Deadpool

| Oliver Stangl |

Unsexy Motherfucker

Der kanadische Schauspieler Ryan Reynolds hat sich mit Comicverfilmungen bereits zweimal die Finger verbrannt: So war Green Lantern (2011), in dem er die Rolle des titelgebenden DC-Helden übernahm, ein von der Kritik zerzauster Flop, der Reynolds’ Fähigkeiten als Leading Man infrage stellte. Bereits davor hatte er in der Marvel-Adaption X-Men Origins: Wolverine (2009) die Nebenrolle des Söldners Deadpool übernommen – doch war die in der Vorlage politisch überaus unkorrekte Figur hier dermaßen weichgespült, dass er den Unmut vieler Fans auf sich zog. Reynolds gab jedoch nicht klein bei und machte es sich zur Herzensangelegenheit, einen Film auf die Beine zu stellen, der dem 1991 von Fabian Nicieza und Rob Liefeld ersonnenen Deadpool Gerechtigkeit widerfahren lassen sollte. Zunächst stieß Reynolds dabei auf Ablehnung, doch lag er den nicht wirklich interessierten Verantwortlichen beim Filmstudio Fox mit der Idee so lange in den Ohren, dass das Projekt schließlich doch noch grünes Licht erhielt. Der Einsatz hat sich dabei durchaus gelohnt, Deadpool ist ein nettes kleines Filmchen geworden, das mit dreckigen Witzen ein wenig Subversion im Stil von Matthew Vaughns Kick-Ass (2010) in das wohl populärste Genre der Gegenwart bringt.

Die Handlung beginnt nach kurzem Fast Forward bei den Origins des Antihelden: Das frühere Special-Forces-Mitglied Wade (Reynolds) erledigt gegen Bezahlung allerhand illegale Jobs und hängt nach Feierabend stets in der heruntergekommenen Bar seines Vertrauens ab. Ebendort lernt er eines Tages die Prostituierte Vanessa (Morena Baccarin) kennen. Da beide es dreckig mögen, entspinnt sich eine ebenso romantische wie abgefahrene Liebesgeschichte und alles könnte wunderbar sein – wenn da nicht der Krebs wäre: Wade erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Doch da macht ihm ein zwielichtiger Krawattenträger im Auftrag einer mysteriösen Organisation das Angebot, ihn mit Superkräften auszustatten. Trotz Bedenken nimmt Wade an – und wird in einem schmerzvollen Prozess unter der Leitung des sadistischen Mutanten Francis (Ed Skrein) mit ungeheuren Selbstheilungskräften ausgestattet. Unerwünschte Nebenwirkung: Wade sieht durch die Therapie so aus, als würde er einen Schrumpelarsch im Gesicht tragen und traut sich aus Angst vor Ablehnung nicht mehr, Vanessa unter die Augen zu treten. Nachdem er das Mutantenhospital in die Luft gejagt hat, macht sich Wade im knallengen, knallroten Kostüm und unter dem Kampfnamen Deadpool auf die Jagd nach Bösewicht Franics, in der Hoffnung, dass dieser ihm sein gutes Aussehen zurückgeben könne (und Rache muss natürlich auch sein).

Der große Trumpf des Films sind zweifellos die zahlreichen nicht jugendfreien Witze, die aus Deadpools Schandmaul sprudeln, doch ist der Humor gelegentlich nicht nur dreckig, sondern durchaus clever: In den eröffnenden Credits etwa wird der Regisseur bloß als „overrated tool“ bezeichnet und der Hauptdarsteller als „idiot“. Geschrieben worden sei der Film hingegen von den „real heroes“. Weiters durchbricht der Protagonist gern die vierte Wand, adressiert das Publikum und nimmt das Genre Comicverfilmung aufs Korn. Die Action ist blutig, aber derart splatterhaft übertrieben, dass sie dem Humor nicht in die Quere kommt. Visuell gibt es manchmal nette Momente – die Eröffnung arbeitet mit dem Freeze Frame einer Actionszene, durch die sich Kamera bewegt – doch insgesamt kommt der über allem liegende Graufilter doch ein wenig abtörnend daher. Amüsante Gastauftritte gibt es von den X-Men Colossus (Stefan Capicic) und Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand)– dass sich nicht mehr seiner Kollegen blicken ließen, liege am geringen Budget, so Deadpool. Wie man allerdings Wolverine Hugh Jackman doch noch irgendwie integriert hat, gehört zu den gelungensten Schmähs.

Apropos Schmäh: Bei allem Unterhaltungswert hätte der Film hin und wieder eine kleine Ruhepause von den im Sekundentakt daherkommenden One-Linern einlegen sollen, denn wenn man ständig Witze erwartet, zünden diese nicht mehr ganz so stark. Doch fällt dies nur mäßig ins Gewicht, da die Lauflänge des Films so knackig ist wie der Arsch von Ryan Reynolds, der mit erkennbarem Spaß bei der Sache ist und mit Deadpool wohl die Rolle seines Lebens gefunden hat.