Ein Gespräch mit der mehrfach ausgezeichneten Kamerafrau Christine A. Maier über lebensverändernde Zufälle, die Vorteile eines naiven Blicks und über die Notwendigkeit einer Quote in der Filmbranche.
Als einer der renommiertesten österreichischen DOPs mangelt es Christine A. Maier, die seit über 20 Jahren in Berlin lebt, nicht an Auszeichnungen. Vor kurzem hat sie den FC Gloria-Filmpreis erhalten, eine verdiente Würdigung ihres Einsatzes für Gleichberechtigung in der immer noch männerdominierten Filmbranche. Auch der Österreichische Filmpreis 2018 für die beste Kamera für Licht (Regie: Barbara Albert) oder der 2020 verliehene Kunstpreis für Film- und Medienkunst der Akademie der Künste Berlin zeugen vom internationalen Standing der gebürtigen Steirerin. Die Filme ihrer Stammregisseurinnen Jasmila Žbanić, Barbara Albert und Amie Siegel werden regelmäßig bei den Festivals von Cannes, Berlin und Venedig gezeigt, daneben arbeitete sie aber auch unter anderem mit Hans Weingartner (Free Rainer), Sabine Derflinger, mit der sie drei Tatort-Folgen drehte, oder Ruth Mader (Life Guidance) zusammen. Derzeit hält sie ihrer Freundin Jasmila Žbanić ganz fest die Daumen, dass ihr jüngster gemeinsamer Film Quo vadis, Aida? es von der Oscar-Shortlist bis ins Finale der nominierten fünf „internationalen“ Filme schafft.
Sie sind in einem kleinen Dorf in der Steiermark aufgewachsen. Wie kamen Sie dazu, an der Wiener Filmakademie
Kamera zu studieren?
Christine A. Maier: Das war auf jeden Fall kein gerader, vorgezeichneter Weg. Als Kind oder Jugendliche war dieses Berufsbild überhaupt nicht in meinem Kopf. Das Kino war für mich ein wichtiger Fluchtpunkt, als ich im Internat war, aber in meinem unmittelbaren Umfeld spielten Kunst und Kultur keine große Rolle. Obwohl ich mit 14 zwei Nächte lang auf war, um einen mit Freunden selbst gedrehten Film fertig zu schneiden, waren meine Neigungen eigentlich eher im naturwissenschaftlichen Bereich. Ich war ziemlich gut in Mathematik, habe zum Beispiel eine Formel erfunden in der Differentialrechnung, die Kollegen bei der Matura angewandt haben. Mein Lehrer wäre aber nie auf die Idee gekommen, ein Mädchen zu fördern, sonst wäre ich vielleicht Maschinenbauerin geworden, wer weiß. Wobei ich jetzt doch froh bin, dass ich nicht diesen Weg eingeschlagen habe. Dafür hat mir eine Deutschlehrerin, die ich sehr mochte, die Literatur nähergebracht und damit letztendlich auch den Film. Auf solche Zufälle, die ein Leben verändern können, hat man zumindest als Jugendliche keinen Einfluss. In Wien habe ich dann einige Zeit Jus studiert, was mich vom analytischen Denken her schon angesprochen hat, aber ich bin eher ein körperlicher Mensch, dieses Fachgebiet wäre mir auf Dauer wohl zu vergeistigt gewesen. Ich schätze auch diesen physischen Aspekt der Kameraarbeit, nicht nur den technischen. Mit mir kann man ohne weiteres bei minus 20 Grad in der Nacht am Gletscher drehen.
Dann lernte ich einige Leute von der Angewandten kennen, war vom Experimentalfilm fasziniert und erfuhr das erste Mal überhaupt von der Existenz einer Filmakademie. Beim ersten Mal wurde ich abgelehnt, beim zweiten Versuch klappte es. Ich war anfangs extrem naiv, wirklich „vom Land“, die meisten meines Jahrgangs wie Barbara Albert, Jessica Hausner oder Antonin Svoboda waren viel urbaner geprägt, weltgewandter. Aber Naivität kann auch ein Segen sein.
Inwiefern?
Christine A. Maier: Es gibt ja auch eine Sehnsucht nach einem Blick vor dem Wissen. Eher etwas Intuitives, als allzu Formales, Gelerntes. Dass man nicht imitiert, sondern etwas rauslässt, was in einem steckt, zum Beispiel beim Zeichnen; das gilt aber für jede Kunstform.
