Persepolis – Die Prophetin mit den rasierten Beinen

| Bettina Schuler |

Mit der Verfilmung ihrer als Comic erschienenen Autobiografie setzt die Zeichnerin Marjane Satrapi den Schrecken der iranischen Revolution ein Lachen entgegen.

Wir denken in Comics“, schreibt Maus-Zeichner Art Spiegelman in seiner Einführung zu Keiji Nakazawas autobiografischem Comicstrip Barfuß durch Hiroshima. „Das kleine Format und die Unmittelbarkeit eines Mediums, das etwas vom Schreiben mit der Hand hat, verleiht ihm eine Intimität, die es auch für die Autobiografie erstaunlich geeignet macht“. Diese Qualität von Comics, die sich Spiegelmann selbst für Maus zunutze machte, in dem er das Schicksal seiner jüdischen Familie während des Holocaust verarbei-tet, hat auch Marjane Satrapi für ihre Autobiografie gewählt. 1969 im Iran geboren und in Teheran aufgewachsen, wurde sie von ihren Eltern nach Wien geschickt, um der restriktiven Herrschaft der Mullahs und den Bedrohungen des iranisch-irakischen Krieges zu entgehen. Nach ihrer Rückkehr in den Iran, in der sie eine kurze Ehe mit einem Kommilitonen ein-ging, ließ sie sich 1994 in Frankreich nieder, wo sie bis heute als Kinderbuchillustratorin und Comic-Zeichnerin lebt. 2000 gelang ihr der Durchbruch mit ihrer vierteiligen Biografie, die in Frankreich beim Comics-Verlag L’Association veröffentlicht wurde. Dank Zeichner und Mitbegründer David B., der sich in seinen Co–mics ganz ähnlich wie Satrapi seiner Familiengeschichte widmete, war man dort für ein solches Projekt aufgeschlossen. Mittlerweile wurde Persepolis in 25 Sprachen übersetzt und ist unter anderem beim Schweizer Verlag Edition Moderne auf Deutsch erschienen, der auch ihre beiden Comics Huhn mit Pflaumen und Sticheleien veröffentlichte, in denen sich Marjane Satrapi ebenfalls ihrer Familiengeschichte widmet.

Mutter und Tochter

Nachdem ihr mehrere Leinwandadaptionen von Persepolis angeboten wurden, entschied sie sich, das Projekt zusammen mit dem Zeichner Vincent Paronnaud selbst in die Hand zu nehmen. Zudem gelang es ihr, für den Film enorm populäre Stimmen zu gewinnen: Catherine Deneuve und Tochter Chiara Mastroianni sprechen Marjanes Mutter und Marjane. Die beiden kann man auch im deutschsprachigen Raum hören, wenn man in den Genuss der französischen Originalfassung mit Untertiteln kommt. Aber auch die deutsche Synchronisation kann sich hören lassen: Es sprechen unter anderen die iranischstämmige Jasmin Tabatabai, Nadja Tiller und Hanns Zischler.

