Gelobt sei Gott

Filmkritik

Gelobt sei Gott

| Pamela Jahn |
François Ozon legt sich mit der Katholischen Kirche an.

Wenn ein Film auf hochaktuellen, wahren Begebenheiten beruht, läuft er unweigerlich Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten. So erging es auch François Ozons Grâce à Dieu, der im Februar auf der Berlinale zwar mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, dessen Filmstart in Frankreich aber lange nicht geklärt war. Denn der Prozess gegen den Priester Bernard Preynat aus der Diözese in Lyon, der 2016 wegen sexueller Übergriffe auf Dutzende von Jungen angeklagt wurde, steht weiterhin bevor. Und genau davon handelt Ozons ernstes Drama, in dem er die Geschichte über die Opfer aufrollt, die als erwachsene Männer bis heute mit den offenen Wunden kämpfen, die die Vergangenheit hinterlassen hat.

Den Stein ins Rollen bringt Alexandre (Melvil Poupaud), liebevoller Ehemann und Vater aus Lyon, der beschließt, sein Schweigen zu brechen, als er eines Tages durch Zufall erfährt, dass Preynat (Bernard Verley) noch immer mit Jugendlichen arbeitet. Also schreibt er einen Brief an den zuständigen Kardinal Philippe Barbarin, um seinem Schmerz und seiner Empörung Luft zu machen. Auf den ersten folgen weitere Briefe, dazu Gespräche und Treffen, zunächst mit seiner Mitarbeiterin Régine Maire, dann mit dem Kardinal selbst und schließlich sogar mit Preynat. Doch obwohl Letzterer offen zu seinen Taten steht und Alexandre von der Kirche Zuspruch erhält, rührt sich nichts. Also erstattet Alexandre Anzeige, gräbt tiefer und stößt in seiner Suche nach nicht verjährten Fällen auf François (Denis Ménochet) und Emmanuel (Swann Arlaud). Auch sie waren Pfadfinder, auch sie haben unter Preynat gelitten, jedoch jeder auf seine Weise – so wie sie auch im Nachhinein jeder für sich und dadurch doch gemeinsam gegen den Priester und das System angehen.

Ozon erzählt seine Geschichte viel aus dem Off, lässt Briefe sprechen und Blicke lenken, weil darin mehr zum Ausdruck kommt als im offen Gesagten. Dass er sich dabei streckenweise im Detail verliert, oftmals zu nah dran ist, um tatsächlich großes Kino zu erzeugen, sei ihm nachgesehen. Was hier mehr wiegt, ist sein Engagement und dass er mit Verstand und Gefühl einen Fall auf die Leinwand projiziert, der bestürzt und bewegt. Am Ende weiß man, dass Preynat bisher nicht rechtskräftig verurteilt ist. Dieser Hinweis macht den Film noch einmal um einiges schwerer, wichtiger und dringlicher. Bisher ist lediglich der Erzbischof wegen der Vertuschung von Kindesmissbrauch verurteilt worden. Die Katholische Kirche schweigt weiterhin. Kann man da noch an Gott glauben? Das fragt auch Ozon am Schluss. Die Antwort bleibt jedem selbst überlassen.