Elfi Mikesch, der ich öfter assistiert habe, hat mir solche Momente geschildert, diesen Knacks, als sie beim Drehen von Malina nicht mehr nachgedacht hat und sich ein Glücksgefühl eingestellt hat.
Aber auch bei meiner Arbeit gibt es immer wieder Momente, in denen ich gemeinsam mit der Regie versuche, aus der Erzählung herauszutreten und wir ein nicht kalkulierbares Element hinzufügen. Bei Licht zum Beispiel haben wir uns trotz des enorm engen Drehplans von nur 29 Tagen immer wieder erlaubt, am Ende des Tages noch zumindest eine Einstellung zu drehen, bei der wir konsequent große Teile der Szene aus Resis subjektivem Raum drehten. Wir wussten, dass das von der Form des Films nicht immer passen wird, aber einige dieser Momente waren für die Erzählung und den Schnitt dann sehr wichtig.
Durch den steigenden ökonomischen Druck sind solche besonderen Momente nicht mehr so leicht möglich oder man hat als Regisseur oder Regisseurin nicht mehr so leicht die Zeit, eine Szene in unterschiedlichen Tönungen zu drehen. Da beneide ich Lars von Trier zum Beispiel, der sehr viel experimentiert, Szenen in verschiedenen Rhythmen dreht. Das heißt aber keinesfalls, dass er nicht weiß, was er will, er ist einfach offen für das Besondere, das nicht vorher zu Sehende. Aber dafür braucht man neben Kreativität auch Zeit. Generell weiß man nicht immer bei Drehbeginn, wie der Film aussehen wird, es gibt da große Unterschiede in der Herangehensweise der unterschiedlichen Regisseurinnen und Regisseure, und diese Herausforderung, auch auf notwendige Änderungen einzugehen, nehme ich gerne an.
Wie suchen Sie Ihre Projekte aus? Eine Rolle spielt wohl auch die persönliche Ebene, schließlich arbeiten Sie mit einigen Regisseurinnen immer wieder zusammen.
Christine A. Maier: Ich arbeite gerne immer wieder mit bestimmten Regisseurinnen und Regisseuren zusammen. Diese Kontinuität empfinde ich als ungemein bereichernd. Das heißt nicht, dass ich nicht auch mit anderen sehr gerne arbeite, aber durch die kontinuierliche Zusammenarbeit entsteht ein Vertrauen und ein Sich-Kennen, was ich auch als befreiend empfinde. Die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl von Filmprojekten sind sicherlich Regie und Drehbuch, wobei beides sehr wichtig ist für mich, manchmal macht man auch Sachen, um die Miete zu bezahlen, aber auch da muss ich hinter dem Projekt inhaltlich stehen können. Vielleicht ist die Frage der Regie noch eine Spur entscheidender, aber für mich ist das Drehbuch ein enorm wichtiger Teil eines Films, und die Autorinnen und Autoren sollten gerade in der Entwicklung viel besser bezahlt werden. Überhaupt ist die Entwicklungszeit eines Filmes die am wenigsten kostenintensive Zeit, und ich würde mir wünschen, dass da einfach mehr Geld zur Verfügung steht.
Wie würden Sie Ihren visuellen Stil beschreiben?
Christine A. Maier: Das ist nicht so leicht zu beantworten, denn natürlich versuche ich immer, jenen Stil oder jene ästhetische Form zusammen mit der Regie und allen anderen Gewerken zu finden, die das, was erzählt wird, am besten spürbar macht, aber darüber hinaus hat der Stil auch viel mit der Haltung zur Welt zu tun. Was erzähle ich wie, das ist auch auch eine politische Frage. In Quo Vadis, Aida? haben Jasmila und ich uns zum Beispiel sehr lange Gedanken gemacht, wie wir Krieg bildlich darstellen wollen und auch welche Art der Darstellung wir vermeiden wollen. Wie gehen wir im Bild mit Gewalt um, was zeigen wir, wo liegt unser Fokus? So haben wir uns entschieden, die eigentliche körperliche Gewalt nie direkt zu zeigen, sondern immer nur das Davor und das Danach, was den Stil dieses Films natürlich sehr beeinflusst hat.
Wie groß, wie lange, wie mittig kadriere ich wen? Ich kadriere sehr gern mittig, weil ich es einfach liebe, Gesichter anzuschauen. Wenn es nicht notwendig ist, möchte ich die Einstellung auch nicht unterbrechen oder ohne Grund dynamisieren. Bei vielen Stoffen bevorzuge ich oft eher den ruhigeren Blick, weil ich gerne die Zeit habe, einen Menschen, seine Gesten, seinen Blick anzuschauen.