Für das Ergebnis wurden die beiden Comics-Künstler beim diesjährigen Festival in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. 2008 wird Persepolis bei der Oscar-Verleihung in der Kategorie Bester nicht englischsprachiger Film für Frankreich ins Rennen gehen. Zu Recht: Denn selten hat man eine Comics-Verfilmung gesehen, die mit einfachen Mitteln eine so komplexe Geschichte wie die von Satrapis politisch engagierter Familie einfängt und, ganz nebenbei noch, die Historie des Iran aufrollt. Ebenso wie in ihren Comics verwendet Satrapi für die Verfilmung einer Kindheit inmitten der iranischen Revolution einfach gehaltene Schwarzweißzeichnungen. Nur die Rahmenhandlung, in der Satrapi zum Flughafen Orly fährt, um aus ihrer zweiten Heimat Frankreich wieder in den Iran zu fliegen, ist in bunten Zeichnungen gehalten. Zudem sind in einigen Sequenzen, wie in jener, in der Marjanes Vater seiner kleinen Tochter den Aufstieg des Schahs erklärt, den Comic-Panels kleine Details hinzugefügt und die einzelnen Protagonisten ausgeschmückt. Doch ansonsten orientieren sich die beiden Autoren eng an der Comic-Vorlage. Sie zeichnen die Familie als freundliche Personen mit dunkeln Haaren, markanten Gesichtern und wachen Augen, in deren Mitte die freche Marjane lebt, die sich 1978, als die Islamische Revolution im Iran beginnt, für Pommes Frites mit Ketchup, Bruce Lee und Adidas-Schuhe interessiert und die sich für die Zukunft nur zwei Ziele gesetzt hat: „Die Beine rasieren können und die letzte Prophetin der Galaxie“ zu werden. Doch die Revolution beendet schlagartig das problemlose Leben des kleinen Mädchens. Verbote, Verfolgung und Demütigungen bestimmen fortan das Leben Marjanes und das ihrer modernen, aufgeschlossenen Eltern, die sich politisch engagieren. Bei der Schilderung der Straßenkämpfe, die den Anfang des Films bestimmen, wird deutlich, dass sich Satrapi und Paronnaud stilistisch am deutschen Film-Expressionismus orientieren. So sind die Figuren in den Straßenkampfszenen vollkommen schwarz gehalten und gesichtslos und erinnern an die Protagonisten aus Lotte Reinigers Scherenschnittfilmen. Sie bewegen sich in einem diffusen, nebelartigen Licht, das die Figuren in eine fast traumwandlerische Umgebung taucht und den Zuschauer an die kontrastreiche Beleuchtung der expressionistischen Stummfilme erinnert.

Punk ist nicht tot

Ohnehin ist Persepolis eine Comics-Adapation, die, wenn auch thematisch völlig gegensätzlich, ähnlich „filmisch“ wie die TV-Serie The Simpsons umgesetzt ist: Establishing Shot, Schuss – Gegenschuss,
Nahaufnahmen, Auf- und Abblenden. Die filmische Sprache folgt den Regeln des klassischen Erzählkinos. Die kleine Marjane bewegt sich in dieser Erzählung mit ihrer kindlichen Neugier und frechem Wesen durch den grauen iranischen Alltag und verleiht dem Film dadurch trotz der Schwere des Themas eine Leichtigkeit, die nicht zu verwechseln ist mit einem Herunterspielen des Geschehenen. Vielmehr ist der Film ein Lachen, das Satrapi der Brutalität und dem Terror in ihrer alten Heimat entgegensetzt. Zugleich gelingt es ihr, durch ihr eigenes, junges Ich der Liebe zu ihrem Land und ihrer Heimat ein Gesicht zu geben und dem Zuschauer zu zeigen, dass es trotz Verboten und Repressalien einen lebenswerten Alltag gibt, in dem sich iranische Mädchen für die gleichen Dinge interessieren wie die westlichen Teenager.

Besonders beeindruckend ist die Szene, in der die kleine Marjane ihren Onkel Anusch im Gefängnis besucht. Sie ist die letzte Verwandte, die ihr Onkel in seinem Leben sehen wird, denn kurze Zeit später wird er im Zuge der „revolutionären Säuberungen“ hingerichtet. Diese Szene, in der kein vorlauter Spruch von Marjane fällt, die ansonsten immer den Situationen die Schärfe nehmen, verdeutlicht, wie existenziell be-droht das Leben von Satrapi und ihrer Familie war, und auf welchen schmalen Grat sie sich mit ihren kleinen, revolutionären Gesten be-wegten. So rückt der autobiografische Charakter der Geschichte wieder in den Vordergrund, den man durch die Niedlichkeit der Figuren und den Wortwitz, mit dem sie ihrem Schicksal begegnen, in manchen Momenten fast vergisst.

Marjane Satrapi gelingt es, Bilder für den Schrecken der iranischen Revolution zu finden, die unglaublich authentisch wirken und unter die Haut gehen. Ein Film, der zeigt, dass auch in einem Leben unter dem Mullah-Regime „Punk not ded“ (so schreibt es jedenfalls die klei-ne Marjane) sein muss.