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Cannes 2021 | Blog 3

Zeichen und Wunder

| Pamela Jahn |
Die Goldene Palme geht in diesem Jahr an die französische Regisseurin Julia Ducournau.

Jurypräsident Spike Lee konnte es gar nicht abwarten, der Welt die freudige Botschaft zu verkünden. Er platzte bei der feierlichen Abschlussveranstaltung am gestrigen Abend schon viel zu früh damit heraus, dass Julia Ducournaus Titane in diesem Jahr als bester Film ausgezeichnet werden würde, da waren die anderen Preise noch längst nicht alle vergeben. Aber die ungestüme Euphorie sei ihm verziehen, immerhin geschieht nicht oft, was die Internationale Jury heuer unter seinem Vorsitz vollbracht hat. Denn die 37-jährige Julia Ducournau ist damit nicht nur die zweite Frau in der Geschichte des Filmfestivals, die mit der Goldenen Palme geehrt wird. Nein, sie ist die erste alleinige Gewinnerin überhaupt. 1993 hatte sich Jane Campion ihren Preis für Das Piano noch mit Chen Kaige für seinen Film Lebewohl, meine Konkubine geteilt.

Aber nicht nur die Tatsache, dass endlich eine Regisseurin allein in Cannes triumphiert, ist eine Sensation. Ducournau hat mit ihrem Film das scheinbar Unmögliche geschafft: Titane ist Genrekino pur, „ein gestörter Cocktail aus Empörung, Exzess, konzeptueller Grausamkeit und bloßer Albernheit“, wie das Branchenblatt „Screen International“ in seiner Kritik verlauten ließ. Die Bilder, die sie dafür findet, sind oft ungemütlich, tun weh und weisen bei aller Krassheit dennoch eine tiefe Verletzlichkeit auf. Agathe Rousselle spielt die junge Frau mit Mordlüsten und Autofetisch im Zentrum des Geschehens als wahre Naturgewalt: erst als kühl berechnender Vamp, dann als verstörter Jüngling, bis sich aus dieser explosiven Mischung langsam ein faszinierendes, an den Kräften zehrendes transhumanes Wesen entwickelt.

Zu gerne hätte man die Reaktion von Thierry Frémaux gesehen, als er von der Entscheidung der Jury erfuhr, der in diesem Jahr auch Jessica Hausner angehörte. Zuletzt hatte 2019 der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho die Goldene Palme für seine grandiose düstere Gesellschaftssatire Parasite erhalten, und eigentlich dachten damals bereits alle, dies sei eine kleine Revolution. Die Ankunft von Titane mit einem Knall in der Kinolandschaft ist deshalb umso wichtiger und willkommener, als dass sie eine neue Ära für das Festival einleitet, oder besser: Man hofft, dass sie es tut. Denn mit starken Filmen von Asghar Farhadi, François Ozon, Hamaguchi Ryusuke, Leos Carax und Jacques Audiard im Angebot hätte das Ergebnis auch durchaus anders ausfallen können. Vor allem, dass Letzterer mit seinem Film Les Olympiades leer ausging, überrascht im Nachhinein vielleicht am meisten.

Mit dem Großen Preis der Jury, der zweitwichtigsten Auszeichnung des Festivals, wurden in diesem Jahr zwei Filme geehrt: das in einem Zug spielende Roadmovie Compartment N°6 des Finnen Juho Kuosmanen sowie Asghar Farhadis Gesellschaftsdrama A Hero, in dem der zweifache Oscar-Gewinner mit einem hervorragenden Drehbuch und einer aufmerksamen Kamera zu seiner alten Form zurückfindet. Der Preis für die beste Regie ging an den kompromisslosen französischen Auteur Leos Carax für sein Sparks-Pop-Art-Musical Annette, mit dem das Festival vor elf Tagen eröffnet wurde. Dem im Vorfeld der Preisverleihung als leiser Favorit geltenden dreistündigen Drama Drive My Car des Japaners Ryusuke Hamaguchi blieb der Drehbuch-Preis sowie weitere Ehrungen durch die Ökumenische als auch durch die Filmkritik-Jury.

