Ramin Bahrani verfilmte den Bestseller von Aravind Adiga über den Aufstieg eines indischen Underdogs, ganz ohne romantische Verklärung. Ein Oscar-Kandidat, wenn es mit rechten Dingen zugeht.
Ramin Bahrani, in North Carolina geborener US-amerikanischer Regisseur iranischer Herkunft, der sich vor allem mit seinen „neo-neorealistischen“ Filmen über die Schattenseiten des American Dream (Man Push Cart, Chop Shop, Goodbye Solo) einen Namen machte und auch zweimal bei der Viennale zu Gast war, trumpft nach seinem reichlich missglückten Remake von Truffauts Fahrenheit 451 nun mit einem wahren Knüller auf.
Der Debütroman „The White Tiger“, den der indische Autor und Journalist Aravind Adiga 2008 veröffentlichte, der wie eine Bombe in der literarischen Welt einschlug und mit dem prestigeträchtigen Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, erzählt mit viel schwarzem Humor und auf stark zugespitzte Weise vom Aufstieg eines aus einem armseligen Dorf stammenden jungen Inders namens Balram, der es vom Chauffeur einer (neu)reichen Familie zum Entrepreneur bringt.
Wie es dazu kam, das schildert er in langen Emails ausgerechnet dem damaligen chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, der auf Staatsbesuch in Indien ist, um die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden riesigen Ländern zu stärken. Balram bewundert China als eines der wenigen Länder Welt, das – im Unterschied zu Indien etwa – nie von einer fremden Macht unterworfen worden sei. Und er träumt von einer gemeinsamen rosigen Zukunft, denn „America is so yesterday, India and China are so tomorrow.”
Ausgehend von diesem smart entworfenen Rahmen, den der Film übernimmt, erzählt Balram in Rückblenden von seinem Leben. Der Musterschüler, der in Englisch so gut war, dass ihn der Lehrer an eine exklusive Schule in Delhi vermitteln wollte (das kam nie zustande), landet wie sein Bruder im Teeladen seiner Familie. Alle Dorfbewohner werden unterdrückt von einem reichen Industriellen, den sie „Storch“ und dessen Sohn, den sie „Manguste“ nennen, die sich nicht entblöden, den armen Leuten noch ein Drittel ihres sauer verdienten Geldes „einfach so“ abzuknöpfen. Als eines Tages auch Ashok, der jüngere Sohn des Storchs, mitkommt, sieht Balram seine (einzige) Chance gekommen, denn er hält Ashok für sanft und nennt ihn deswegen auch „Lamm“. Mit seinem wenigen Ersparten macht er sich auf in die Großstadt und wird mit mehr Glück als Verstand als zweiter Chauffeur der Familie, zu der auch Ashoks amerikanisierte Frau Pinky gehört, engagiert.
Die äußere Handlung ist unterlegt mit Balrams nur scheinbar naiven philosophischen Überlegungen zu allem und jedem, vor allem zur indischen Gesellschaft, Geschichte und Gegenwart, zu Religion, Kultur und immer wieder – zum Kastenwesen und zur Tatsache, dass alle armen Inder sich wie Hühner in einem Käfig halten lassen, sich ihrem Schicksal ergeben und niemals versuchen, auszubrechen und ihr Leben zu verbessern. So, das ist Balram klar, will er nicht leben, und er macht sich in einer Mischung aus (scheinbarer) Unterwürfigkeit und Bauernschläue daran, sein Schicksal sukzessive in die Hand zu nehmen. Dazu muss er schon einmal einen Fahrer-Kontrahenten auf recht unfeine Weise aus dem Feld schlagen. Pinky und Ashok, die lange in den USA gelebt haben und mit den heimischen menschenverachtenden Traditionen nicht (mehr) so vertraut sind, scheinen ihm Verbündete zu werden, doch allmählich beginnt der „sanfte“ Ashok unter dem Druck seines Vaters und seines Bruders zu wanken. Und eines Nachts kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall, der Balram von seiner Utopie, es könne so etwas wie Freundschaft zwischen Reich und Arm geben, endgültig heilt.
Neben aller schwarzhumorigen Komik und den fast schon liebenswerten Absurditäten des indischen Alltagslebens (Stichwort: Kühe) enthält The White Tiger mehrere schockierende Szenen, die einen regelrecht aus dem Fernsehsessel reißen. Mit unmissverständlicher Härte zeigen Autor Adiga und der Film, der seinem Buch weitestgehend folgt, auf, was alles faul ist an dem jahrtausendealten System der Unterdrückung einer Mehrheit der Gesellschaft durch eine rücksichtslose dünne Oberschicht. Aber auch die „Hühner“, die sich alles gefallen lassen bzw. lieber einander zerfleischen, anstatt auch nur einmal solidarisch zu handeln, bekommen ordentlich eingeschenkt. Balram etwa wird nicht nur von seinen Chefs in der Stadt gepiesackt, sondern auch noch von seiner tyrannischen Großmutter und seiner Familie im Dorf. Dass er sich letztlich aus den Klauen des Systems befreit, ist nicht einer Gameshow geschuldet (den Seitenhieb auf Slumdog Millionaire kann sich The White Tiger natürlich nicht verkneifen), sondern seiner Wachsamkeit und seinem Willen, sich nicht mehr ausbeuten zu lassen. Wie er selbst dann als Chef von 30 Taxifahrern agieren wird … man wird sehen.
Ramin Bahrani hat ein großes, packendes Stück (Netflix-)Kino geschaffen, mit viel Schwung, mitreißender Musik, einem famosen Cast, allen voran der bisher bloß aus drei Fernsehserien bekannte Adarsh Gourav, und hohem Unterhaltungswert. Für alle, die Indien vielleicht als Touristen kennen, ist auch genug Lokalkolorit vorhanden. Dass die Gesellschaftskritik nicht in dicken Zuckerguss verpackt ist, sondern wirklich wehtut, ist dem Film besonders hoch anzurechnen.
PS: Allen, die sich für kritische Unterhaltung und für die Auseinandersetzung mit der modernen indischen Gesellschaft weiter interessieren, sei die großartige Polizei-Miniserie Delhi Crime (2019) ans Herz gelegt, die ebenfalls bei Netflix zu sehen ist – auch das harte, aber sehr lohnende Kost.
