Maues Denkmal mit erhobenem Zeigefinger: zu wenig für eine der ganz Großen.
Manchmal sind dreierlei ähnliche Dinge sehr unterschiedlich gut; so zweifelsohne der Fall bei Marjane Satrapis drei Graphic-Novel-Verfilmungen. Zugegeben stehen vor deren neuester, Radioactive, deutlich andere Vorzeichen: Zum einen insofern, als es sich bei dem in einen Film übersetzten „Radioactive – Marie & Pierre Curie: A Tale of Love and Fallout“ nicht um ihren eigenen grafischen Roman handelt, zum anderen steht die Biografie der weltberühmten Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Curie eben auch weniger im Naheverhältnis zu jener der Künstlerin selbst. Spielten der autobiografische, allerorts gefeierte Animationshit Persepolis (2007) und der wohlwollend aufgenommene Live-Action-Nachfolger Chicken with Plums (2011) noch weitgehend im Iran, stellt in dem nun auch im deutschsprachigen Raum auf Amazon Prime streamenden Streifen das Paris der Jahrhundertwende die Szenerie.
Anfangs notgedrungen aus Pragmatismus beginnt Maria Salomea Skłodowska, solide verkörpert von Rosamund Pike, im Labor von Pierre Curie zu forschen, woraus sich bekanntermaßen rasch eine bahnbrechende Wissenschafts-Partnerschaft, aber auch eine Liebesbeziehung ergibt. Zwei neue chemische Elemente, erste Anerkennung und zwei Kinder später verunglückt der schon von radioaktiver Strahlung geschwächte Pierre, und Marie Skłodowska Curie sieht sich als polnische Einwanderin und Frau der Wissenschaft mit starkem eigenen Willen wieder Anfeindungen und Ächtung ausgesetzt. Während die Jahre vergehen, es auch mit ihrer Gesundheit rapide bergab geht und bis sie an der Seite ihrer Tocher Irène Soldaten des I. Weltkrieges mit einem mobilen Radiografen therapiert, setzen sich die alleinigen Irritationsbausteine einer sonst schnörkellosen, fast schon erschreckend konventionellen (nicht trotz, sondern auch durch surrealistische Traumsequenzen) Lebenschronologie dramatisch fort: In durch Text-Einblendungen verorteten Flash-Forwards werden in meist fatalistischer Manier Ereignisse nachgestellt, die sich nach dem Ableben Curies und möglich gemacht durch ihre Entdeckung abspielen: Zuerst medizinische Strahlentherapie, dann aber Hiroshima, Nuklear-Tests in Nevada, Chernobyl. Zaunpfahl-Wink: „Weil du damals … !“
Diese Zwischenschnitt-Einschübe fungieren zwar als letzter Rettungsanker vor einer Ehrenmitgliedschaft in der Universum-History-Reihe, sind jedoch mehr an seidenen Fäden als an stabile Seilen befestigt. Zu spürbar kunstvoll sind sie gemeint und zu schal schmecken sie nach kausalistischer Agenda. Interessant ist Radioactive dadurch, dass er eine derart herausragende Persönlichkeit der jüngeren Weltgeschichte zur Protagonistin hat, nicht aber durch die filmische Umsetzung ihrer zweiten Lebenshälfte selbst. So bleibt das etwas schmerzhafte Fazit, dass dem Biopic der doppelten Nobelpreisträgerin das Platzen der Kinostarts vielleicht nicht einmal schlecht getan hat, denn im eigenen Streaming-Haus ist die Amazon-(Ko-)Produktion – so ehrlich muss man einfach sein – wohl ohnehin besser aufgehoben als auf großen Leinwänden.
