Deadpool 2

Neu auf Netflix

Deadpool 2

| Oliver Stangl |
Während der dritte Teil wohl noch bis 2023 auf sich warten lässt, lässt sich das Sequel zur erfolgreichen Comicverfilmung auf Netflix streamen.

Mittlerweile ist sie schon als historisch zu sehen, die große Welle an Comicverfilmungen. Nicht zuletzt seit die Kinos geschlossen haben, scheint das alles schon sehr, sehr lange her. Wer es vergessen hat: Marvel sorgte 2008 mit Iron Man (Rezept: Action und One-liner im Minutentakt) für den Startschuss. Was folgte, war eine ebenso beispiellose wie lukrative Schwemme an Filmen (Konkurrent DC mischte ebenfalls mit), in denen kostümierte Helden für das Gute kämpften. Für alle, die sich trotz des unbestritten hohen Unterhaltungsfaktors schließlich doch etwas langweilten, kam 2016 Deadpool (produziert von Fox, das wie Marvel mittlerweile zu Disney gehört) daher: ein unkorrekter Maulheld mit witzigen, teils sogar subversiven Meta-Elementen, der mit sichtlicher Leidenschaft von Ryan Reynolds verkörpert wurde.

Der phänomenale (Überraschungs-)Erfolg des ersten Teils hätte bei Deadpool 2 (2018, jetzt zu sehen auf Netflix) eigentlich zu einem produktionstechnischen Overkill führen können, doch Reynolds, der lange für die Realisierung des ersten Teils gekämpft hatte und auch als Co-Autor und Mitproduzent fungierte, wollte sich weiterhin mehr auf abgefahrenen Humor konzentrieren als auf Schauwerte. Eigentlich nicht unsympathisch. Dafür ist die Handlung der Comicverfilmung anfangs ein wenig zerfahren und braucht eine Weile, um in Gang zu kommen.

Achtung, Spoiler: Vanessa (Morena Baccarin), die Geliebte des Supersöldners Deadpool (Ryan Reynolds), fällt einem Mordanschlag zum Opfer. Dies hat tiefe Depressionen des Antihelden zur Folge, der bereits von einer Familie träumte. Doch nachdem Deadpool so gut wie unzerstörbar ist, kommt auch Selbstmord nicht in Frage. Einige Mitglieder der X-Men wollen Deadpool wieder aufrichten und ihn zu einem der ihren machen, einen richtigen Sinn im Leben findet er aber erst wieder, als er sich um den jungen Mutanten Russell kümmert, in dem destruktive Kräfte schlummern. Hinter Russell – Kampfname Firefist – ist allerdings ein Cyborg aus der Zukunft her: Cable (Josh Brolin) will Russell aus persönlichen Motiven töten. Während Deadpool von Erinnerungen an seine tote Geliebte gequält wird, kommt es zur Gründung einer neuen Superhelden-Gruppe (aus der besonders Zazi Beetz als Glücksritterin Domino heraussticht), entstehen unerwartete Allianzen und wird wieder alles Mögliche in Schutt und Asche gelegt.

Der Look des wie Teil 1 in Kanada gedrehten Films ist, wie gesagt, erneut eher „klein“: Die Farbpalette wird von Grautönen beherrscht, allzu ausgefeilte Plansequenzen gibt es nicht und die Computereffekte sind nicht überbrillant, aber solide. Wie beim ersten Teil ist also auch hier der Humor der große Trumpf; politisch unkorrekte Scherze, Popkultur-Zitate en masse, das Durchbrechen der Vierten Wand, Splattereffekte, Peniswitze und die Verarschung des Genres Comicverfilmung lassen kaum Langeweile aufkommen. Dazu gibt es amüsante Cameos.

Reynolds und der herrlich lakonische Brolin – dessen Rolle mehrere Parallelen zum Terminator-Franchise aufweist –, sind ein gutes Gespann, wie man es aus Buddy Movies kennt. Wenn Cable den nicht totzukriegenden Deadpool fragt: „Who are you?“ und dieser mit „I’m Batman“ antwortet, darf schon gelacht werden (zudem ergeben sich die Parallelen zur Avengers-Reihe, in der Brolin Thanos spielt, quasi von selbst). Die Actionszenen sind besonders dann gelungen, wenn sie übertriebene Gemetzel mit jenem derben Humor verbinden, der in herkömmlichen Superheldenfilmen nicht möglich ist. Schönes Beispiel: Einer der Bösewichte wird unter anderem auf anale Weise bekämpft.

Dadurch, dass der Film kaum etwas ernst nimmt, wird der zu Beginn etablierte tragisch-emotionale Aspekt der Handlung allerdings ein wenig unterminiert, zudem kommt der Reiz des „Neuen“, der den ersten Teil ausmachte, nicht mehr in vollem Ausmaß zum Tragen. Nach dem Ende des Hauptfilms gibt es eine nette Mid-Credits-Montage, die auch Hauptdarsteller Reynolds nicht verschont. Teil drei wurde angekündigt, die Dreharbeiten werden aber wohl erst im Jahr 2022 beginnen. Durch die Fox’sche Disney-Übernahme wird Deadpool dann übrigens ein offizieller Teil des Marvel Cinematic Universe sein – und hoffentlich nicht allzu glattgebügelt.