Warum sind Sie nach dem großen Erfolg von „Nordrand“ nach Berlin gezogen?
Christine A. Maier: Ich mag den Film sehr, ich finde auch, dass er noch immer funktioniert; bei manchen meiner Filme sehe ich jetzt, dass sie vielleicht anders altern werden. Der Erfolg mit 60.000 Zuschauern und der Premiere im Wettbewerb von Venedig war für Barbara und mich damals ein Riesenglück. Nach Nordrand habe ich aber keine wirklichen Angebote in Österreich bekommen, Spielfilme zu drehen. Ich bin zwar nicht deshalb aus Wien weg, aber ich denke, mein Schritt nach Berlin zu gehen, war dahingehend richtig.
Berlin hat mir gefallen, es war größer, es war in vieler Hinsicht freier, offener, und auch der Umgang war ein anderer. Ich hatte das Gefühl, dass ich als Frau in diesem Beruf mehr akzeptiert werde als in Wien. Es gab in Berlin auch viel mehr Kamerafrauen, die im Spielfilmbereich gearbeitet haben. In Wien gab es damals eigentlich keine einzige Kamerafrau. Die österreichischen Kamerafrauen, die damals Spielfilme gemacht haben, wie Elfi Mikesch oder Johanna Heer, haben nicht in Österreich gedreht und gearbeitet.
Sie treten auch offen für eine Quote in der Branche ein.
Christine A. Maier: Es hat sich zwar gebessert, aber von Gleichstellung ist noch lange keine Rede, deswegen bin ich uneingeschränkt für eine Quote. Anders wird sich nie etwas ändern. Schließlich hat es eine sehr lange Zeit quasi eine ungeschriebene Männerquote gegeben. An der Filmakademie hat damals jeder gewusst, dass pro Jahrgang im Kamerabereich maximal eine Frau angenommen wird. 0 oder 1, mehr war nicht möglich. Außerdem öffnet man mit einer Frauenquote ja den Pool, dadurch gibt es mehr Auswahl, und die Qualität steigt. Das sagt mir die Mathematik.
Warum haben Sie eigentlich kaum Dokumentarfilme gedreht?
Christine A. Maier: Ich mag Dokumentarfilme sehr gerne, es hat sich einfach nicht so oft ergeben, das ist hauptsächlich auch eine Zeitfrage. Eine Ausnahme sind Amie Siegels Essayfilme, aber sie plant die Logistik gemeinsam mit mir, was natürlich großartig und sehr schmeichelhaft ist. Die Arbeit mit Amie schätze ich sehr. Es sind Projekte, die eine ganz andere Dramaturgie und Herangehensweise erfordern, da sie meist auch installativ gezeigt werden. So war die Dramaturgie bei Provenance wie ein Kreis angelegt, wo der Zuschauer in jedem Moment hinzutreten kann. In Provenance verfolgen wir Möbelstücke aus Chandigarh, einer indischen Stadt, die von Le Corbusier entworfen und geplant wurde. In den letzten Jahren wurden sie zu Rekordpreisen in Auktionshäusern weltweit verkauft.
Der Film beginnt in den Räumen eingefleischter Sammler in New York, London, Belgien und Paris und zeigt dann vorausgehende Stationen der Möbel wie Auktionen, Besichtigungen, Fototermine für Auktionskataloge, Restaurierung und schließlich Chandigarh. Unser Augenmerk und unser Framing waren ausschließlich auf das Möbelstück konzentriert, alles andere passiert außerhalb oder am Rande des Frames. Dieser Film erzählt viel über das Verhältnis von Design, Kapital und Globalisierung.
Welchen Ihrer Filme mögen Sie besonders? Meistens liegt einem ja der letzte besonders am Herzen.
Christine A. Maier: Auch wenn es jetzt pathetisch klingt, aber in Quo vadis, Aida? ist ein Element drinnen, das über den Film hinausgeht. Das ist schwer in Worte zu fassen. Jasmila hat etwas damit geschaffen, das mehr ist als die Einzelteile. Das hat etwas mit den Energien zu tun, die in den Film geflossen sind, der jahrelange Kampf drum, auch mit sich selbst, weil sie ja den Film eigentlich nicht selbst machen wollte. All das trug zu einer äußerst intensiven Atmosphäre am Set bei, die trotz des schweren Themas immer positiv blieb.
„Quo vadis, Aida?“ soll am 30. April in den österreichischen Kinos starten.