Ebenfalls geteilt, ging der Preis der Jury in diesem Jahr zum einen an Memoria von Apichatpong Weerasethakul, zum anderen an Ahed’s Knee des israelischen Regisseurs Nadav Lapid, der 2019 für seinem Film Synonymes bereits den Goldenen Bären bei der Berlinale erhalten hatte. Und auch wenn solche Doppelentscheidungen immer etwas ungerecht erscheinen, gönnt man in dem Fall insbesondere Memoria die Aufmerksamkeit, einem Film, für den der thailändische Regisseur zum ersten Mal nicht in seiner Heimat, sondern in Kolumbien gedreht hat, um dort gemeinsam mit Tilda Swinton in der Hauptrolle die Grenzen zwischen Realität und Illusion, Erinnerungen und Visionen auszuloten.

Der Preis für den besten männlichen Darsteller, den Spike Lee mit seiner vorschnellen Ankündigung des Hauptgewinners etwas in den Schatten rückte, erhielt Caleb Landry Jones für seine Rolle in dem präzise beobachteten australischen Thriller-Drama Nitram von Justin Kurzel. Der US-Schauspieler spielt darin den jungen Mann mit Borderlinesyndrom, der 1996 das Massaker in Port Arthur auf Tasmanien verantwortete, das bis heute die jüngere Geschichte des Landes überschattet. Als beste weibliche Darstellerin wurde die Norwegerin Renate Reinsve für ihre Rolle in The Worst Person in the World von Joachim Trier ausgezeichnet, der ebenfalls viele Kritiker vor Ort mit seiner originellen Erzählweise beindruckt hatte. Gegönnt hätte man den Preis jedoch auch der aktuell schwer angesagten Luxemburgerin Vicky Krieps für ihre Rolle in Bergman Island von Mia Hansen-Løve, die sich darin an der Seite von Tim Roth als eine mit sich selbst und ihrer Kunst ringende Drehbuchautorin auf die Spuren des großen schwedischen Auteurs begibt.

Insgesamt muss man der Jury in diesem Jahr wohl zugute halten, bis auf das Versäumnis in Sachen Audiard, aus diesem Wettbewerb tatsächlich im Großen und Ganzen die beachtlichsten Filme prämiert zu haben. Bei 24 Titeln sicherlich kein leichtes Unterfangen. Und auch wenn es nur wenige wirklich schmerzhafte Enttäuschungen gab, so waren einige der Spitzenkandidaten wie Nanni Moretti , Bruno Dumont und Sean Penn eindeutig mit bestenfalls Mittelmaß im Wettbewerb vertreten. Filmschaffende mit formal und inhaltlich spannenderen Filmen wurden dagegen in die Nebenreihen abgeschoben, wie beispielsweise Andrea Arnolds hervorragendes Tier-Doku-Essay-Porträt Cow, das stattdessen im Rahmen der neu eingeführten Cannes Premieres-Reihe gezeigt wurde, oder Radu Munteans kraftvolles, leise beunruhigendes Drama Întregalde, das in der Sektion Director‘s Fortnight lief.

Noch zwei Filme hätten eigentlich einen Platz im Wettbewerb verdient, wurden dafür aber um so verdienter in der zweitwichtigsten Sektion Un Certain Regard gefeiert: Für seine unerschrockene Originalität ehrte die Jury unter dem Vorsitz von Andrea Arnold den übersinnlichen isländischen Beitrag Lamb, in dem Noomi Rapace eine Mutter spielt, die sich liebevoll um ein ungewöhnliches Lamm kümmert, als sei es ihr Kind. Aber auch Große Freiheit, der einzige österreichisch-deutsche Spielfilm im Rennen, ging nicht leer aus, sondern wurde mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Dem 1976 in Kitzbühel geborenen Sebastian Meise sei der Erfolg gegönnt. Mit großem Feingefühl und schauspielerischen Höchstleistungen vom Franz Rogowski und Georg Friedrich behandelt der Film die Verfolgung von Homosexuellen in Nachkriegsdeutschland und erzählt eine tief berührende Geschichte, wie aus Ablehnung, Hass und Widerstand langsam Freundschaft, Vertrauen und Liebe entstehen können.

Wie es 2022 weiter gehen wird in Cannes und ob der Sieg für Titane tatsächlich etwas in den festgefahrenen Köpfen der Festivalleitung bewegen kann, wird sich zeigen. Für den Moment ist die Begeisterung groß, und man darf gespannt sein, wie sich dieses ungewöhnliche Kinojahr noch entwickeln wird. In weniger als zwei Monaten richten sich die Augen bereits auf Venedig. Positive Überraschungen wie an der Croisette wären auch auf dem Lido durchaus willkommen.

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