Sommer 85 Film

Sommer 85 | Interview

Die Schönheit der Flucht

| Pamela Jahn :: Dieter Oßwald |

François Ozon über seinen Film „Sommer 85“, den Roman von Aidan Chambers, der ihn seit 35 Jahren begleitet, über Fassbinder und über seine Vorliebe für großes Kino.

François Ozon ist einer, mit dem man rechnen muss. Immer wieder. Und stets aufs Neue. Keiner seiner Filme ist wie der vorige, was bei einem Regisseur, der seit seinem Langfilmdebüt Sitcom (1998) mit einer fast schon unheimlichen Regelmäßigkeit beinahe jedes Jahr einen neuen Film produziert, durchaus etwas heißen will. Natürlich lassen sich auch bei ihm bevorzugte Themen und Muster erkennen: Ob Mord oder Missbrauch, Inzest oder Masochismus, Liebe und Melodram oder das ewige Spiel mit Emotionen und Illusionen, Ozon verhandelt in seinen Filmen jede Form von Sexualität in einer Art und Weise, die entweder düster ist oder grotesk, ungeniert erotisch, klug und provokant und vor allem immer für eine Überraschung gut. Vieles dabei erinnert an Fassbinder, den er verehrt, aber auch alles Schräge, Mysteriöse und Schwüle begeistert ihn sehr. Oftmals sind es die unendlichen, unergründlichen Facetten der Weiblichkeit, die in Werken wie 8 Femmes (2002) oder Swimming Pool (2003), Angel (2007) und Potiche (2010), Jeune et Jolie (2013) sowie Frantz (2016) regelmäßig seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Doch der Franzose liebt das Rollenspiel in jeder Variation und schreckt auch nicht davor zurück, einem Baby Flügel zu verleihen (Ricky, 2009) oder wie in Une Nouvelle Amie (2014) von einem Ehemann zu erzählen, der in die Kleider seiner verstorbenen Frau schlüpft und anschließend zur Geliebten ihrer besten Freundin wird. Nach seinem kontroversen Drama Grâce à Dieu (2018) über sexuelle Übergriffe auf Jungen in der Katholischen Kirche und den 2016 diesbezüglich angeklagten Priester Bernard Preynat aus dem Erzbistum Lyon, dauerte es einen Moment länger, bis er sein nächstes Projekt in Angriff nahm. Mit Sommer 85 ist nun der raffinierte Spieler Ozon auf der Leinwand zurück, der gerne blendet, täuscht und verblüfft und dem europäischen Erzählkino mit einer verlockend zwanglosen vermeintlichen Unschuld entgegentritt. Lose basierend auf dem Jugendroman Tanz auf meinem Grab von Aidan Chambers aus den achtziger Jahren, erzählt er darin vom Aufkeimen einer zarten Sommerromanze zwischen dem 16-jährigen Alexis (Félix Lefebvre) und seinem „Retter“ David (Benjamin Voisin), der Alexis eines Tages wie aus dem Nichts bei einem Segelunfall zur Hilfe kommt und folglich die Hauptrolle in seinem bescheidenen Leben in der französischen Küstenprovinz übernimmt. Auf eine kurze Zeit des unbeschwerten Glücks folgen bald Eifersucht und Streit, ein inniges Geheimnis und ein Hauch von Krimi – beste Voraussetzungen für Ozon, um auch diesem sonst so leichten, schmalen Film einen eigenen Charakter zu verleihen.

Monsieur Ozon, Sie wollten den Roman „Tanz auf meinem Grab“ von Aidan Chambers seit 35 Jahren verfilmen. Weshalb hat es derart lange gedauert?
François Ozon: Dinge passieren, wenn sie passieren sollen. Es ist bisweilen ganz gut, eine gewisse Reife und Distanz zu haben. Den Roman las ich 1985 mit 17 Jahren, damals träumte ich davon, Regisseur zu werden. Und dieses Buch hätte der Stoff für meinen ersten Film werden sollen. Vor allem die Position des Beobachters hatte mich dabei interessiert. Als alter Mann kann ich nun zu diesem Punkt meiner Jugend zurückkehren und mich meiner melancholischen Nostalgie hingeben. (Lacht)   

Wäre der Film von einem jungen Wilden anders ausgefallen?
François Ozon: Hätte ich den Film früher gemacht, wäre er vollkommen anders ausgefallen. Es hätte vermutlich mehr Gewalt gegeben, alles wäre weniger charmant und sexy ausgefallen. Jetzt porträtiere ich die Teenager ja mit einer großen Zärtlichkeit.

