metropole Istanbul, die sich immer weiter nach Osten ausdehnt; nach Anatolien, wo sich an den Rändern der Stadt noch dörfliche Strukturen erhalten haben und zwischen kleinen Holzhäusern Hühner herumlaufen, Wäsche flattert und Kinder auf der Straße spielen. In so einer Gegend wohnt auch Meryem bei ihrem Bruder Yasin und dessen depressiver Frau Ruhiye, um deren zwei kleinen Kinder sie sich auch noch kümmert. Denn Yasin ist Türsteher in einem Club und muss tagsüber schlafen, während Ruhiye traurig aus dem Fenster schaut.
Die Reibungen, die bei den Begegnungen der beiden Welten immer wieder entstehen, beunruhigen alle Beteiligten. Während aber die reichen Hochhausbewohner oder die noch reicheren Besitzer der Bosporus-Villen dem Personal mit aggressivem Desinteresse begegnen, ist es umgekehrt nicht so einfach. Die Meryems und Yasins wollen ihre Jobs behalten, obwohl sie das, was sie an ihren Arbeitsplätzen zu sehen bekommen, missbilligen. Auf beiden Seiten allerdings sieht man nur, was man sehen will, und die Verunsicherung ist gegenseitig.
Der Hodscha, den Meryem konsultiert, lässt sie eine künstliche Blume mit einer echten vergleichen – der Geruch, die Frische, die Feuchtigkeit, die Textur, die Fragilität – und erklärt, dass sie in der richtigen Welt lebe, die anderen aber in der künstlichen, mit der Gott nichts zu tun habe. Warum die zumindest in ihrer Rätselhaftigkeit attraktiv erscheint, selbst seiner eigenen Tochter, weiß er nicht.
Als Meryem, die immer wieder unter Ohnmachtsanfällen leidet, von der ratlosen Klinikärztin zu einer Kollegin geschickt wird, die im gleichen Haus als Psychotherapeutin praktiziert, fängt sie an zu erzählen, denn sonst hört ihr ja niemand zu. Und bringt damit das Selbstverständnis der saturierten Mittelschichtfrau ins Wanken.
Bir bașkadır konzentriert sich auf das Problem des sozialen Zusammenpralls, das in einigen Varianten durchgespielt wird, und zwar mit Akribie. Die perfekte Ausstattung, die Kostüme, die ausgewählten Locations und vor allem das nuancierte Spiel des gesamten Casts produzieren eine verblüffende Makellosigkeit, die jedoch nie ins Sterile kippt. Da steht das großzügige Haus mit den breiten Fensterbänken, auf denen man lümmeln und dabei auf den Bosporus schauen kann, für die alte, weltliche, gebildete, kemalistische Elite in der Türkei. Deren Kinder, die jetzt zwischen 40 und 50 sind, wohnen allerdings in den neuen Hochhaussiedlungen auf der asiatischen Seite der Stadt: teuer, aber ohne Atmosphäre, genauso wie die Yoga-Studios und Büros, zwischen denen sie sich bewegen. Glatt und kühl sind Menschen und ihre Behausungen. Am anderen Ende des Spektrums stehen die Stadtrandhäuser der AKP-Wähler, mit gestampftem Boden und schlecht verputzten Wänden, ungeheizt, spartanisch möbliert, dekoriert mit Tüchern, Webteppichen, erratisch aufgehängten Bildern, Väschen, Gefäßen, heterogen, disparat und dauerhaft provisorisch, so haben sich deren Bewohner in der Welt eingerichtet.
Anrührend sind besonders die Darstellerin der Meryem, Öykü Karayel, ein versierter Serienstar, und Settar Tanrıöğen, der den Hodscha verkörpert. Letzterer ist ein Veteran auch des türkischen Autorenfilms der 2000er Jahre, so besetzten ihn etwa Zeki Demirkubuz, Derviș Zaim und Uğur Yücel. Beiden Darstellern gelingt es, ihre Figuren zum Strahlen zu bringen, sogar über die Ränder des Bildrahmens hinaus.