Der Soundtrack reicht von Bananarama über The Cure bis zu Rod Stewarts „Sailing” – da kann man leicht nostalgisch werden. Waren die achtziger Jahre für Sie die gute alte Zeit?
François Ozon: Es war ein besonderes Vergnügen für mich, filmisch in diese Zeit zurückzukehren: Von der Mode über die Ausstattung bis zur Musik. Für die Zuschauer stellen sich schnell nostalgische Gefühle ein, zumal unsere aktuelle Zeit nicht unbedingt einfach ist. Allerdings sollte man das nicht zu verklärt sehen: Ganz so happy waren die Achtziger nicht, auch damals gab es große Probleme wie Aids oder die Arbeitslosigkeit.

Die Szene in der Disco mit dem Walkman erinnert stark an den französischen Teenie-Film-Klassiker schlechthin. Was halten Sie von „La Boum“ meets „Call Me By Your Name“?
François Ozon: La Boum war ein enormer Erfolg und für mich als Teenager ein ganz wichtiger Film. Call Me By Your Name gefällt mir gut, wobei ich das Buch nicht gelesen habe. Es gibt durchaus Parallelen zwischen den beiden Filmen, letztlich jedoch sind sie doch ganz unterschiedlich.

Sie erzählen eine Lovestory und einen Krimi. Die sexuelle Orientierung spielt überhaupt gar keine Rolle mehr. Ist queer das neue normal?
François Ozon: Genau dieser Umstand hat mir sehr gefallen, als ich den Roman 1985 las. Diese große Selbstverständlichkeit im Umgang von Schwulsein war damals alles andere als üblich. Hier gibt es nicht die übliche Selbstzweifel, keine Probleme mit Coming-out oder Homophobie. Und auch Aids spielte zu dieser Zeit noch keine Rolle. Es war einfach eine ganz universelle Liebesgeschichte, die mich schwer beeindruckte.

Wer Ihre Filme kennt, dürfte mit „Sommer 85“ einige Déjà-vu-Erlebnisse bekommen. Cross-Dressing kennt man aus „Ein Sommerkleid“ oder „Eine neue Freundin“; die Szene in der Leichenhalle in „Unter dem Sand“; eine Beziehung zu einem Professor in „In ihrem Haus“; der Friedhof in „Frantz“- das kann kaum Zufall sein?
François Ozon: Diese Szenen finden sich alle im Roman, davon ist nichts von mir erfunden. Als ich vor zwei Jahren „Tanz auf meinem Grab“ nochmals las, war ich tatsächlich schockiert. Offensichtlich war dieser Roman unbewusst derart wichtig für mich, dass mich Elemente daraus viel später für Szenen in ganz unterschiedlichen Filmen inspirierten. Ich wurde vom Autor Aidan Chambers bei meinen Filmen beeinflusst, ohne es überhaupt zu merken.

Welche Szenen aus dem Roman finden sich in Ihrem neuen Film „Peter von Kant“, einer Adaption von Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“?
François Ozon: Vielleicht gibt es Parallelen, wenn es um das Prinzip der Liebe geht. So unterschiedlich ein Paar sein mag, ist es in der Liebe doch vereint. Da treffen sich die Werke von Chambers und Fassbinder.

Sie sind Fan von Fassbinder, haben sein Bühnenstück „Tropfen auf heiße Steine“ verfilmt und bei der Berlinale präsentiert. Was macht seine Faszination aus?
François Ozon: Tropfen auf heiße Steine ist zwanzig Jahre her, damals hatte ich den Eindruck, die Deutschen mögen Fassbinder nicht besonders. Mittlerweile hat sich das wohl geändert, man erkennt auch in Deutschland die Fähigkeiten und das Genie von Fassbinder. Entsprechend neugierig bin ich auf die Reaktionen, die es auf Peter von Kant geben wird.

Sie haben den Film auf klassischem Super-16 gedreht statt digital, was gab dafür den Ausschlag?
François Ozon: Auf Super-16 habe ich meine ersten Kurzfilme gedreht. Damals war das Material übrigens weitaus günstiger als heute! Ich mag diese grobe Körnigkeit, die so spezifisch für diese Art von Filmmaterial ist. Die Farben wirken einfach viel schöner. Es gibt eine gewisse Unschärfe, die gerade bei Großaufnahmen der Haut sehr sinnliche Ergebnisse erzeugt, wie man sie digital nie erreichen kann.

In Deutschland haben sich unlängst 185 Schauspieler auf dem Titel des „Süddeutsche“-Magazins zu ihrer sexuellen Orientierung bekannt, #actout hat für viel Furore gesorgt. Wäre das für Frankreich eine gute Idee oder gar nicht notwendig?
François Ozon: In Frankreich möchten die Menschen ungern katalogisiert werden. Niemand möchte auf eine einzige Sache reduziert werden. Deswegen wird auch über Sexualität gar nicht so groß gesprochen. Coming-out ist längst kein so großes Thema wie etwa in den USA. Es sollte kein Problem sein, aber es wird wenig darüber geredet.

Was halten Sie von der Forderung, wonach queere Figuren nur von queeren Schauspielern verkörpert werden sollten?
François Ozon: Das finde ich total dumm. Das würde dann ja auch bedeuten, dass ich als Mann keine Filme über Frauen drehen darf. Künstler müssen offen sein für unterschiedliche Erfahrungen und sich in verschiedene Rollen hineinfinden können. Ob jemand schwul ist oder heterosexuell, macht dabei überhaupt keinen Unterschied. Entscheidend ist vor allem die Sensibilität.

Nach fast zwei Dutzend Filmen, ist der Job auf dem Regiestuhl für Sie einfacher geworden oder schwieriger, weil Sie Ihre Unschuld verloren haben?
François Ozon: Die Unschuld hatte ich nie, das ist mein Problem. Wenngleich ich vielleicht unschuldig ausgesehen habe. (Lacht) Die Ideen sind mir nie ausgegangen. Es wird jedoch immer schwieriger, eine Finanzierung zu finden und seine Freiheit zu behalten. Zum Glück bin ich in Frankreich erfolgreich genug, um einen schwierigen Film wie Gelobt sei Gott drehen zu können. Auch Sommer 85 konnte ich ohne Vorgaben, wie zum Beispiel eine Star-Besetzung, realisieren. Mein Vorteil ist, dass ich genau weiß, wie viel ein Film kosten darf. Das lernt man, wenn man viele Kurzfilme dreht.

Bieten Streaming-Anbieter wie Netflix und Co. kein finanzielles Paradies für kreative Köpfe?
François Ozon: Für mich ist es politisch wichtig, die Kinos und die große Leinwand zu verteidigen. Aber vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn ich ein Projekt finde, dass sich perfekt für Netflix eignet.

Am Ende des Films sagt Alexis: „Das einzig Wichtige ist, dass wir alle irgendwie aus unserer Geschichte kommen!“ Was hat es damit auf sich?
François Ozon: Das ist die letzte Zeile im Roman. Mir klingt das sehr geheimnisvoll und offen für Interpretationen. Für mich steht der Satz dafür, dass wir durch Eltern und Gesellschaft geprägt werden, etwas Bestimmtes darzustellen. Aber die Schönheit des Lebens besteht in der Flucht. Niemand soll sich vorschreiben lassen, wie er zu sein hat. Für mich ist das ein persönliches Motto. Meine Eltern hatten mit Kino überhaupt nichts am Hut, für sie war es ein Schock, als ich meinen Berufswunsch äußerte. Aber ich bin der Fremdbestimmung erfolgreich entkommen!